RP Plus: Die Last der Vergangenheit
VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 05.10.2011 - 16:50Düsseldorf (RPO). Jede Gladbacher Mannschaft wird an der Generation der Netzer, Heynckes, Vogts gemessen. Doch der Vergleich mit Hennes Weisweilers „Fohlen" hinkt. Die derzeit so erfolgreiche Borussen-Elf spielt ihren eigenen Stil. Sie kann die Überraschungsmannschaft der Bundesliga-Saison werden.
Ein Verein wie Borussia Mönchengladbach schreibt viele Geschichten. Das fängt schon bei der Gründung an. Irgendwann übertüncht der Mythos so manche historische Wahrheit. Wo also ganz genau die Gründungsstätte liegt, darüber gibt es verschiedene Angaben. Der Verein selbst verortet die geschichtsträchtige Zusammenkunft auf die Lokalität „Zum Malbauern“ in Neersen. Andere meinen sich daran erinnern zu können, das Restaurant „Alt Eicken“ hätte ebenfalls eine gewichtige Rolle gespielt. Zumindest war es bis vor einigen Jahren das Vereinslokal der Amateure, früher ein Treffpunkt für viele Fans vor dem Aufstieg zum altehrwürdigen Stadion am Bökelberg und noch heute Sammelbecken für allerlei Nostalgiker.
Die Wahrheit liegt auf dem Platz, heißt es, ganz sicher aber auch oft an einem Tresen wie hier im Mönchengladbacher Stadtteil Eicken. Deshalb hört man ganz genau hin und kanzelt das nicht nur als Gerede in der Kneipe ab, wenn die Männer dort über die glorreichen alten Zeiten sprechen und über die aktuelle Entwicklung ihres Vereins nur wenige Worte verlieren. Ob es gerade eine Renaissance der „Fohlen-Elf“ gebe, wird in die Runde gefragt. Man hätte wohl auch fragen können, ob Griechenland seine Schulden irgendwann in den Griff bekommt. Erst langes Schweigen, dann die üblichen Reflexe. Nein, nein, Fohlenelf, darüber wollte man nicht sprechen. Eine gute Mannschaft sei das aktuell, aber eine wirklich großartige?
Die 1970er-Jahre
Die mediale Entwicklung verlangt nach immer neuen Schlagzeilen – und da liegt es natürlich nicht ganz so weit entfernt, bei einem so traditionsreichen Verein wie Borussia Mönchengladbach ein wenig in Erinnerung zu schwelgen. Es gab glücklicherweise diese sagenumwobenen 1970er-Jahre, in denen sich der kleine Verein aus dem provinziellen Mönchengladbach am Niederrhein anschickte, die Großen in der Welt fußballerisch das Fürchten zu lehren. Mit einer ganz eigenen Interpretation des Spiels.
Bereits Mitte der 1960er-Jahre formte Hennes Weisweiler mit jungen Spielern die sogenannte „Fohlenelf“, die durch attraktiven und frechen Offensivfußball bekannt wurde. Zu ihr gehörten herausragende Einzelkönner wie Berti Vogts, Jupp Heynckes und Günter Netzer. Es gab indes auch ausreichend Wasserträger in diesem Verbund wie Werner Waddey, Klaus Ackermann, Herbert Wimmer und Herbert Laumen, die ihre Rolle prächtig unglamourös interpretierten und damit entscheidend zum großartigen Erfolg beitrugen: fünf Meistertitel, einen DFB-Pokalsieg und zwei Uefa-Pokalsiege in einem Jahrzehnt.
