Pikrinsäure: Sprengstoff im Schulschrank
VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 13.08.2008 - 13:24Pikrinsäure (RPO). Gestern wurden an einem Duisburger Berufskolleg 40 Gramm der hochexplosiven Chemikalie Pikrinsäure kontrolliert gesprengt. Am Montag waren zwei Schulen in Herne und Witten betroffen. In den vergangenen zwei Wochen waren Experten des Landeskriminalamtes an zehn Schulen im Einsatz.
Dienstag war es ein Berufskolleg in Duisburg, am Montag waren es zwei Schulen in Witten und Herne. Und in einer Düsseldorfer Schule im Stadtteil Kaiserswerth rückten in den vergangenen Tagen gleich zweimal die Sprengstoff-Experten des Landeskriminalamtes an. Der Grund ist hochexplosive Pikrinsäure, die sich für Experimente in vielen Schulschränken finden lässt.
Was ist Pikrinsäure?
Pikrinsäure ist eine geruchlose, bitter schmeckende Säure, die sich nur schwer in kaltem Wasser, etwas besser in warmem und gut in Alkohol löst. Der Schmelzpunkt liegt bei 122 Grad.
Warum ist Pikrinsäure so gefährlich?
Solange die Säure gelöst, also flüssig, ist, besteht zunächst keine Gefahr. Getrocknet aber bilden die zitronengelben Kristalle einen hochexplosiven Sprengstoff. Die Detonationsgeschwindigkeit erreicht mit 7100 Meter pro Sekunde um zehn Prozent höhere Werte als das bekannte TNT. Zudem reicht schon ein Schlag, Reibung oder eine Erwärmung aus, um die Säure zu zünden. Kommt sie mit Metallen oder Ammoniak in Berührung, bilden sich hochexplosive Salze: die Pikrate. Und die sind so berührungsempfindlich, dass die meisten Armeen seit Ende des Ersten Weltkriegs trotz der hohen Explosivkraft auf Pikrinsäure in Granaten verzichtet haben. Die Unfallgefahr war zu groß.
Ist das die einzige Gefahr?
Nein, Pikrinsäure ist hochgiftig. Bei Kontakt kann die Chemikalie zunächst zu schweren allergischen Reaktionen führen. Zudem nimmt der Körper die Säure auch über die Haut auf. Bereits ein bis zwei Gramm können zu schweren Vergiftungen führen: Die roten Blutkörperchen, die Sauerstoff durch die Blutgefäße transportieren, werden zerstört und die Nieren geschädigt.
Was sucht dieser Stoff dann in der Schule?
Einige Schulen nehmen die schwierige Herstellung von Pikrinsäure in Chemie-Leistungskursen durch. Die Chemikalie eignet sich anschließend für eine ganze Reihe von Experimenten. So kann damit Seide oder Wolle eingefärbt werden. Zudem lässt sich mit der Säure Zucker in einer Blutprobe nachweisen. Industriell wird die Säure in Zündhölzern, in farbigen Gläsern oder als Beizmittel eingesetzt.
Worauf muss beim Umgang mit der Säure geachtet werden?
Auf jeden Fall sollten immer Schutzhandschuhe getragen werden, um jeden Hautkontakt zu vermeiden. Zudem muss die Säure stets flüssig gehalten werden und darf nicht mit Metallen – beispielsweise einem Spatel oder Löffel – in Berührung kommen. Auch der Kontakt mit Ammoniak sollte vermieden werden. Beim Schließen der Flasche muss der Lehrer darauf achten, dass sich am Rand oder im Gewinde keine Tropfen absetzen – die trocknen und dann Kristalle bilden. Im schlimmsten Fall würde das Aufdrehen bereits reichen, um die Kristalle explodieren zu lassen.
Wieso kommt es jetzt zu einer Serie von Pikrinsäure-Einsätzen in NRW?
Mitte Juli gab es in Berlin mehrere Einsätze, um kristalline, also getrocknete Pikrinsäure zu entsorgen. Von solchen Meldungen aufgeschreckt, haben nun Chemielehrer und Gefahrengut-Beauftragte angefangen, ihre Bestände zu prüfen. Ob sie nun eingetrocknete Kristalle entdeckt haben oder schon so lange nicht mehr mit der Säure gearbeitet haben, dass sie sich nicht mehr sicher waren, ob die Flasche richtig verschlossen wurde – sie haben sicherheitshalber Polizei oder Feuerwehr verständigt.
Und warum rückt dann das Landeskriminalamt (LKA) aus?
Beim Landeskriminalamt sind die Sprengstoff-Experten – die „Feuerwerker“ – angesiedelt. Sie prüfen, ob die Säure sicher verwahrt wurde. Haben sie Zweifel, dann transportieren sie den Behälter vorsichtig nach draußen. Auf einem möglichst offenen und vorher geräumten Gelände lassen sie die Flasche dann kontrolliert explodieren. Weil die Säure rückstandsfrei verbrennt, ist das Problem danach gelöst.
Wie gefährlich sind die bisher entdeckten Pikrinsäure-Bestände?
Eine Handgranate enthält in der Regel 50 Gramm Sprengstoff. Nimmt man das als Maßstab, dann waren die 40 Gramm in Duisburg schon fast die Menge einer Granate. In Herne und Witten waren es am Montag jeweils 20 Gramm.
Wo war das LKA bisher im Einsatz?
In Herford, Bad Münstereifel, Dortmund, Essen, Herne, Witten, Bochum, zweimal in einer Düsseldorfer Schule in Kaiserswerth, in Duisburg und in Kempen.
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