Krefeld: ThyssenKrupp-Boss stellt sich
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 02.02.2012Krefeld (RP). Als Heinrich Hiesinger gestern den Saal im Seidenweberhaus betrat, wurde er mit Pfiffen und Buh-Rufen empfangen. Am Ende bescheinigten ihm Gewerkschafter: Er war absolut klar und ehrlich. Ein Trost war das nicht. Bei den Stahlwerkern überwiegt die Trauer, dass eine Ära zu Ende geht.
Es war einer dieser Tage, an denen sich zeigt, ob ein Unternehmensführer Mumm hat; ob er sich der Wut und den Ängsten einer Belegschaft stellt – und ob er die Gabe hat, die richtigen Worte zu finden. Als Heinrich Hiesinger, seit Januar 2011 Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp AG, gestern ins Seidenweberhaus zur Betriebsversammlung der Stahlwerker von ThyssenKrupp Nirosta (TKN) kam, da war klar: Er würde beides zu spüren bekommen – Wut und Angst, vor allem aber Wut. Am Ende war auch klar: Er hat den richtigen Ton getroffen. "Heinrich Hiesinger", so sagte nach der Versammlung Marc Schlette, Aufsichtsratsvize von Nirosta und IG-Metall-Sprecher, "spricht eine absolut klare Sprache; er redet nicht drumrum. Eine Belegschaft, die gerade ein Stahlwerk verloren hat, möchte auch kein Blabla hören."
Das war es aber auch schon, denn viel Trost hatte Hiesinger nicht im Gepäck, eher klare Erklärungen, warum ein Konzern eine Traditionssparte verkauft. Anfangs, so berichtet Betriebsrat Norbert Kalwa über die Stimmung im Saal, habe es Pfiffe und Buh-Rufe für Hiesinger gegeben. Kalwas Bruder, der Gesamtbetriebsratschef Bernd Kalwa, begründet, warum: "Es war eine gespannte Situation, weil da jemand durch die Tür kam, dem die Mitarbeiter symbolisch den Schmerz über den Verlust der Flüssigphase ankreiden." Dennoch sagt Kalwa mit Respekt: "Hiesinger hat sich gestellt, und die Belegschaft hat das angenommen." Nachdem sich die Atmosphäre etwas beruhigte, kamen knapp 40 Fragen aus den Reihen der Mitarbeiter, harte Fragen, wie Kalwa betont – und Hiesinger hat sie beantwortet.
Zweieinhalb Stunden später sitzen Betriebsrat und Gewerkschafter bei Kaffee und Kuchen im "Hexagon", und wie Sieger sehen sie nicht aus, eher erschöpft, obwohl sie für Krefeld eine Menge herausgeholt haben: Kein Stahlarbeiter wird in die Arbeitslosigkeit entlassen; das Werk in Benrath kommt nach Krefeld; und auch die Hoffnung für die Flüssigphase ist nicht tot – glückt bis 2013 die Entwicklung der neuen Bandgießtechnik, bei der gekochter Stahl sofort gewalzt werden kann, dann wird die Flüssigphase wohl kaum, wie jetzt geplant, geschlossen. Kalwa: "Wir haben mit der Bandgießtechnik einen Strohhalm der Hoffnung."
Dennoch ist zu spüren, dass das Misstrauen gegen die Finnen tief sitzt. Kalwa sagt: "Das Vertrauen zu Outokumpu muss erst wachsen." Dem IG-Metaller Schlette, der als Nirosta-Vorstandsvize mit den Finnen verhandelt hatte, sitzt noch die Härte dieses Ringens in den Knochen: "Bei den Verhandlungen mit Outokumpu war irgendwann die Grenze argumentativer Auseinandersetzung erreicht", berichtet er, "die Finnen wollten sich einfach nicht auf feste Zusagen einlassen – also an Tarifverträge binden." Die Finnen hätten sich erst bewegt, als in Essen vor dem Tagungshotel die geballte Wut der Belegschaft zu spüren gewesen sei. Schlette: "In Deutschland ist seit 1945 kein Stahlarbeiter betriebsbedingt gekündigt worden; und im ThyssenKrupp-Aufsichtsrat hat es, soweit ich weiß, nie eine Kampfabstimmung gegen die Arbeitnehmervertreter gegeben. Wenn die Finnen sich nicht bewegt hätten, wäre die Konsequenz einem Kulturbruch gleichgekommen." Nun also: Tarifverträge mit Investitionszusagen. "Ein Tarifvertrag ist hart; das ist das Rechtsinstitut, das die meiste Sicherheit bietet."
Dennoch sind weder bei Schlette noch bei Kalwa Triumphgefühle spürbar. Es geht eben eine Ära zu Ende; der deutsche Nirosta-Wunderstahl geht an Finnen; und das Gefühl der Behaustheit in einem heimatlichen Konzern weicht einer neuen Unbehaustheit. Schlette drückt das nachdenklich so aus: "Das spüren die Beschäftigten schon: Jetzt kommt wer anders."
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