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Borussia Mönchengladbach: Eberl: "Das Wort Abstiegskampf ist gestrichen"

zuletzt aktualisiert: 21.08.2010

Borussias Sportdirektor Max Eberl spricht vor dem ersten Spiel der neuen Saison heute gegen den 1. FC Nürnberg über die Möglichkeiten der Mannschaft, wie hart sie sich den Erfolg erarbeiten muss – aber auch, dass "wir doch alle Träume haben".

Max Eberl nimmt Stellung. Foto: RPO
Max Eberl nimmt Stellung. Foto: RPO

Mit dem Start der Bundesligasaison geht heute die gut achtwöchige Vorbereitung zu Ende. Sind Sie mit deren Verlauf zufrieden?

Eberl Ich denke, dass es die richtige Entscheidung war, eine solch lange Vorbereitungszeit zu wählen, denn wir stehen auch vor einer langen, komplizierten Saison. Mit der geleisteten Arbeit, den Trainingslagern sowie den Testspielen können wir zufrieden sein. Allerdings gibt es auch ein kleines weinendes Auge durch die Verletzungen von Igor de Camargo und Raúl Bobadilla. Ausfälle sind grundsätzlich nicht schön, aber gravierend ist, dass beide ausgerechnet in einer sehr wichtigen Phase der Vorbereitung gefehlt haben.

Wie schon im letzten Jahr hatten Sie zu Beginn ein schweres Pokalspiel. 2009 ist Borussia danach gut in die Saison gestartet. Hoffen Sie diesmal auf einen ähnlichen Effekt?

Info

Mit Bailly, Bobadilla

Ohne drei Torhüter Logan Bailly und Stürmer Raúl Bobadilla sind im Kader. "Und wer im Kader ist, kann grundsätzlich auch spielen", sagt Trainer Michael Frontzeck. Nicht einsatzfähig sind nur Igor de Camargo (Spunggelenkverletzung), Bernhard Janeczek (Knöchelbruch und Bänderriss) sowie Christian Dorda (Patellasehenriss).

Aufstellung? Bailly - Levels, Brouwers, Dante - Daems - Reus, Bradley, Marx, Arango - Matmour, Idrissou

Eberl Wir hatten in Aue ein sehr kompliziertes Spiel, dass wir letztlich souverän gemeistert haben. Wir können damit sehr zufrieden sein, wenn man bedenkt, wie schwer sich andere Favoriten im Pokal getan haben. Natürlich haben wir auch noch Luft nach oben, es war noch nicht alles Gold, was glänzt. Doch die Mannschaft hat gezeigt, dass sie an Stabilität und Erfahrung dazu gewonnen hat. Sie ist nach dem 1:1 nicht ins Wanken geraten und für ihr Drängen auf das zweite Tor belohnt worden. Aber letztlich war das alles bislang bis auf das Pokalspiel Vorgeplänkel. Wir wissen, dass die Bundesliga eng und kompliziert ist.

Wie sehr haben die Ausfälle von de Camargo und Bobadilla geschmerzt?

Eberl Es hat schon wehgetan. Schließlich haben wir eine klare Vorstellung davon, welche Rolle Igor bei uns sportlich, aber auch außerhalb des Platzes einnehmen soll. Und Raúl hat schon im letzten Jahr angedeutet, was er zu leisten imstande ist. Nun war er topfit in die Vorbereitung gestartet. Mit seinem Ausfall haben wir richtig an Qualität verloren. Doch wir hoffen, dass es bei ihm für das heutige Spiel noch reicht. Zudem ist ja auch Juan Arango wieder dabei. Wir werden auf jeden Fall eine schlagkräftige Mannschaft auf den Platz bringen, die für einen gelungen Saisonstart sorgen kann.

Sind Sie überrascht, wie gut Mo Idrissou bei Borussia gestartet ist?

Eberl Wir wussten, dass Mo keine lange Anlaufzeit braucht. Zum einen ist er 30 Jahre alt und bereits seit zehn Jahren in Deutschland, und zum anderen kennt er die Bundesliga. Natürlich freut es uns, dass es gleich so gut funktioniert.

Mit ihm, de Camargo, Bobadilla und Karim Matmour herrscht nun im Angriff ein großer Konkurrenzkampf.

Eberl Im Leistungsfußball ist Konkurrenz ganz normal. Sie steigert auch den Wettbewerb und ist leistungsfördernd, weil jeder sich gut positionieren möchte. Zudem brauchen wir Alternativen, da die Saison lang ist, Länderspielabstellungen oder Verletzungen dazwischen kommen können. Und die jetzige Sturmbesetzung bietet Michael Frontzeck mehr Möglichkeiten als in der vergangenen Saison, als nur bestimmte Konstellationen richtig gepasst haben. Jetzt kann wirklich jeder mit jedem spielen. So können wir sowohl auf unsere eigene Leistung als auch auf den Gegner flexibel reagieren.

