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Borussia Mönchengladbach: Ehrgeizig und fußballverrückt

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 08.04.2011

Marc-André ter Stegen ist Borussias Torwart-Hoffnung. Möglich, dass er Sonntag im Derby gegen den 1. FC Köln sein Debüt in der Bundesliga gibt. Der gebürtige Gladbacher mag Apfelpfannekuchen und hört besonders auf den Rat seines Opas.

Wer die Wahrheit über den Ehrgeiz von Marc-André ter Stegen wissen will, der muss auf den Platz schauen. Dort, so sagt man, liegt die Wahrheit des Fußballs. Und auch die über die Fußballspieler. Es war in einem B-Junioren-Spiel, Gladbach gegen Duisburg, und es ging um viel. Duisburg machte fünf Minuten vor dem Ende das 0:1.

"Wir hatten alle resigniert", erinnert sich Roland Virkus, damals Trainer der Borussen, heute Nachwuchsdirektor. Nicht Marc-André ter Stegen. Der Torwart holte mit entschlossenem Blick den Ball aus dem Netz, rannte los in Richtung Mittellinie, schnappte sich zwei Mitspieler und brüllte: "Jetzt erst recht!. Wir schaffen das noch!" Gladbach gewann 2:1 und stand immerhin im Halbfinale um die deutsche B-Jugendmeisterschaft.

"Das sagt doch viel aus", sagt ter Stegen und grinst. "Wenn noch ein kleiner Funke Hoffnung da ist, ein Spiel zu drehen, dann ist es doch meine Aufgabe, so etwas zu tun. In dem Fall hat es ja geklappt", sagt er. Was den Gedanken provoziert: Dieser Bursche, strohblond und gerade mal 18 Jahre alt, ist einer, der zum Hoffnungsträger taugt. Borussias Situation im Abstiegskampf ist fast hoffnungslos, sechs Spiele vor dem Ende ist sie Letzter und hat fünf Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Da kann sie Leute gebrauchen, die nie aufgeben. Sonntag kommt der 1. FC Köln. Und Marc-André ter Stegen wird wohl im Tor stehen. Zum ersten Mal in der Bundesliga.

Renate Kaus will, wenn ter Stegen spielt, nicht ins Stadion gehen. "Ich lasse selten ein Heimspiel der Borussen aus. Aber wenn er sein erstes Bundesligaspiel macht, dann schaue ich mir das lieber vor dem Fernseher an. Und ich werde Blut und Wasser schwitzen. Als Mutter hat man immer ein komisches Gefühl, wenn der Sohn auf dem Platz steht", sagt die 52-Jährige.

"Er ist ein braver, lieber Junge", sagt sie über den Menschen ter Stegen. Er hat feste Werte, die ihm wichtig sind: Höflichkeit, Umgangsformen, Respekt. Darauf habe sie immer geachtet, sagt die Mutter. Und darauf, dass es gut läuft in der Schule. Im vergangenen Jahr "baute" ter Stegen, da schon mit einem Profivertrag bestückt, sein Fachabi – mit einer Zwei vor dem Komma.

Nur wenn er verloren hat, dann hat er richtig schlechte Laune. "Dann darf man ihn eine Stunde nicht ansprechen", sagt Renate Kaus. Sie erzählt vom ausgeprägten Ehrgeiz ihres Sohnes. "Es war schon als Kleinkind immer iggelig, wenn etwas schief gegangen ist. "Er will immer gewinnen, er tut alles für sein Ziel", sagt die Mutter. " Ter Stegen wohnt im Haus der Mutter in Rheydt, "aber er hat seine eigene Wohnung".

Das mit dem Haushalt kriegt der Filius gut hin, sagt die Mutter. Natürlich darf er immer zum Essen zu ihr kommen. Am liebsten mag er "meine Apfelpfannekuchen". Renate Kaus war immer da für Marc-André, und auch sein Opa Erich Bremer, zu dem der Junge eine enge Bindung hat. Der Opa ist der Chefkritiker, er macht das mit großväterlicher Objektivität. "Mein Vater lobt ihn, wenn es angemessen ist, aber er kritisiert ihn auch, wenn er was nicht richtig gemacht hat", berichtet Renate Kaus.

