Wassenberg: Richterin: „Ich bin befremdet“
VON ANGELIKA HAHN - zuletzt aktualisiert: 10.11.2007Wassenberg (RPO). Selbst die Anwälte waren überrascht, als Richterin Kasparek im Wassenberger Missbrauchs-Prozess gestern eine neue Sachlage ankündigte. Im Visier der Gerichts sind Berichte auf der Homepage des angeklagten Lehrers.
Eine überraschende Wende – die Auswirkungen auf das Urteil haben könnte – kam gestern kurz vor Schluss des vorletzten Verhandlungstages im Missbrauchsprozess, bei dem sich ein Wassenberger Lehrer als Angeklagter vor dem Aachener Landgericht verantworten muss. Der 48-Jährige soll sich zwischen 1999 und 2001 mehrfach an einer heute 22-jährigen Schülerin vergangen haben.
Auswirkungen aufs Urteil möglich
Selbst die Staatsanwältin und die Anwälte wurden sichtlich überrascht von den Internetausdrucken (vom 30. Oktober und 2. November), die die vorsitzende Richterin Angelika Kasparek den Prozessbeteiligten nach einer Verhandlungspause vorlegte. Kasparek kündigte Sachverhalte an, die Auswirkungen auf den weiteren Prozessverlauf haben könnten. Dann verlas die Vorsitzende etliche wie Zeitungsartikel geschriebene Berichte von der Homepage des Angeklagten über die Gerichtsverhandlung.
Keine Gewalt beim Sex
Das aussagepsychologische Gutachten zur Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin, das eine Rechtspsychologin gestern vortrug, sah keine Anhaltspunkte für die dem Angeklagten in einem Fall vom mutmaßlichen Opfer vorgeworfene sexuelle Gewalt. Von einer einvernehmlichen sexuellen Beziehung zu sprechen, sei dennoch nicht richtig, erläuterte die Gutachterin. Die dominante Rolle des Lehrers gegenüber seiner jungen Schülerin sei eindeutig.
In den Überschriften ist da etwa von einer „Wende im Missbrauchs-Prozess“ die Rede, „Vermeintliches Missbrauchs-Opfer im Zwielicht“ heißt es später, eine „frühreife Hauptbelastungszeugin“ wird zitiert, Zeugenaussage interpretiert und Schlussfolgerungen gezogen wie „Lügengebäude bricht allmählich zusammen“. Zuletzt wird ein „Missbrauchs-Drama als Buch“, möglicherweise gar als Hörbuch angekündigt. Der Angeklagte nennt sich in den Berichten „der Lehrer“.
„Ich bin befremdet“, sagte die Vorsitzende. Auf den Internetseiten des Angeklagten werde der Verhandlungsverlauf nicht nur unfair und aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben. Es werde sogar aus nicht öffentlichen Vernehmungen und Dokumenten berichtet. Auch wo das mutmaßliche Opfer, die auch Nebenklägerin ist, heute arbeitet, werde mehrfach betont. Verteidiger Alexandros Tiriakidis trafen diese Eröffnungen offenbar völlig unvorbereitet. Er pflichte der Richterin bei: Dies alles sei in der Tat befremdlich, aber aus der Situation seines Mandanten zu verstehen. Er werde in der nächsten Sitzung dazu ausführlich Stellung nehmen.
Hoffnung auf Bewährungsstrafe
Tiriakidis machte deutlich, dass er mit dem Gericht eigentlich über die Möglichkeit der Einigung auf eine Strafobergrenze beim Urteil – hier eine Bewährungsstrafe – hätte reden wollen. Die Richterin mochte vor dem Hintergrund der neuen Sachlage auf diesen Vorschlag nicht eingehen.
Sie verwies Staatsanwältin und Verteidiger auf die Plädoyers, die am kommenden Donnerstag gehalten werden sollen. Am selben Tag wird das Urteil erwartet.
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