Borussia Mönchengladbach: "Ehrlichkeit ist das Wichtigste"
VON KARSTEN KELLERMANN, ROBERTPETERS UND UND ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 05.09.2011 - 15:08Trainer Lucien Favre spricht über Mönchengladbach und seine Arbeit bei Borussia. Der Schweizer sagt, warum Johan Cruyff mitverantwortlich für Spaniens WM- und EM-Siege ist und erklärt, warum ihn der Fußball des FC Barcelona fasziniert.
Sie waren beim Friseur ...
Favre Ja, richtig. Puh, es war dringend nötig, die Haare waren viel zu lang. Ich war in der Schweiz zum Haareschneiden, obwohl ich auch hier in Gladbach einen guten Friseur habe. Er ist Italiener, Fan vom AC Mailand. Er macht es gut. Es dauert immer eine Stunde, bis ich fertig bin. Er raucht in der Zeit zehn Zigarillos. Da komme ich mir manchmal vor, ich sei in einem Western. Aber er ist sehr sympathisch.
Sie wohnen nun auch nicht mehr im Hotel, Sie haben ein Haus gefunden.
Favre Ja, ja. Es war nicht leicht, denn im Abstiegskampf hatte ich keine Zeit, mich darum zu kümmern. Jetzt haben wir etwas Schönes gefunden.
Haben Sie schon Lieblingsorte in der Stadt?
Favre Der Bunte Garten gefällt mir sehr gut. Und man hat sehr viele Möglichkeiten in der Stadt. Holland und Belgien sind nicht weit und auch Düsseldorf nicht. Es war mir aber zu weit, von Düsseldorf aus zu pendeln. Ich will nicht Tag für Tag auf der Autobahn sein, das kostet zu viel Zeit. Jetzt bin ich in maximal 15 Minuten bei der Arbeit.
Was das angeht, sind Sie sehr akribisch. Sie gelten als Konzepttrainer.
Favre Was heißt Konzepttrainer? Wenn das heißt, dass man mit einem bestimmten Spielsystem arbeitet, muss ich sagen, dass ich in meiner Karriere schon mit vielen Systemen gespielt habe: 4-4-2 flach, mit Raute, 4-3-3, 3-5-2, 4-2-3- 1. Die Unterschiede liegen doch nur im Detail. Es kommt vor allem auf die Spieler an, die man hat. In Berlin zum Beispiel waren wir nach der Winterpause zu müde, um 4-4-2 zu spielen, wir haben dann auf drei Verteidiger umgestellt und später wieder 4-4-2 gespielt.
Wie jetzt in Gladbach.
Favre Man muss als Trainer immer die beste Lösung finden, um Erfolg zu haben. Ein System gehört zu einem Konzept dazu, aber es muss passen. Als ich nach Gladbach kam, habe ich gemerkt, dass das Team auf ein 4-2-3-1 zusammengestellt war, wir spielen 4-4-2, das passt im Moment am besten zu uns.
Warum ist Borussia erfolgreich? Der Start mit sieben Punkten ist sehr gut.
Favre Als ich kam, mussten wir sehr schnell Ergebnisse machen. Es ging jede Woche um Leben oder Sterben. Wir haben hart und gut gearbeitet, 95 Prozent mit dem Ball. Es gab viel zu korrigieren, vor allem zunächst in der Defensivarbeit. 2,7 Gegentore im Schnitt waren zu viel, das reichte nicht für die Bundesliga. Die Mannschaft hat schnell begriffen, was ich will. Schon einen Monat später waren wir sehr solide und es war schwer, gegen uns zu spielen. Es herrscht eine gute Spielintelligenz im Team.
Was meinen Sie mit Spielintelligenz?
Favre Es geht darum, ein Spiel zu lesen, es zu antizipieren, man darf nicht reagieren, das ist meistens zu spät. Es geht darum, schon zu wissen, was man macht, wenn der Ball verloren geht. Oder eine Idee zu haben, was passiert, wenn der Ball erobert wird. Erinnern Sie sich an den FC Liverpool in den 70er Jahren. Das war ideal, wie Liverpool es gemacht hat. Ich habe das bewundert. Liverpool hat gespielt, aber wenn sie 1:0 führten, dann haben sie Schluss gemacht. Sie haben so gut verteidigt.
Welches Team macht es in der Jetztzeit so, dass sie sagen: „Wow“?
