Hückelhoven: Durchs dunkle Hückelhoven
VON DANIELA GIESS - zuletzt aktualisiert: 30.09.2009Hückelhoven (RPO). Mehr als 40 Frauen erlebten eine ungewöhnliche Entdeckungstour durch die ehemalige Zechenstadt. Gerda Boisten schlüpfte in die Rolle einer Nachtwächterin und erzählte spannende Geschichten aus alter Zeit.
Sie kennt ihre Stadt, weil sie immer hier gelebt hat. Die Geschichten hinter den Fassaden der großen Gutshäuser und eleganten Angestelltenwohnungen der Zeche Sophia-Jacoba, der alten Bauernhöfe und des Bahnhofs, an dem schon lange kein Zug mehr hält. Gerda Boisten, Mitglied der Frauengemeinschaft St. Lamberttus, schlüpfte zum zweiten Mal in die Rolle einer Nachtwächterin. Mehr als 40 Frauen begleiteten sie auf eine ungewöhnliche Entdeckungstour durch die dunkle City.
Mit Laterne und Lodenmantel
Laterne in der Hand, Taschenlampe um den Hals, langer Lodenmantel, auf dem Kopf ein Hut – so verwandelt sich die 60-Jährige seit dem vergangenen Jahr in die Vertreterin einer längst ausgestorbenen Zunft.
Nachtwächter
Aufgaben Nachts durch die Straßen und Gassen zu gehen und dabei für Ruhe und Ordnung zu sorgen, schlafende Bürger vor Feuer, Feinden und Dieben zu warnen, die vollen Stunden ansagen.
Ausrüstung Laterne, Stangenwaffe und ein Horn gehören zur "Dienstbekleidung.
Im Rahmen der Woche für Frauen, zu der die katholische Frauengemeinschaft St. Lambertus einlud, führte die Nachtwächterin ihre lebhafte Truppe erstmal zum Kriegerdenkmal am Markt. Die Route, die sich Gerda Boisten überlegt hatte, brachte die Frauen in die Haagstraße. Die Nachtwächterin erzählt, dass auf dem Grundstück des großen Wohnkomplexes Markt 1 früher ein verwunschener, schöner Garten zu finden gewesen sei, mit alten Bäumen und Holundersträuchern. Im Heimatkalender hatte die Hückelhovenerin das Gedicht "Im Holderstrauch" gefunden, das sie an dieser Stelle vortrug.
Dann wurde eine hochprozentige Stärkung verteilt: Holunderschnaps, den die "Entdeckerinnen" aus winzigen Plastikbechern tranken. Boisten zeigte zum Gutshof Blanken gegenüber, der seit Jahren leer steht. Eine Räuberbande habe dort früher ihr Unwesen getrieben und arglose Hückelhovener von diesem Stützpunkt aus überfallen. Später hätten sich in dem Gebäude eine Apotheke und ein Kaufhaus befunden.
Auch die Geschichte der ehemaligen Gaststätte Spichartz ist der Nachtwächterin vertraut. Anno 1719 sei das Haus erbaut worden, seit 1987 stehe es unter Denkmalschutz. Kever-Haus, so nannte sie das Gebäude mit der Nummer sieben – dort lebte Zechenchef Peter Kever mit seiner Familie, als in Hückelhoven noch das schwarze Gold gefördert wurde. Die Keverstraße wurde nach ihm benannt. Boisten weiß auch, woher die Haagstraße ihren Namen hat. Im niederländischen Den Haag sammelte ein Hückelhovener Geld für den Bau der evangelischen Kirche von 1687. Das evangelische Pfarrhaus wurde 1791 erbaut.
Pünktlich um 21 Uhr blickt Boisten dann auf ihre Uhr, um den Nachtwächter-Spruch "Hört ihr Leut' und lasst euch sagen, unsre Glock' hat neun geschlagen" zu rufen. Anschließend ging es zum Bahnhof, der letzten Station der Entdeckungstour: Man schreibt das Jahr 1911. Die Bahnstrecke Hückelhoven-Dalheim wird gerade feierlich eröffnet. Schulkinder winken mit Fähnchen, eine Musikkapelle spielt dazu.
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