Borussia: 14 Sekunden bringen Bochum auf die Palme
VON JANNIK SORGATZ - zuletzt aktualisiert: 20.05.2011 - 10:55Um 22:21 Uhr gab es im Borussia-Park auf beiden Seiten kein Halten mehr. Vor der Nordkurve bejubelte die Gladbacher Mannschaft samt Ersatzspieler, Physiotherapeuten und Teilen des Trainerstabes den Siegtreffer von Igor de Camargo im Hinspiel der Relegation. In 50 Metern Entfernung bewegten sich die Gegner aus Bochum unterdessen am völlig anderen Ende des Gefühlsspektrums – Schuld waren eine Anzeigetafel und 14 Sekunden.
Friedhelm Funkel stürmte nach dem 0:1 auf Schiedsrichter Günter Perl los. Der hatte die Partie gar nicht mehr angepfiffen. Wutentbrannt zeigte der VfL-Trainer immer wieder auf seine Uhr, signalisierte: Die angezeigte Nachspielzeit von zwei Minuten war doch abgelaufen!
"Eine absolute Frechheit"
Kapitän Christoph Dabrowski pflichtete dem gebürtigen Neusser bei. "Es ist schade, dass vielleicht am Ende der Auf- und Abstieg wegen ein paar Sekunden entschieden wird", sagte er im ARD-Interview. "Da habe ich kein Verständnis für." Die Entscheidung des Schiedsrichters sei "eine absolute Frechheit".
Doch warum regten sich die geschlagenen Bochumer dermaßen auf? Der Vierte Offizielle hatte nach Ablauf der 90 Minuten wie gewohnt seine Tafel in die Luft gereckt und zwei Minuten signalisiert. Neun Sekunden vor Ablauf der Nachspielzeit bekam die Borussia einen letzten Einwurf. Havard Nordtveit führte aus, Bochums Dabrowski verlängerte unglücklich und Igor de Camargo brachte den Ball nach einer regelrechten Chancen-Odyssee doch noch über die Linie. Auf der Uhr: 92 Minuten und 14 Sekunden.
Die Verlängerung der Nachspielzeit brachte die Gäste auf die Palme. "Das war absolut ungerecht", sagte Funkel. Zumindest war es extrem bitter für den VfL Bochum, der über weite Strecken nicht spielte wie der Dritte der Zweiten, sondern mindestens der 21. der Ersten Liga. Sprich: auf Augenhöhe mit Borussia. Doch die Aufregung war mehr Produkt riesiger Enttäuschung als einer echten Fehlentscheidung.
Perl reagierte gelassen auf die Vorwürfe aus dem Lager des Zweitliga-Dritten. "Als der Ball ins Seitenaus ging, da war die zweiminütige Nachspielzeit noch nicht um. Da habe ich mich entschlossen, die Aktion noch ausführen zu lassen. Das liegt in meinem Ermessen", erklärte der Unparteiische aus Pullach.
Im Zusatz von DFB-Regel 7, die die Spieldauer festlegt, steht: "Der Vierte Offizielle zeigt am Ende der letzten Minute jedes Spielabschnitts an, wie viele Minuten gemäß Entscheidung des Schiedsrichters mindestens nachgespielt werden. Diese Anzeige ist keine exakte Angabe der nachzuspielenden Zeit. Der Schiedsrichter kann die Nachspielzeit bei Bedarf verlängern, nicht aber kürzen." Perl handelte damit regelkonform.
Gründe für die Nachspielzeit
Nachgespielt wird Zeit, die verloren geht für "Auswechslungen, Verletzungen von Spielern, Transport verletzter Spieler vom Spielfeld, Zeitschinden oder jeden anderen Grund". Gründe gab es im Hinspiel der Relegation zu Genüge: Anfangs der zweiten Halbzeit wurde Gladbachs Torwart Marc-André ter Stegen behandelt, mehrfach lagen Bochumer Spieler angeschlagen am Boden, beide Teams schöpften zudem ihr Wechselkontingent voll aus.
Mit ein wenig Abstand vom emotionalen Ende des ersten Relegationsspiels, zurück im zweistelligen Pulsbereich, werden die Geschlagenen die Sache womöglich etwas nüchterner sehen. Stolz sein konnten sie auf eine ihrer besten Saisonleistungen. Deren i-Tüpfelchen waren die Paraden von Andreas Luthe. Ohne die überragende Leistung des Keepers wäre de Camargos Last-Second-Tor nicht erst der Treffer zum 1:0 gewesen. Am Mittwoch benötigt der VfL nun mindestens einen Sieg mit zwei Toren oder kann sich mit einem 1:0 in die Verlängerung retten. Dass die 30 Minuten dauern würde, darüber wären sich immerhin alle einig.
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