Tennis: Kohlschreiber und die Frage der Ehre Der Saitenwechsler im deutschen Team „Deutschland- Fahnen wieder rausholen“
VON OLIVER SCHAULANDT - zuletzt aktualisiert: 08.02.2007Doppelspezialist: Michael Kohlmann
Nein, die Hand gibt Philipp Kohlschreiber lieber nicht. Das hat aber nichts mit Unhöflichkeit zu tun, sondern ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, beteuert er: „Ich will nicht krank werden, das kann ich mir nicht leisten. Und unser Mannschaftsarzt hat uns davon abgeraten, größere Menschenmengen zu besuchen.“
Das ist in diesen Tagen für den 23-Jährigen freilich nicht eben einfach. Mode-Foto-Shooting am Montag, Pressekonferenz am Dienstag, Team-Dinner und Besuch des Fußball-Länderspiels am Mittwoch, Auslosung heute Vormittag: Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt da nicht. „Aber das ist normal“, sagt Kohlschreiber, den Teamchef Patrik Kühnen als Ersatzspieler ins deutsche Team berufen hat.
Als Notnagel fühlt sich der gebürtige Augsburger aber nicht. „Klar, ich war schon enttäuscht, als Patrik angerufen hat und gesagt, ich sei nur die Nummer fünf. Dann habe ich ihn aber nach einer Viertelstunde zurückgerufen und zugesagt. Zum Team zu gehören und für Deutschland zu spielen, ist eine große Ehre für mich.“ Zumal er hier in Krefeld starke Trainingspartner findet. „Mit bringt es also auf jeden Fall etwas, dabei zu sein.“
Entsprechend motiviert geht der Rechtshänder auch beim täglichen Training zur Sache. „Ich bereite mich vor, als würde ich selbst zum Einsatz kommen. Und wenn Patrik Kühnen mich brauchen sollte, stehe ich Gewehr bei Fuß“, sagt er. Und dazu gehört eine gehörige Portion Disziplin. Abends noch ein, zwei Bier trinken, ist zum Beispiel für ihn nicht drin, geschweige denn noch eine abendliche Marlboro an der Bar, wie es einer seiner Vorgänger, Karsten Braasch, so häufig praktiziert hat. „Das ist nichts für mich“, sagt der Weltranglisten-59.
Anders wird’s freilich dann ab Morgen: „Ab dann bin ich eigentlich vorrangig für das Wohlbefinden der Jungs zuständig“, sagt Philipp Kohlschreiber und grinst. Dass seine Kollegen sich wohlfühlen, ist auch wichtig: „Kroatien ist schon ein verdammt harter Brocken.“
Tommy Haas mag’s hart, Benjamin Becker eher weich. Zumindest auf dem Tennisschläger. 32 Kilopoint längs und 30 Kilopoint quer lässt die deutsche Nummer Eins auf sein Arbeitsgerät aufziehen. Eine Routinearbeit für Gunther Strähle: Seit 15 Jahren ist der 43-Jährige der Servicemann im deutschen Davis Cup-Team und dort unter anderem zuständig dafür, dass die Rackets der Spieler ganz nach Wunsch besaitet sind. Etwa 70 Mal ist er in dieser Davis Cup-Woche gefragt, um andere Saiten aufzuziehen, etwa ein Drittel davon nimmt allein Tommy Haas in Anspruch.
„Tommy spielt eine 1,3 Millimeter dicke Saite aus Naturdarm“, sagt der Saitenwechsler des deutschen Teams, öffnet die Schlägertasche und packt eins der fünf in Folie eingepackten Rackets aus. Sieht irgendwie anders aus als ein Modell, das es beim Sporthändler zu kaufen gibt. Vor allem an den Seiten. „Jeder Spieler hat seinen Schläger so nachgerüstet, dass er ihm liegt“, sagt Strähle. Tommy Haas etwa hat an den Außenrändern Bleibänder befestigt, um dem Racket eine andere Balance zu verschaffen, und auch im Griff selbst ist Blei eingezogen. Das macht den Schläger schwerer, verleiht dem Spieler aber mehr Saft in seinen Schlägen. Und um die Saiten zu schonen, sind die Ösen mit einem Lederpolster ausgelegt. Denn gerade die aus Rinderdarm bestehenden Saiten sind empfindlicher als die aus Kunststoff, die vor allem von Hobbyspieler benutzt werden.
„Natursaiten nehmen mehr Feuchtigkeit auf und reißen entsprechend schneller“, weiß Strähle. Dafür haben sie aber auch Vorteile: Sie sind elastischer, die Beschleunigung der Bälle wird größer, und der Erhalt der Spannung ist höher. Zudem passen sie sich besser den Temperaturen auf dem jeweiligen Court an. Kunststoffseiten, die zumeist aus Polyester gefertigt sind, verleihen dem Ball mehr Drall und Spin und sind zudem deutlich robuster – aber auch wesentlich kostengünstiger. Auch darum werden sie bevorzugt von Hobbyspielern verwendet.