Favre Besser als der FC Barcelona kann man es nicht machen, ehrlich. Aber der FC Barcelona profitiert von einer Philosophie, die seit 25 Jahren im Verein herrscht. Das ist eine Mischung aus spanischem Fußball und den Ideen von Rinus Michels und vor allem Johan Cruyff. Cruyff ist unglaublich. Was er damals gemacht hat, hat großen Anteil daran, dass Spanien Weltund Europameister ist. Das sagen alle spanischen Trainer.
Was ist das Geheimnis?
Favre Es geht darum, flach zu spielen. Das macht es dem, der den Ball bekommt, leichter, die Kontrolle zu haben. Klar, man kann auch durch die Luft spielen, aber das kostet Zeit. Flach zu spielen bedeutet, in Bewegung zu bleiben. Es muss immer mehrere Möglichkeiten geben, den Ball zu spielen (zeichnet Laufwege mit dem Finger auf den Tisch). So, so und so.
Hat Cruyff Sie selbst beeinflusst?
Favre Es ist seine Idee vom Spiel, die mich beeindruckt. Ich war als junger Trainer, damals war ich 33, mal 15 Tage bei ihm und habe hospitiert. Es war sehr, sehr schön zu sehen, wie er arbeitet. Flach spielen, Bewegung und Schnelligkeit, das braucht man, um gut zu spielen. Barca spielt heute so – und alle haben es schwer mitzuhalten. Aber ich wiederhole: Cruyff hat 1986 damit angefangen, das ist 25 Jahre her. Es braucht viel Zeit, so etwas zu entwickeln. Pep Guardiola ist genau der Richtige, um das heute bei Barca fortzuführen. Er war der Sechser in Cruyffs Team, er hat das Spiel gestaltet. Jetzt setzt er das auch als Trainer um.
Nach dem 0:1 bei Schalke 04 haben Sie gesagt, das technische Tempo habe gefehlt.
Favre Das ist manchmal so. Wir arbeiten daran. Das ist der zweite Schritt, nachdem wir zunächst daran gearbeitet haben, die Fehler in der Defensive abzustellen. Das haben wir gut hinbekommen, damit haben wir das Glück erzwungen. Es war eine unglaubliche Zeit, ein Supererfolg. Wir müssen jetzt anders spielen als im Abstiegskampf. Darum arbeiten wir jetzt daran, uns mehr Torchancen zu erspielen. Das klappt mal besser, mal schlechter.
Wenn Sie auf die Zeit zurückblicken: Gab es Lieblingsszenen, die sich gern öfter anschauen?
Favre Da gibt es viele, offensiv wie defensiv.
Haben Sie eine Top Fünf?
Favre Schwer zu sagen. Die Sachen sind ja Vergangenheit und ich schaue nur nach vorn. Aber bitte: Was mir sehr gefallen hat, war eine Szene gegen Wolfsburg, die aber kein Tor brachte. Es war die Chance, die Roman Neustädter hatte. Der Ball war im Strafraum, Bobadilla spielt ihn zurück auf Marx, der direkt weiter auf Hanke. Der spielt nach zwei Kontakten zu Neustädter, der dann zu Schuss kommt. So etwas wünsche ich mir. Das war gut.
Wie hat Ihnen das vierte Tor gefallen?
Favre Es war sehr schön. Aber nach der Flanke von Arango hat der Wolfsburger Rechtsverteidiger einen großen Fehler gemacht. Darum konnte Marco Reus das Tor erzielen.
Das ist aber sehr detailkritisch.
Favre Ich will viel, das weiß ich. Wir müssen gut verteidigen, schnell nach vorn spielen, aber auf den richtigen Moment warten. Es ist nicht leicht, eine Viererkette auszuspielen. Dafür braucht man im richtigen Moment Beschleunigung, mit dem Ball oder durch einen Spieler, der in die Tiefe geht. Haben Sie das 4:0 von Barca gegen Villareal gesehen?
Ja.
Favre Es war unglaublich (zeichnet mit den Fingern den Spielzug auf den Tisch). Es war 40 Meter vor dem Tor, eine Art Powerplay. Der Ball ging nach links, nach rechts. Dann kam der Rückpass. Und dann startete Messi auf einmal und bekam den Ball in den Lauf gespielt. Aber das ist Barcelona. Es ist ein Traum. Aber ich sage es noch mal: Das macht Barca seit 25 Jahren. Jeder neue Spieler, der kommt, weiß sofort genau, was er zu tun hat.
Als Ihnen gegen Wolfsburg drei wichtige Spieler fehlten, wussten die Ersatzleute auch, was sie zu tun hatten.