Die Gegenwart
Borussia Mönchengladbach lebt noch heute prächtig von dem Mythos „Fohlen-Elf“, der zu Ehren gar ein Denkmal in Eicken errichtet wurde. Jede Mannschaft muss sich seitdem mit den Helden der Vergangenheit messen – und ist bislang fast zwangsläufig daran gescheitert. Nun ist man auch rund um den Borussia-Park dankbar für kleinere Phasen des Erfolgs geworden. Vermutlich wäre bei einigen durchaus die Bereitschaft da, auf dem Briefkopf auch die erfolgreich gemeisterten Abstiegskämpfe ausreichend zu würdigen. Titel sind deutlich weiter entfernt. Auch wenn natürlich mal wieder alles so gut läuft.
Es hat sich eine Mannschaft gefunden, die eine gute Mixtur zwischen dem Versuch, hinten kompakt zu stehen, aber auch offensive Momente anzubieten. Der Trainer Lucien Favre ist, vielbeschrieben, ein akribischer Arbeiter. Er gibt wenig aus der Hand und tüftelt an noch so kleinen Details bis zur Perfektion. Das macht ihn zu einem Glücksfall für Borussia, die in den zurückliegenden Jahren nicht immer ganz so treffsicher bei der Auswahl ihres Führungspersonals war. Favre hat eine lange vermisste Komponente dem Mönchengladbacher Wirken zurückgegeben – Kontinuität. Das ist ein wirklich großartiger Erfolg.
Hennes Weisweiler musste sich um solch profane Dinge keine Gedanken machen. Er hatte eine Gruppe zur Verfügung, die einfach nur spielen wollte. Vorzugsweise im gegnerischen Strafraum. Dementsprechend offensiv war die Ausrichtung und vernachlässigungswert die Defensivarbeit. Sie wurde selbstverständlich gemacht, sie musste nicht explizit angeordnet werden.
Die Hauptdarsteller
Die „Fohlen-Elf“ hatte viele Charakterköpfe. Wer das Trikot trug, konnte sich sicher sein, alsbald in den Status einer Legende aufzusteigen. Kleff, Netzer, Vogts, Bonhof, Danner, Wimmer, Simonsen und Heynckes konnten sich in dieser Zeit besonders auszeichnen. Ihre Klasse war das berechenbar Unberechenbare. Die Fähigkeit, ihr Können über einen längeren Zeitraum abzurufen. Die spielerische Harmonie resultierte natürlich vor allem daraus, dass die Gruppe über einen längeren Zeitraum in gleicher Besetzung zusammenblieb.
Das Geschäft ist deutlich rasanter geworden. Das beinhaltet die wertfreie Feststellung, dass es nur noch selten Lebensläufe von Spielern gibt, in denen nur ein Arbeitgeber notiert ist. In dem aktuellen Kader von der Borussia gibt es jetzt aber schon eine ganze Anzahl von Akteuren, die miteinander gewachsen sind. Zwei Spieler überragen in diesem Team – Torwart Marc-André ter Stegen und Offensivkraft Marco Reus. Ter Stegen ist die lange vermisste Größe im Mönchengladbacher Kasten. Mit gerade einmal 19 Jahren hat er keine Scheu, sich mit älteren Kollegen anzulegen. Verteidiger Dante gehörte zu den Ersten, die von ihm schon mehrmals leidenschaftlich nach einer Unachtsamkeit durchgeschüttelt wurde.
Marco Reus ist eine fast perfekte offensive Allzweckwaffe. Ein unglaublich schneller Spieler, der mit seinen Vorstößen immer wieder für Gefahr sorgt. Der Rest der Belegschaft wurde von Favre so weit eingestellt, dass sie sich in ihren Leistungen deutlich stabilisieren konnten. Der Trend zeigt konstant nach oben. Die Erwartungen Borussia Mönchengladbach taugt in dieser Saison zur Kategorie „Überraschungsmannschaft“. Für den Verein kann schon ein wichtiger Schritt sein, sich frühzeitig nicht mit dem Abstiegskampf beschäftigen zu müssen und damit endlich die Planungen für das nächste Jahr in Ruhe beginnen zu können. So viel Ruhe gab es schon lange nicht mehr.
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