Borusse seit 1996

Schon als Bambini ist ter Stegen Borusse geworden, das war 1996. Er ist ein guter Fußballer, hätte auch Feldspieler werden können, er ist beidfüßig. "Aber Torwart, das ist sein Talent", sagt die Mutter. Sie selbst ist Borussen-Fan seit sie 14 ist. Wolfgang Kleff, Uwe Kamps, Jörg Stiel, das sind die Borussen-Torleute, die ihr imponiert haben.

Nun könnte ihr Sohn die nächste Nummer eins werden. "Das erfüllt mich mit Stolz", sagt Renate Kaus. Dass Marc-André die Bundesliga schaffen wird, daran hat kaum jemand Zweifel. "Er ist ein positiv Fußballverrückter", hat Matthias Sammer, der Sportdirektor des DFB, über ter Stegen gesagt. "Das stimmt", sagt der Torwart selbst. Er weiß, dass er als eines der größten Torwart-Talente im Lande gilt. Und er hat große Ziele. Das erste ist die Bundesliga. Vielleicht erreicht er es schon am Sonntag, um 15.30 Uhr, wenn Gladbach gegen Köln angepfiffen wird. "Aber darüber spreche ich jetzt nicht", sagt ter Stegen.

Er ist ein Torwart, den Experten als "modern" bezeichnen. Er kann mit dem Ball umgehen, das Spiel der eigenen Mannschaft einleiten, in der Jugend hat ter Stegen das eine oder andere Tor vorbereitet mit schnellen, punktgenauen Abschlägen. "Und er kann super halten", sagt Roland Virkus. Der U17-Europameister ist sehr präsent auf dem Platz. "Er hat eine große Ausstrahlung", sagt Torwart-Trainer Uwe Kamps.

Allerdings warnt er, Wunderdinge von dem Wunderkind zu erwarten. "Die Bundesliga ist immer noch etwas anderes. Die vollen Stadien, der Druck, die Schnelligkeit der Stürmer. Er wird auch Fehler machen, aus diesen Erfahrungen muss er lernen", sagt Kamps.

Alle staunten

Ter Stegen war D-Jugendlicher, als er zum ersten Mal ins kalte Wasser geworfen wurde. Borussia spielte bei einem großen C-Jugendturnier in Bremen mit. "Wenn wir ins Finale kommen, spielt der Marc, dann gewinnen wir", hat Trainer Roland Virkus, damals gesagt. Borussia kam ins Finale, der junge Torwart spielte, hielt überragend und verhalf damit den Gladbachern zum Sieg gegen Leverkusen. Alle staunten über ter Stegen.

In dieser Saison ist sein Lehrjahr bei den Männern. Ter Stegen, der noch in der A-Jugend spielen könnte, ist Ersatzmann bei den Profis, übt auch dort mit, saß schon einige Male in der Bundesliga auf der Bank, spielte bislang aber in der Regionalliga-Mannschaft. Vielleicht wäre er längst bei den Profis eingesetzt worden, aber er war wochenlang verletzt, als der neue Trainer Lucien Favre kam. Ein Muskelfaserriss. "Das war die bisher schwerste Verletzung meiner Karriere", sagt er. Geduldig absolvierte er die Reha. "Er wirkte ausgeglichen", sagt die Mutter. Aber innen drin, da kann es auch mal brodeln, wenn es nicht so klappt, wie ter Stegen es sich vorstellt. Das ist der Ehrgeiz, der ihn treibt. Jeden Tag von neuem.

Am 30. April wird ter Stegen 19 Jahre alt. An diesem Tag spielt Borussia bei Hannover 96. Es könnte sein viertes Bundesligaspiel werden - wenn er Sonntag im Derby im Tor steht. Für einen, der Mönchengladbacher ist, wäre es das perfekte Debüt, vor allem, wenn Borussia siegt. Noch hat sich Lucien Favre, der Trainer, nicht festgelegt. Doch vieles deutet darauf hin, dass ter Stegen ins Tor darf. "Seine Zeit wird kommen", hat die Mutter immer gesagt. "Dann kann er sich beweisen", sagt Uwe Kamps. "Marc-André wird es packen", sagt Roland Virkus. Mit Ehrgeiz und Qualität, als Torwart, aber auch als Mensch. Da sind sich alle drei sicher.

Quelle: RP

 
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