Dagegen scheinen die Positionen in der Abwehr und im Mittelfeld vergeben.

Eberl Bamba Anderson wird sicher den Innenverteidigern Druck machen. Im Mittelfeld haben Thorben Marx und Michael Bradley durch ihre letzte Saison einen Vorsprung. Doch auch ein Roman Neustädter, der für mich ein Gewinner der Vorbereitung ist, hat eine Duftmarke gesetzt. Und dann haben wir mit Tony Jantschke und Marcel Meeuwis noch die etwas anderen Sechser, die ihre Stärken gegen echte Spielgestalter wie einen Misimovic haben. So hat unser Trainer auch in diesem Bereich einen großen Spielraum.

Was muss sich denn im Vergleich zur letzten Saison noch verbessern?

Eberl Die Weltmeisterschaft in Südafrika hat nochmals deutlich gezeigt, dass man stabil als Mannschaft agieren muss, um Erfolg zu haben. Wir haben schon im letzten Jahr sehr gut gearbeitet und auch kompakt gestanden, trotzdem aber noch zu viele Tore kassiert. Zudem können wir selbst noch aus den eigenen Standardsituationen mehr rausholen, da wir mit Arango, Bradley oder Dante gute Freistoßschützen haben.

Sie haben die Gegentore bereits angesprochen. Laut Statistik haben Sie die zweitmeisten Torschüsse zugelassen und von allen Mannschaften die meisten Tore durch Mittelfeldspieler und nach Standards kassiert. Wie passen diese Zahlen mit der gelobten Kompaktheit zusammen?

Eberl Jede Statistik hat sicher ihren Wert. Und ich kann die Gegentore nicht wegdiskutieren. Doch wenn wir die Spiele in Hannover, gegen Wolfsburg und Hoffenheim sowie ein, zwei weitere Partien wegnehmen, sind es schon 20 Tore weniger. Denn auf der anderen Seite haben wir Schalke oder den HSV 1:0 geschlagen. Unsere Kompaktheit hat sich schon bewährt. Aber natürlich haben wir noch Potenzial, wir können uns noch verbessern. Und das wollen wir schrittweise tun.

Auswärts passte das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag häufiger nicht. Fehlten der Mannschaft da noch ein paar Prozent an Überzeugung?

Eberl Auch diesen Punkt kann man von zwei Seiten sehen. Denn zu Hause hatten wir die achtbeste Bilanz, waren teilweise eine richtige Macht. Es ist aber richtig, dass wir auswärts mehr hätten mitnehmen können. Wenn ich nur an die Spiele in Bochum oder Hoffenheim denke, wo wir unverdientermaßen nur einen Punkt ergattert haben. Und sicher hatten wir auch Spiele wie das 1:2 in Stuttgart, wo wir in Führung liegen, aber nach dem Ausgleich nicht die Ruhe bewahrt und den Kopf oben gehalten haben. Doch die Mannschaft hat diese Erfahrungen gemacht und ist auch daran gewachsen. Wir werden dadurch jetzt nicht jedes Spiel gewinnen, wollen aber auf jeden Fall mehr Punkte holen.

Inwiefern können Spielertypen wie de Camargo und Idrissou dem Team dabei helfen?

Eberl Igor ist ein absoluter Führungsspieler, der weiß, wo es lang geht. Nicht umsonst hat er bei Standard Lüttich die Spielführerbinde getragen. Und mit Mo haben wir einen ganz erfahrenen Spieler geholt. Nur mit jungen Leuten geht es schließlich auch nicht. Aber auch Spieler wie Dante, Bradley oder Tobias Levels haben durch das letzte Jahr an Erfahrung dazugewonnen. Doch das bedeutet nicht gleichzeitig, dass wir wieder so eine starke Heimbilanz haben werden. Denn gegen fast jede der Spitzenmannschaften zu punkten ist nicht die Regel. Aber wir wollen wieder die Trauben im Borussia-Park hoch hängen lassen.

Wie sehen Sie das Niveau der Bundesliga generell?

Eberl Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren zu einer der besten Ligen weltweit entwickelt. In Spanien wird entweder Real Madrid oder der FC Barcelona Meister, in England gibt es vier große Vereine, und dann kommt der Rest. In der Bundesliga hat es dagegen in den letzten zehn Jahren fünf verschiedene Meister gegeben, hier kann der Tabellenführer beim Schlusslicht verlieren. Deswegen ist es von großer Wichtigkeit, die Saison Schritt für Schritt anzugehen, in jedem Spiel wachsam zu sein und sich keine Schwächen zu erlauben. Denn wer einmal 0:1 hinten liegt, hat es heute schwer.

Sie starten mit einem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg, der allgemein zu den Abstiegskandidaten gezählt wird. Ist dies eine dankbare oder undankbare Aufgabe?