Natürlich ist die Härte der Bespannung genauso unterschiedlich wie das Schlägermodell eines jeden Spielers. Benjamin Becker zum Beispiel spielt mit 26 Kilopoint auf der Längsseite aus Naturdarm und 27 auf der Querseite aus Kunststoff – „das ist eher ungewöhnlich, normalerweise wird die Längsseite härter aufgezogen“, sagt Strähle und erläutert die Eigenschaften von den unterschiedlichen Härtegraden: „Je härter ein Schläger bespannt ist, desto präziser kann man damit spielen – zumindest im Hobbybereich. Allerdings nimmt das Tempo ab. Sind die Saiten weicher, ist die Beschleunigung höher, aber die Genauigkeit nimmt ab.“
Ganz Krefeld ist im Tennis-Fieber. Ab morgen steht der KönigPalast im Blickpunkt der Fans. Die Erstrundenbegegnung im Davis Cup zwischen Deutschland und Kroatien wurde vom Weltverband ITF zur Spitzenpartie auserkoren. Auch der Vorsitzende des Tenniskreises Krefeld ist bereits voller Vorfreude auf Tommy Haas & Co. und hat für seine Clubs insgesamt 80 Dauerkarten geordert. RP-Redaktionsmitglied Jörg Zellen sprach mit Horst Giesen über seine Erwartungen und den Nutzen für Krefeld.
Was bringt der Davis Cup für die Stadt?
Giesen Krefeld hat die einmalige Chance zu zeigen, wie begeisterungsfähig die Tennis-Fans hier sind. Wenn wir dieses Davis Cup-Wochenende unvergesslich gestalten, wird uns der Deutsche Tennis Bund vielleicht noch einmal mit einer Partie im KönigPalast beglücken. Da die Begegnung vom Fernsehen weltweit übertragen wird, sollten wir uns als gute Gastgeber erweisen. Auf jeden Fall erreicht die Stadt, aber auch der KönigPalast, eine bis dato nicht gekannte Popularität.
Die Stimmung in der Arena wird selbstverständlich auch vom sportlichen Erfolg abhängen. Wie stehen die Chancen des deutschen Teams?
Giesen Ich bin sehr zuversichtlich, dass unsere Jungs mit einer 2:1-Führung in den Sonntag gehen werden. Und dann ist alles offen. Ich drücke vor allem unserem Neuling Benjamin Becker die Daumen. Für ihn wird es ein großes Erlebnis sein, erstmals für Deutschland spielen zu dürfen.
Worauf freuen Sie Sich am meisten?
Giesen Ganz klar: auf die Atmosphäre in der Halle. Die Tennis-Fans vom Niederrhein sollten alle in den KönigPalast kommen und ihre Deutschland-Fahnen wieder rausholen. Seit der wunderbaren Fußball-Weltmeisterschaft rufen wir endlich wieder aus ganzem Herzen und mit Freude „Deutschland“. Und jetzt, nach dem sensationellen Erfolg unserer Handballer in der Kölnarena, wollen wir nun unsere Tennis-Helden zum Sieg schreien.
Michael Kohlmann stand bereits bei einer Davis-Cup-Partie gegen Kroatien auf dem Platz. 2002 gehörte er zum deutschen Team, das in Zagreb mit 1:4 unter die Räder kam. Im Doppel – die Paradedisziplin des 33-Jährigen – verlor er seiner Zeit an der Seite von David Prinosil glatt in drei Sätzen. Diese Scharte will er an diesem Wochenende wett machen, wenn er höchst wahrscheinlich am Samstag (mit Alexander Waske) zum Doppel im KönigPalast antreten wird. Dieses Duo agierte schon sehr erfolgreich, blieb es doch beim World Team Cup 2006 ungeschlagen und sicherte sich den Doppelpokal der Rheinischen Post.
Mit 33 Jahren ist Kohlmann der älteste Akteur im deutschen Davis-Cup-Team. Nebenbei spielt der Fan von Borussia Dortmund in der Tennis-Bundesliga für den Solinger TC 1902, gegen den auch Blau-Weiß Krefeld in der kommenden Saison antreten wird. Michael Kohlmann ist ledig, zu seinen Hobbies zählen – wie er selbst angibt – „diverse Sportarten“. J.Z.
Steckbrief: Geburtsdatum: 11. Januar 1974; Geburtsort: Hagen; Wohnort: Herdecke; Gewicht: 84 Kilogramm; Größe: 1,87 Meter; Schlaghand: Rechtshänder; Weltranglistenposition (Doppel): 33
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