Borussia: Nicht darüber nachdenken
VON KARSTEN KELLERMANM - zuletzt aktualisiert: 20.10.2009Der frühere Gladbacher Frank Mill produzierte im Trikot von Borussia Dortmund das berühmteste Nicht-Tor der Bundesliga-Geschichte. Darum weiß er, wie sich Borussias Raúl Bobadilla nach seinem Fehlschuss in Wolfsburg fühlt.
Es werden bittere Minuten werden für Raúl Bobadilla. Sein Trainer Michael Frontzeck hat für heute die Videoanalyse der 1:2-Niederlage in Wolfsburg angesetzt, und dann wird es auch um "das Ding" gehen, wie Sportdirektor Max Eberl den kapitalen Fehlschuss des argentinischen Stürmers nannte: Diego Benaglio und Alexander Madlung hatten sich an der Strafraumgrenze über den Haufen gerannt und krabbelten desorientiert über den Rasen, der Ball war frei – und Bobadilla kickte ihn mit der Hacke am leeren Tor vorbei.
"Boba muss das Tor machen"
"Boba muss das Tor machen, dann steht es 1:1, und du verlierst das Spiel wohl nicht", vermutet Thorben Marx. Bobadilla war wütend auf sich selbst nach dem Spiel. Er wäre wohl am liebsten im Rasen versunken, als klar war, dass das Spiel verloren war.
Entwarnung bei Daems
Gute Nachricht Kapitän Filip Daems hat sich beim 1:2 in Wolfsburg nicht schwer verletzt. Die Kernspinuntersuchung ergab gestern, dass weder Kreuz- noch Innenband im rechten Knie kaputt sind.
Hoffnung Daems soll morgen wieder ins Training einsteigen, Michael Frontzeck hofft, dass er Samstag gegen Köln spielen kann.
Er hatte seine große Freiheit nicht bemerkt, hatte vermutet, Benaglio hechte heran und daher den Ball schnellstmöglich in Richtung Tor befördert. Wäre die Kugel hinein gekullert, wäre dies ein Anwärter auf das Tor des Monats gewesen. So aber war er der Tor des Tages.
Einer, der weiß, wie sich der Borusse fühlt, ist Frank Mill. Der 51-Jährige fabrizierte am 9. August 1986 DAS Nicht-Tor der Bundesliga-Geschichte. Mill war damals gerade aus Gladbach zu Borussia Dortmund gewechselt und machte beim FC Bayern sein erstes Spiel für den BVB.
Mill spielte die gesamte Abwehr der Münchener aus, inklusive Torwart Jean-Marie Pfaff. Das Tor war leer. "Ich schoss – und traf den Pfosten. Aus drei Metern. Das war der schlimmste Moment überhaupt: zu begreifen, dass der Ball nicht im Tor lag", erinnert sich Mill. Dabei hatte er sich sein erstes Tor für Dortmund so schön ausgemalt: "Ausholen, den Ball zwischen die Füße klemmen und nach einem Übersteiger elegant einschieben."
Wie nun Bobadilla wollte Mill ein Kunststück vollbringen statt einfach den Ball einzuschieben. Fortan wurde er arg gefrotzelt ob des Missgeschicks, und noch heute ist das Nicht-Tor Bestandteil jeder Fußball-Pannenshow.
Sogar bei einer USA-Reise sah sich Mill im Fernsehen den Ball an den Pfosten schießen. "Heute ist das lustig, aber damals wurde ich an jeder Ecke verarscht, sogar von den eigenen Teamkameraden", sagt Mill. Sein Lieblingsthema ist das Missgeschick noch immer nicht, denn irgendwie überschattet es seine immerhin 123 erzielten Tore. "Wird dir 20 Jahre die gleiche Frage gestellt, geht dir das auf den Pinsel", sagt er.
Nun ist zu vermuten, dass Bobadillas Fehlschuss den Millschen nicht ablösen wird vom Spitzenplatz in der ewigen Nicht-Tor-Rangliste. Und, dass die Borussen den Kollegen allenfalls behutsam hänseln werden. "Boba hat sich die Situation selbst erarbeitet. Das war stark.
Dann hat er leider die Nerven verloren", sagt Michael Frontzeck. Mill rät Bobadilla, nicht darüber nachzudenken, wenn er wieder vor dem Tor steht und den Ball einfach reinzuschießen. Mill traf in der Saison 1986/87 nach dem Pfostenlapsus noch 17 Mal ins Netz. Die beste Verdrängungstaktik sind halt Tore.
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