Favre Klar. Aber das ist normal. Wir machen das jeden Tag im Training. Wenn Havard Nordtveit Innenverteidiger spielen muss, weiß er, was zu tun ist. Aber man sollte das nicht überbewerten. Es war ein Spiel, nur ein Spiel. Barcelona ist eine andere Welt.
Dennoch: Borussia hat beim 0:1 bei Schalke 04 gezeigt, dass Sie auf einem guten Niveau mithalten kann.
Favre Das ist richtig, Ich habe da einige gute Sachen gesehen. Wir hatten 55 Prozent Ballbesitz, das war gut. Gegen Wolfsburg waren es 60 Prozent. Aber es muss eben im richtigen Moment die Lücke gefunden werden – das hat auf Schalke gefehlt. Wir haben einige Male Angriffe gespielt, die nur eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 30 Prozent hatten. Man muss eben so lange warten, bis die richtige Gelegenheit kommt. Dann muss der Spieler entscheiden, was er macht. Wir müssen daran arbeiten, immer das richtige richtige Tempo zu finden und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das braucht Zeit.
Sind Sie zufrieden mit Ihrem Kader?
Favre Wir haben viele junge Spieler, aber auch genug erfahrene. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass wir nicht viel Geld ausgeben konnten. Das muss ich akzeptieren. Der Kader ist so, damit arbeite ich. Ich hoffe, dass ich diese Mannschaft weiterentwickeln kann.
Freuen Sie sich über den guten Start?
Favre Man darf nicht nur kurzfristig denken. Ich sage es noch einmal: Es wird eine sehr schwere Saison. Wir waren 16. in der Tabelle, und das fast mit demselben Team. Aber der Start ist hilfreich, die drei Punkte in München waren sehr wichtig, weil wir sonst vor den beiden Heimspielen gegen Stuttgart und Wolfsburg unter Druck gestanden hätten. Der Sieg in München war nicht unverdient, dann gab es das 1:1 gegen Stuttgart, das 4:1 gegen Wolfsburg und auch beim 0:1 auf Schalke waren wir nicht schlecht. Wir werden weiter von Spiel zu Spiel gucken und hart arbeiten.
Macht es Ihnen Spaß, Spieler weiterzuentwickeln? Hat sich Ihr Stil als Trainer in den vergangenen Jahren verändert?
Favre Man ist nie mit einem Team fertig, das ist doch klar. Und auch als Trainer entwickelt man sich immer weiter. Ich arbeite heute ganz anders als früher in Genf oder Zürich. Als ich keinen Job hatte, habe ich mir viele Spiele angeschaut. Man kann immer etwas Neues sehen, sogar in einem Viertliga-Spiel. Ich versuche dann, es im Training einzubringen. Aber manchmal reicht es schon, zehn, 15 Prozent bei einer Übung zu verändern, dann wird sie nicht eintönig. Meine Übungen sind heute besser als früher, würde ich sagen.
Was für ein Typ Trainer sind Sie?
Favre Hier in Gladbach war ich erst ein Feuerwehrmann (grinst), jetzt sagt man, dass ich ein Konzepttrainer bin. Aber das Wichtigste für einen Trainer ist Ehrlichkeit. Warum? Favre Die Spieler erwarten das. Man muss klare Aussagen machen. Dann ist man glaubwürdig.
Bereiten Sie Ihr Team auf jeden Gegner speziell vor? Zum Beispiel den 1. FC Kaiserslautern?
Favre Ja. Aber das macht jeder Trainer. Ich studiere die Gegner auf DVD, dann lasse ich meine Erkenntnisse ins Training einfließen.Ab Dienstag werden wir uns speziell auf Kaiserslautern einstellen.
Ist das Spiel vergleichbar mit dem in der Endphase der vergangenen Saison?
Favre Damals war es eine ganz andere Situation. Es sind neue Teams. Vielleicht kann man sagen, dass wir Favorit sind, weil wir in der Tabelle auf Nummer ... (zögert)... hm, ich lese die Tabelle nicht...
Borussia ist Fünfter....
Favre Danke. Aber das ist egal, wir stehen ganz am Anfang. Und jeder Gegner ist schwer für uns, wir müssen um jeden Punkt kämpfen. Wir haben daher vor jedem Gegner Respekt, aber keine Angst.
Wird es ein gutes Jahr für Borussia?
Favre Darüber will ich nicht sprechen. Es ist nach vier Spieltagen zu früh, etwas Konkretes zu sagen.
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