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Borussia: Ein Lob der Defensive?

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 12.05.2009 - 12:38

„Ein Mann“, heißt es in Max Frisch' „Gantenbein“, „hat eine Erfahrung gemacht. Nun sucht er die Geschichte dazu“. Ein bisschen so ist es auch mit dem Fußball. Er besteht aus einzelnen Ereignissen, deren Sinn sich zuweilen erst in der Rückschau ergibt.

So hat Borussia beim FC Bayern München anscheinend doch vieles richtig gemacht. Es gab eine 1:2 Niederlage und somit keine Punkte. Aber eben nur eine 1:2-Niederlage und „keine Klatsche“, wie Trainer Hans Meyer nachher zufrieden feststellte.

Eine Woche später, nach dem 1:0-Sieg gegen den FC Schalke 04 entpuppte sich das milde Resultat, das Borussia dank einer massiven Defensivausrichtung beim Rekordmeister „schaffte“, als hilfreich. Denn hätte sie fröhlich gestürmt und wäre vielleicht von den Bayern schwer bestraft worden für so viel Offenheit wie so oft in der Vergangenheit, dann wäre es nun nichts gewesen mit dem 15. Tabellenplatz, der am Ende die Rettung bedeuten würde.

Einen Malus von 19 Toren haben die Borussen und diesen mit Arminia Bielefeld gemein. Doch Borussia hat mehr Tore erzielt (37:56), und das ist ihr Vorteil gegenüber den Ostwestfalen (27:46). Cottbus, der morgige Gegner, hat minus 27 Tore. Ebenfalls: Vorteil Gladbach.

Rechnungen wie diese haben etwa so viel mit schönem, aufregenden Fußball zu tun wie eine Klingel-Melodie mit einer Klaviersonate. Doch auch ein schöner Abstieg wäre ein Abstieg. Ein Lob der Defensive? Der Zweck, der die Mittel heiligt?

Der tosende Freudenschrei ganz Mönchengladbachs beim 1:0 gegen Schalke mag die These stützen. Denn nur die Punkte zählen, wenn es ums Überleben geht. „Gegen Hoffenheim, Bochum und Wolfsburg haben wir besser gespielt als gegen Schalke. Aber wir haben unentschieden gespielt oder verloren“, erinnerte Hans Meyer an bessere Spiele ohne Ertrag.

Gegen Schalke war es eine Mischung aus harter Arbeit, einer reichlichen Portion Glück (so, als Dante auf der Linie klärte) – und einer recht aufgeräumten Abwehrarbeit. Schalke hatte Chancen, aber kaum zwingende. Und wieder kam einer aus der Topriege der Torschützenliste nicht zum Vollzug: Kevin Kuranyi (13 Saisontore). Zuvor blieben Toni (Bayern, 12), Grafite (Wolfsburg, 23), Novakovic (Köln, 16) oder Ba (Hoffenheim, 12) in der Rückrunde gegen die „Schießbude“ (Meyer) der ersten Saisonhälfte ohne Treffer.

„Aber Namen sagen nichts im Fußball“, sagt Roel Brouwers. Wichtig ist nur, dass der Gegner nicht trifft. Wie jetzt Schalke. Die Zusammenarbeit mit Dante funktioniere inzwischen gut, versichert der Niederländer, der jedoch weitaus stabiler steht als flapsige Brasilianer. Zuvor waren es der nun nach links versetzte Filip Daems und der jetzt angeschlagene Steve Gohouri, die „innen“ durchaus sicher gestanden hatten. Sicherer jedenfalls, als das poröse Gebilde, das vor der Winterpause die Verteidigungsarbeit versuchte. „Wir arbeiten im Team jetzt besser nach hinten“, sagt Brouwers. So ist die Ordnung erstligatauglicher ist als zuvor.

Tatsächlich hat sich die Zahl der „gefressenen Tore“ (O-Ton Meyer) deutlich reduziert. Das ist einer der Gründe, warum „wir jetzt in einer Situation sind, in der wir Gleichheit in den Voraussetzungen im Abstiegskampf geschaffen haben“, wie Meyer, der bei den Verstärkungen in der Winterpause ausschließlich Defensiv-Personal einkaufte, sagt.

Hennes Weisweiler hat in früheren, besseren Zeiten Borussias erst mit den Verteidigern Luggi Müller und Klaus-Dieter Sieloff ein wirkliches Meister-Team beisammen gehabt, das nicht nur munter drauflos stürmen, sondern auch verteidigen konnte. Nun muss Meyer, gleichwohl auf weit niedrigerem Niveau, die nötige Balance zwischen Defensive und Offenisve finden, um im Klassenkampf zu bestehen. So wird er auch in Cottbus nicht „alle Mann nach vorn spielen“, sondern zunächst das verteidigen, was Borussia hat: den einen Punkt.

Wenngleich: Mit einem Sieg wäre Gladbach richtig geholfen – und nur auf die drei unter ihr zu schauen ist auch nicht ratsam, denn Bochum ist einen Platz drüber nur einen Punkt weg. Je weiter von der Abstiegszone entfernt, desto besser. Möglich, dass Meyer wie in München wieder Marko Marin aus der Startelf nimmt und durch einen defensiven Mittelfeldspieler ersetzt (Patrick Paauwe, Jan-Ingwer Callsen-Bracker oder, dann eher auf außen, Tobias Levels).

Dass Energie angesichts der Verletzung des Bulgaren Dimitar Rangelov (Bänderdehung im Sprunggelenk) „die Stürmer ausgehen“, wie die Lausitzer Rundschau anmerkt, könnte ein Vorteil sein. Es wird aber nicht dazu führen, dass Meyer, ein Prediger defensiver Sicherheit und Ordnung, seine Prinzipien der vergangenen Wochen über den Haufen wirft. Abstiegskampf ist eben ein schmutziges Geschäft und „Profifußball nichts für Romantiker“, wie Meyer sagt.

Cottbus ist eher auch kein geeigneter Ort für Zauberer, dort ist allein harte, bodenständige Arbeit gefragt. „Es wird kein schönes Spiel werden“, glaubt Verteidiger Roel Brouwers. „Das ist in wichtigen Spielen oft so“, fügt er hinzu. Freunden der Fußball-Ästhetik mag es nun in den Ohren klingeln. Denn Borussia hat nur noch wichtige Spiele.

Also Abschied nehmen von der Hoffnung auf schöne Momente? In der Endphase der Saison bedarf es jedoch keiner Traumtore, um Begeisterung auszulösen. Sondern eines simplen Rechtsschusses, sauber, aber unspektakulär ausgeführt, der im Netz landet. So wie der Roberto Colauttis gegen Schalke.

Die Borussen werden am Mittwoch in Cottbus, im Stadion der Freundschaft, eine Erfahrung machen. Es wird eine neue Episode sein, eine erfolgreiche wie gegen Schalke, oder eine traurige, wie schon zweimal in dieser Saison gegen Energie (0:3 im Pokal, 1:3 im Hinspiel).

Die ganze Geschichte aber gibt es erst am 23. Mai, am Ende dem letzten Spieltag. Oder nach Pfingsten, wenn auch die Relegation gelaufen ist. Die Suche geht also weiter. Es bleibt spannend.

Quelle: rpo

 
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