Mönchengladbach: Ganz Gladbach hofft auf das Wunder
VON THOMAS GRULKE, KARSTEN KELLERMANN UND RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 09.05.2011Der Sieg gegen Freiburg hat die Fans endgültig wieder mit ihrer Borussia versöhnt. Die Anhänger feierten gestern beim Training Lucien Favre – und in der ganzen Stadt sich selbst. "Die Elf vom Niederrhein" war die Hymne des Tages. Der Kampf um die Macht im Verein interessiert gerade kaum noch.
Als die Nachspielzeit anbricht, ertönt wieder die "Elf vom Niederrhein". Nicht aus den Lautsprecher-Boxen, sondern aus den Kehlen der rund 48 000 Fans im Borussia-Park. Knappe zwei Stunden zuvor haben sie die Vereinshymne noch wie vor jeden Heimspiel beim Einlauf der Mannschaften gesungen, nun intonieren sie den Refrain im Gefühl des sicheren 2:0-Sieges gegen den SC Freiburg und in der festen Überzeugung: Wir sind wieder da. Und wir stehen zusammen.
"Es war eine sehr geeinte und euphorisierende Stimmung. Ich hatte den Eindruck, die Kurven haben sich gegenseitig mitgerissen. Und das war schon zu Beginn des Spiels der Fall", sagt Arne Hersch, der seit 20 Jahren in der Nordkurve steht. Dass sie ausnahmsweise einmal den Kölnern für ihre Schützenhilfe danken müssen, können die Fans verschmerzen. Vielmehr rückt ganz schnell der letzte Spieltag in den Fokus. Und nicht wenige fragen sich zunächst: "Wo spielt eigentlich Wolfsburg nächste Woche?"
In der Altstadt war die "Elf vom Niederrhein" bis tief in die Nacht der Hit des Abends. Immer wieder stimmten Passanten das Lied gemeinsam an. Beim Training am Sonntagmorgen gab es spontanen und lang anhaltenden Beifall für Trainer Lucien Favre. Die Spieler mussten Hunderte von Autogramme schreiben und plauderten gerne und entspannt mit den Fans, darunter auch jene Gruppe Schweizer, die zu fast jedem Heimsiel eigens anreist.
"Natürlich wäre ich jetzt gerne beim HSV dabei, um nach dem Spiel mit der Mannschaft richtig zu feiern. Das ist ja heute verständlicherweise noch ein bisschen ausgeblieben", sagt Hersch. Wenn der 33-Jährige allerdings noch in den hohen Norden fahren möchte, muss er jetzt tief in die Tasche greifen. Das Stadion ist ausverkauft, und gestern wechselten im Internet zwei Sitzplatztickets für deutlich mehr als 200 Euro den Besitzer.
So oder so werden viele Gladbacher das Spiel gemeinsam schauen. Ob es ein großes Public Viewing geben wird, stand am Sonntag noch nicht fest. Im kleineren Rahmen werden sich viele zusammenfinden. Oberbürgermeister Norbert Bude ist einer von ihnen. Er lädt am Samstag die Schützen zu einem Empfang auf Schloss Rheydt ein. "Ab 15.30 Uhr werden wir sicher vorm Fernseher sitzen, um unserer Borussia die Daumen zu drücken", sagt Bude. Er setzt auf die Treffsicherheit der Schützen und den guten Segen von Bezirkspräses Johannes van der Vorst.
Zusammenhalt demonstrierten die Anhänger bereits vor dem Freiburg-Spiel mit einem Umzug vom Eickener Markt zum Borussia-Park. 800 Fans waren es, die sich bereits um 9.30 Uhr im Gründungsviertel der Borussia trafen – zur Demonstration zum Erhalt des Mythos Borussia.
"Wir möchten uns als eine Fanszene präsentieren, die in guten wie in schlechten Zeiten zu ihrem Verein steht. Das macht den Mythos Borussia aus", sagt Matthias Neumann vom Mönchengladbacher Fanprojekt, bevor die Fans das "Borussen-Lied" anstimmen und dann Richtung Bökelberg losmarschieren. Es wird ein schwarz-weiß-grüner Zug mit vielen Transparenten, Kostümen und Borussen-Musik. Die Fans machen ihre Liebe zum Verein deutlich, und sie beziehen Stellung im Machtkampf, der wenige Wochen vor der Mitgliederversammlung tobt. Ihr einstiger Liebling kommt dabei nicht gut weg.
"Nur Gekläffe von Effe" steht auf einer Spruchtafel, die Monika Kohnen an ihren ausrangierten Regenschirm gehängt hat. "Ich bin Borussen-Fan, keine Geschäftsfrau. Aber die Initiative würde den Verein kaputt machen. Nur weil Effenberg ein toller Fußballspieler war, heißt das noch nicht, dass er auch einen Verein leiten kann", sagt das Fanprojekt-Mitglied. Ein paar Meter hinter ihr ziehen drei Fans im Sensenmann-Kostüm mit, ihre Gesichter sind durch die Konterfeis der Initiative-Gründer Norbert Kox, Martin Schmuck und Friedhelm Plogmann verdeckt. Sprechen wollen sie nicht, doch ihre Botschaften sind auch so unmissverständlich: "Gekaufter Tiger – Niemals Sieger. Anteile verkaufen – Borussia verkaufen."
"Die Fans wollen Veränderungen, aber nicht um diesen Preis", sagt Stefan Röder, als die Fans gerade an ihrer alten Heimat, dem Bökelberg vorbeiziehen. Das Mitglied des Fanklubs "Schwarzer Adler" hat genug von der jetzigen Vereinsführung, doch auch mit der Initiative kann er wenig anfangen. "Sie ist nur auf die Person Effenberg ausgerichtet." So sind die Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft derzeit vor allem Trainer Lucien Favre und seine Mannschaft. In einer Woche möchten die Fans zusammen mit dem Team in Hamburg feiern. Die Zuversicht, dass es dazu Anlass geben wird, ist größer denn je.
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