Wassenberg: Fundgrube für Heimatfreunde
VON ANGELIKA HAHN - zuletzt aktualisiert: 17.09.2009Wassenberg (RPO). Den Blick in eine Zeit, als Wassenberg noch Einkaufsstadt und "Luftkurort" war, vermittelt eine neue Dokumentation von Jakob Wolters mit vielen Fotos. Die Innenstadt Wassenbergs zwischen 1897 und 1945 wird lebendig.
Sie ist unterhaltsam und lässt den Leser an vielen Stellen schmunzeln – vor allem aber macht sie nachdenklich: Die neue Fleißarbeit von Jakob Wolters nach der Dokumentation über Wassenberger Webereien trägt den schlichten Titel "Wassenberg – Innenstadt 1897 - 1945".
Jedes zweite Haus ein Geschäft
Wolters' Buch entführt in eine Zeit, in der jedes zweite Haus der Wassenberger Innenstadt ein Geschäft beherbergte, in der noch keiner an Großmärkte auf der grünen Wiese dachte, stattdessen gab es eine Vielfalt von kleinen Einzelhandelsläden aller Branchen für den täglichen Bedarf gleichsam vor der Haustür. Angeregt habe ihn der Mundart-Vortrag von Käthe Stolz, die beim Platt-Abend des Heimatvereins 2006 die Einkaufsstadt Wassenberg anno dazumal in den Blick nahm. Der verdiente Heimatkundler und Bundesverdienstkreuz-Träger Wolters, der in Kürze 87 Jahre alt wird, hat im eigenen Gedächtnis gegraben und sich an seine Jugend in der Löffelstraße (heute Zugang zum Roßtorplatz) erinnert, er hat alte Karten, Fotos und Pläne gesichtet, viele Altersgenossen befragt und dann einen Innenstadtplan der besonderen Art gezeichnet. Dort sind alle Häuser mit ihrem früheren "Innenleben" und den Namen der Bewohner gekennzeichnet. Im zweiten Teil dokumentiert das Buch das alte Wassenberg von der Birgelener Straße bis zur Bühl anhand von Fotos und Zeitungsanzeigen aus dem "Luftkurort Wassenberg".
Handgemacht
Das Besondere an Wolters' Buch: Es ist rundum handgemacht. Wolters hat geschrieben, gezeichnet, Fotos geklebt, Blatt für Blatt kopiert und zum Buch gebunden.
Auflage: 100 Stück, so lange der Vorrat reicht. Anschließend werden auf Bestellung weitere Bände hergestellt.
Zu kaufen ist das Buch für 12 Euro bei der Media Ecke Schwerma, Graf-Gerhard Straße, beim Heimatverein und beim Autor.
Verblüffung löst da so manches bei jüngeren Lesern aus: Sie erfahren (per Zeitungsanzeige) von der Freilichtbühne Wassenberg 1935 (im Bereich des heutigen Waldfriedhofs): Wilhelm Tell wurde zum "Volkspreis" von 50 Pfennig Eintritt gegeben. Das Kino "Kurtheater Wasenberg" auf der Hautpstraße (heute Graf-Gerhard-Straße/Kaminstudio Flesch) wirbt für "gute Filme". Und die "Waldschänke" am großen Kreisverkehr zur Oberstadt lag damals wirklich noch im Wald – "in staubfreier Gegend", wie es in der Anzeige heißt.
"Als heimatverbundener Jeck muss ich so etwas festhalten", sagt Wolters lachend bei der Vorstellung des Buches zum Verkaufsstart. Bürgermeister Manfred Winkens und Heimatvereinsvorsitzender Sepp Becker (beide schrieben Vorworte im Buch) sind gekommen, um Wolters Dokumentation zu würdigen. "Ich bin platt über die vielen unterschiedlichen Geschäfte, die es früher in Wassenberg gab", sagt Winkens. Darauf könne man angesichts der aktuellen Diskussion um die Belebung der Innenstadt fast neidisch zurückblicken.
Exakte Zeichnung der Synagoge
Sepp Becker verweist als Besonderheit auf die (mangels Foto) erste historisch korrekte Zeichnung der Synagoge, die die Wassenberger Künstlerin Maria Brosch nach der Beschreibung noch lebender Zeitzeugen für das Buch anfertigte. Bedrückend schließt das Buch: mit einer eindrucksvollen Foto-Dokumentation der zerstörten Innenstadt im Zweiten Weltkrieg.
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