Borussia Mönchengladbach: Noch 90 Minuten durchhalten
zuletzt aktualisiert: 25.05.2011 - 07:58Kapitän Filip Daems über Borussias Chancen im Spiel am Mittwoch und warum sie so tief in den Keller gerutscht war. Er spricht darüber, wie die Mannschaft zu Trainer Michael Frontzeck gestanden hat und was er von Lucien Favre hält. Und wie er vom Fußball abschaltet.
Mit welchem Gefühl gehen Sie in das zweite Relegationsspiel am Mittwoch beim VfL Bochum?
Daems Wir können mit einem recht guten Gefühl in das Spiel gehen. Wir sind in einer guten Ausgangsposition für das Spiel, wichtig ist, dass wir die Null gehalten haben. Bochum wird natürlich alles versuchen, aber wenn wir so auftreten wie zuletzt, sollten wir in der Lage sein, dagegen zu halten.
Haben Sie im Hinspiel noch daran geglaubt, dass es noch klappt mit dem Sieg?
Daems Ich glaube, alle im Stadion haben gespürt, dass wir dieses Tor unbedingt wollten. Wir hatten dann die guten Chancen von Mike Hanke und Dante. Dass es dann in letzter Sekunde noch geklappt hat, war verdient und natürlich sehr wichtig. Aber wir sollten nicht zu sorglos in das Rückspiel gehen.
Ist dieses späte Glück ein psychologischer Vorteil auch für das Rückspiel?
Daems Entscheidend ist, dass wir das Tor gemacht haben. Jetzt müssen wir noch 90 oder 120 Minuten durchhalten und alles dafür tun, ein gutes Ergebnis zu erreichen. Optimal wäre natürlich, wenn wir selbst ein Tor machen. Aber erst mal müssen wir hinten gut stehen und wenig zulassen. Das gibt die nötige Sicherheit, das haben die vergangenen Wochen gezeigt.
Gab es in der Schlussphase der Saison einen Moment, in dem Sie gezweifelt haben, dass Borussia es vielleicht doch nicht schafft, dem Abstieg zu entkommen?
Daems Natürlich gab es Phasen, zum Beispiel nach dem Lauternspiel, das wir 0:1 verloren haben, wo man dachte: Jetzt wird es richtig schwer. Aber wir haben tatsächlich immer daran geglaubt, dass wir es schaffen können. Wenn die Konkurrenz mitspielt, war immer die Chance da, dass noch etwas geht. Und so war es dann ja auch. Wenn wir nur einen Moment nicht mehr an uns geglaubt hätten, wäre alles verloren gewesen.
Sind Sie Frankfurt dankbar, dass es so abgestürzt ist?
Daems Wir müssen niemandem dankbar sein. Wir haben es uns selbst erarbeitet, dass wir auf dem Relegationsplatz stehen. Wir haben uns damit für unsere Aufholjagd belohnt.
Welchen Anteil am Aufschwung hat Trainer Lucien Favre?
Daems Er hat uns sehr gut eingestellt. Favre hat uns von Anfang an gesagt, dass es sehr schwer wird, dass er aber auch an uns glaubt. Er hat uns im Training immer auf unsere Fehler hingewiesen und immer gleich korrigiert. Und wir haben sehr viel Taktik- Arbeit gemacht. So hat er unsere Defensive stabilisiert, wir haben ja in den 13 Spielen mit Favre nur noch neun Gegentore bekommen. Das war die Basis für den Erfolg der vergangenen Wochen.
Was hat Favre anders gemacht als sein Vorgänger Michael Frontzeck?
Daems Ich habe in meiner Karriere schon sehr viele Trainer erlebt. Jeder hat seine eigene Idee vom Spiel. Es war ja nicht alles schlecht, was bei Frontzeck passiert ist. Wir haben eine gute Saison gespielt, jetzt lief die Hinrunde sehr schlecht.
Warum?
Daems Wir hatten viele Verletzte und haben zu viele Fehler gemacht. Aber es war insgesamt eine seltsame Saison. Stuttgart, Bremen und Wolfsburg hatten sich sicher auch mehr vorgenommen. Manchmal steckt man in einer Abwärtsspirale, und es ist schwer, da raus zu kommen. Das zeigt auch das Beispiel Frankfurt.
Hat man als Profi Schuldgefühle, wenn ein Trainer entlassen wird?
Daems Die Mannschaft hat bis zuletzt hinter Michael Frontzeck gestanden. Wir haben nach dem 1:3 beim FC St. Pauli natürlich gespürt, dass der Verein reagieren wird. Wir waren ja gut in die Rückrunde gekommen, aber die Niederlagen gegen die direkten Konkurrenten waren böse Rückschläge. Wenn man in so einer Situation keine Punkte holt, hat das meistens solche Konsequenzen.
War es der richtige Moment, den Trainer zu entlassen?
Daems Im Rückblick ja, seitdem ist es ja besser geworden. Aber noch einmal: Die Mannschaft stand immer zu Frontzeck. Es ist halt viel schief gelaufen.