Eberl Auch wir setzen uns mit diesen Prognosen auseinander, doch letztlich muss jedes Spiel erst einmal gespielt werden. Natürlich ist es schön, zu Hause vor den eigenen zahlreichen Fans beginnen zu können. Aber wir wissen auch, dass es ein sehr schweres Spiel wird. Die Situation ist zu vergleichen mit dem letzten Rückrundenstart gegen den VfL Bochum, den wir 1:2 verloren haben. Nürnberg wird die Außenseiterrolle dankbar annehmen. Doch auch wenn wir jetzt gegen die Bayern spielen müssten: Jede Aufgabe wäre jetzt schwer. Und jedes Spiel würde uns eine Chance bieten. Das bringt diese ausgeglichene Liga mit sich. Wir haben durch die Vorbereitung und den Pokalsieg Selbstvertrauen getankt, aber für einen Erfolg gegen Nürnberg müssen wir 90 Minuten lang hochkonzentriert sein.

Wird sich angesichts der guten Vorbereitung noch etwas an ihrem Saisonziel, dem anvisierten zehnten Platz ändern?

Eberl Es ist einfach so, dass es neun Mannschaften in der Liga gibt, die sehr weit weg sind von Teams wie Frankfurt oder Köln, die ich mit uns auf Augenhöhe sehe. Drei dieser Vereine haben einfach andere finanzielle Unterstützung im Hintergrund. Und die anderen sechs spielen seit Jahren konstant international. Seitdem ich 1999 nach Gladbach gekommen bin, hat Borussia turbulente Jahre erlebt. In diesen elf Jahren haben sich die anderen Vereine enorm weiterentwickelt und einen Vorsprung erarbeitet. Und den kann man jetzt nicht einfach aufholen, nur weil man eine gute Saison hinter sich und immer noch einen großen Namen hat. Wir wollen ein konstantes Mitglied der Bundesliga sein. Dabei haben wir das Wort Abstiegskampf bewusst aus unserem Wortschatz gestrichen. Wir werden uns weder von guten noch von schlechten Phasen aus der Ruhe bringen lassen, sondern wollen in den nächsten zwei, drei Jahren ein Fundament legen.

Stört es Sie dann, wenn Spieler in der Öffentlichkeit schon vom internationalen Geschäft reden?

Eberl Träume haben wir doch alle. Sie sind auch wichtig, denn sie stacheln uns in unserem täglichen Arbeitsalltag an. Auch ich würde am liebsten sofort international spielen. Wir arbeiten alle für einen großen Club, und ich habe kein Problem damit, wenn Spieler über den Europapokal reden. Wir wollen schließlich Spieler, die Ziele haben. Aber es reicht eben nicht, darüber zureden, es müssen dann auch die Leistungen auf dem Platz folgen.

Wann ist die Europa League möglich?

Eberl Ich werde jetzt sicher nicht sagen, in drei Jahren sind wir da. Auf der anderen Seite weiß ich, dass ich mir jetzt nicht zehn Jahre Zeit nehmen kann. Der nächste Sprung wäre es zunächst einmal, es unter die eben genannten ersten neun Vereine zu schaffen.

Wird sich in den letzten zwei Wochen der Transferperiode noch etwas bei den Abgängen tun?

Eberl Wir haben mit Gal Alberman, Jan-Ingwer Callsen-Bracker und Paul Stalteri offen gesprochen. Doch der Markt ist derzeit nicht einfach. Wir sind aber nicht abgeneigt, dass sich in den letzten Wochen da noch etwas verändert.

Gehört auch Tony Jantschke dazu?

Eberl Nein, er gehört zu unseren Talenten wie Roman Neustädter oder Fabian Bäcker, denen wir die Konkurrenzsituation in unserem Kader absolut zutrauen. Sie sollen an den Plätzen der Arrivierten rütteln. Alles andere wäre doch widersprüchlich bei dem Weg, den wir mit jungen Leuten gehen wollen.

Wie viele Talente haben es aus Ihrer Zeit als Jugenddirektor mittlerweile in den Profibereich geschafft?

Eberl Ich möchte das nicht so sehr an meinem Namen aufhängen. Immerhin arbeiten 22 Leute im Jugendbereich. Zudem darf man nicht nur unseren Kader sehen. Wenn ich am Pokalwochenende die Namen Polanski, Krük, Stang, Sahan, Holtby, Marin, Klingbeil oder Kempe höre, dann ist das auch das Produkt unseres Teams. Zudem haben wir bei uns sieben, acht Spieler, die aus der eigenen Jugend kommen, im Kader. Mit Elias Kachunga und Julian Korb stehen weitere Talente auf dem Sprung. Und Reus, Neustädter oder Bradley zähle ich auch dazu. Das ist der Weg, den wir uns vorstellen. Wobei das kein reiner Aktionismus ist. Wir haben einfach Qualität in unserer Jugend.

Quelle: RP

 
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