War es wichtig, dass in der Winterpause personell nachgelegt wurde?
Daems Martin Stranzl, Mike Hanke und Havard Nordtveit haben uns auf jeden Fall weitergebracht. Wir haben das wohl gebraucht.
Ist die Mannschaft besser als der 16. Platz, den sie mit Mühe und Not erreicht hat?
Daems Wenn man allein die Rückrunde sieht, kann man das vermuten. Aber man muss eben über ein ganzes Jahr stabil sein. Das waren wir nicht. Nach dieser Hinrunde war nicht viel mehr möglich als der Relegationsplatz. Und wir können froh sein, dass wir ihn erreicht haben.
Sie sind seit sechs Jahren Borusse und haben viel auf und ab erlebt. Lucien Favre ist der siebte Trainer, den Sie hier in Gladbach haben. Ist das auch ein Grund für die fehlende sportliche Kontinuität?
Daems Das hat auch damit zu tun. Der Verein hat das sicher anders geplant. Gerade mit Michael Frontzeck sollte ja Kontinuität reinkommen bei Borussia. Aber wenn es so läuft wie in dieser Saison, ist es schwer, das durchzuhalten. Sie selbst sind in der Rückrunde auch deutlich besser als im ersten Teil der Saison.
Lag das an Ihnen oder an Juan Arango, der nun viel besser nach hinten arbeitet als früher?
Daems Vor allem liegt es an mir, das ist doch klar. Aber für jeden Spieler ist es leichter, wenn die gesamte Mannschaft funktioniert. Juan macht es jetzt richtig gut, wie alle anderen auch. Wir stehen besser, machen die Räume enger.
Sie haben schon viel erlebt in Gladbach. Den Abstieg 2007, bei dem Sie allerdings meist verletzt gefehlt haben. Dann den Aufstieg 2008 und die knappe Rettung 2009. Dennoch: Ist die aktuelle Saison Ihre interessanteste in Gladbach?
Daems (grinst) Tja, interessant, gut gesagt. Es war ein Jahr mit extremen Höhen und Tiefen. Aber bis jetzt haben wir noch nichts erreicht. Wir sind froh, dass wir die Relegation geschafft haben. Und, dass wir mit einer guten Ausgangsposition ins zweite Spiel gehen. Aber es ist noch alles möglich.
Was war 2009, als sich Borussia auch so eben noch rettete, anders?
Daems Unsere Mannschaft ist jetzt besser. Wir spielen einen anderen Fußball. Damals war es aber anders, unten in der Tabelle war alles deutlich enger zusammen. Jetzt waren wir sehr lange Letzter und mussten die ganze Zeit aufholen.
Was war der schlimmste Moment für Sie in dieser Saison?
Daems Ehrlich gesagt die gesamte Hinrunde. Wenn man mit nur zehn Punkten in den Weihnachtsurlaub geht, kann man die Feiertage nicht wirklich genießen. Ich hoffe natürlich, dass ich mit einem besseren Gefühl in den Sommerurlaub gehen kann.
Haben Sie schon was geplant?
Daems Ich werde auf jeden Fall etwas mit meiner Familie machen. Aber gebucht haben wir noch nichts. Ich kann ja keine konkreten Pläne machen, wenn ich nicht weiß, was ist. Und was ist, werden wir erst am Mittwoch nach dem Spiel in Bochum wissen.
Was auch passiert – brauchen Sie nach so einer Saison lange, um abzuschalten? Daems Ich kann eigentlich ganz gut abschalten. Das geht natürlich besser, wenn man mit einem Erfolg aus der Saison geht. Aber wenn ich bei meiner Familie bin, dann versuche ich, den Job außen vor zu lassen. Ich kann entspannen, wenn ich mit den Kindern im Garten spiele oder so etwas.
Geben Sie einen Tipp für das Spiel am Mittwoch ab?
Daems Nein, ich tippe nicht.
Wie werden Sie sich am Mittwoch um etwa 22.20 Uhr fühlen?
Daems Das ist Spekulation, weil es ja vom Ergebnis abhängt. Ich wäre natürlich sehr enttäuscht, wenn wir es nicht schaffen. Aber ich hoffe natürlich, dass wir uns darüber freuen können, weiter in der Bundesliga zu spielen. Schön wäre, wenn wir dazu keine Verlängerung und kein Elfmeterschießen brauchen.
Falls es doch zum Elfmeterschießen kommt, werden Sie schießen?
Daems Klar. Wir werden auf alles vorbereitet sein. Aber wir haben uns nicht allzu viele Gedanken über ein Elfmeterschießen gemacht, da ist ja viel Glück dabei. Wir wollen das möglichst in 90 Minuten regeln. Es wird ein spannendes Spiel, ganz sicher. Wenn wir die Nerven behalten und die Null steht, dann schaffen wir es.
KARSTEN KELLERMANN UND ANDRÉ SCHAHIDI führten das Gespräch.
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