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Mit dem Erfolg steigen die Erwartungen: So wird Borussias Rückrunde

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 20.01.2012 - 10:05

Es gibt sie immer noch, die Schwarzseher. Nach einer unerwartet starken Hinrunde wurde schon wieder ein Niedergang Borussias befürchtet. Doch Träumen ist erlaubt. Reus trägt noch 17 Spiele die Raute und kann helfen, Borussia in einen internationalen Wettbewerb zu schießen. Eine Analyse.

Lucien Favre vor einem Bild aus Borussias großer Vergangenheit mit Trainerlegende Hennes Weisweiler und Jupp Heynckes, damals noch als Spieler (Fünfter und Vierter von rechts). Foto: FIRO
Lucien Favre vor einem Bild aus Borussias großer Vergangenheit mit Trainerlegende Hennes Weisweiler und Jupp Heynckes, damals noch als Spieler (Fünfter und Vierter von rechts). Foto: FIRO

Es war eine seltsam unruhige Winterpause für die Borussen. Eigentlich unverständlich nach der besten Hinrunde seit 35 Jahren und den schönen Aussichten, mit denen das Team heute gegen den FC Bayern München in die Rückrunde startet: als Tabellenvierter und DFB-Pokal- Viertelfinalist. Doch nicht wenige prophezeiten schon den Niedergang alles Guten, was zuletzt im jahrelang kriseligen Borussia-Park herangewachsen ist: Marco Reus geht, dazu Roman Neustädter, auch Lucien Favre plane möglicherweise den Abgang – und Dante sowieso. Ist alles wieder vorbei, bevor es richtig begonnen hat?

"Weiter im Endspiel-Rhythmus denken"

Borussias Sportdirektor Max Eberl im Stadion. Foto: BÜNTIG

Nein! Dass der flotte Reus irgendwann gehen würde, war absehbar, nun ist irgendwann eben im Sommer. Für Neustädter hat Borussia mit Tolga Cigerci und Alexander Ring bereits Ersatz gefunden, beide haben nun ein halbes Jahr Zeit, sich zu integrieren und die Konkurrenzsituation zu verstärken. Erst mal ist aber die Rückrunde – und in dieser sind sie alle noch da. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass es durchaus nützlich ist, im Fußball die Zukunft zu verkürzen und sich, frei nach dem großen Fußballphilosophen Sepp Herberger, nur auf das nächste Spiel zu konzentrieren. Was dann am Ende der Saison ist? Abwarten. Als die Borussen vor einem Jahr in die Rückserie gingen, da waren sie eigentlich schon abgestiegen. Doch alles kam ganz anders und wurde viel besser.

Und seltsamerweise haben die Borussen jetzt gefühlt mehr zu verlieren als damals. Damals konnten sie nur durch ein Wunder gerettet werden – das trat dann ein. Nun haben sie einen üppigen Vorsprung auf den ersten nicht-europäischen Platz und somit beste Chancen, erstmals seit 1996 wieder im Europapokal zu spielen. Aber stopp! Wieder zu weit gedacht. Das nächste Spiel, oder zumindest die nächsten vier, werden Auskunft geben, wohin es geht. In der Hinrunde war der Sieg beim FC Bayern der Auslöser für den verblüffenden Höhenflug, er gab, das hat Lucien Favre stets gesagt, viel Selbstvertrauen in Verbindung mit der Nicht-Abstiegs-Euphorie. Dieses steht nun auf dem Prüfstand, und vielleicht ist der Vergleich mit dem großen FC Bayern noch die leichteste der ersten Partien.

Denn danach geht es erst zum VfB Stuttgart und dann zum VfL Wolfsburg. Unangenehme Gegner sind das, weil unberechenbar. Und danach kommt Schalke. Für die Borussen wird es nun in der Rückrunde darauf ankommen, weiter im Endspiel-Rhythmus zu denken, von Woche zu Woche also. So können sie Erfolge ebenso einordnen als tagesaktuelle Ereignisse wie Misserfolge. Allerdings, und das ist Favres vorderste Aufgabe, müssen sich die Gladbacher darauf einstellen, dass sie von nun an nicht mehr der Fast- Absteiger sind, sondern ein Team aus den Höhenlagen der Liga. In Augsburg und gegen Mainz war zu sehen, wie Gegner damit umgehen – und auch, dass sich die Borussen damit durchaus schwer taten. Favre muss den Mittelweg finden: Er muss sein Team auf dem Boden halten und es zugleich mit der Tatsache umgehen lehren, nun mit anderen Maßstäben gemessen zu werden. Unterschätzen jedenfalls wird die Borussen keiner mehr. Zudem wird es wichtig sein, die Umwelt auszublenden.

Denn wer Erfolg hat, der ist im Gespräch – siehe Marco Reus. Dass dessen Weggang im Sommer fix ist, schützt die Borussen vor ständigen Debatten darüber, wohin der Hochbegabte denn nun gehen könnte. Gleichwohl wird es ständig Namen hageln, wer denn nun geholt werden kann für die 17 Millionen Euro, die der Transfer des Dortmunders nach Dortmund bringen wird. Doch das ist die Sache von Manager Max Eberl, nicht die der Mannschaft. Eberl will das Geld mit Bedacht in Qualität investieren und wird dabei die nötigen Faktoren berücksichtigen. Auch für Eberl ist es eine neue Herausforderung.

Bislang musste er immer aufs Geld schauen, jetzt darf er mit vollem Konto shoppen gehen, möglicherweise sogar mit Europa-Cup- Millionen. Doch auch viel Geld ist nicht leicht zu investieren. Es muss passen zum Team, was da kommt – und nicht immer sind ganz große Namen das Richtige. Auch das ist indes ferne Zukunft. Zunächst sind die Spieler da, die da sind. Und die haben sich viel vorgenommen. Denn sie wollen die starke Hinrunde bestätigen. Das wird an sich nicht leicht, denn mit dem Erfolg steigen auch die Erwartungen. Favre versucht, sie immer wieder mit dem Verweis darauf zu dämpfen, woher sein Team komme. Doch zieht dieses Argument nicht mehr. Borussia ist nun stabiles Mitglied der Spitzengruppe, gegen den Abstieg spielen andere.

Gleichwohl sollte man die ersten 17 Spiele als tolles Ereignis nehmen, nicht aber als Maßstab für alles, was kommt. So wie die Mannschaft im ersten Teil der vorigen Saison kilometerweit Lichtjahre hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb, so spielte sie jetzt zuweilen über oder zumindest haarscharf am obersten Limit. Realismus ist hilfreich im Staate Borussia, doch ist ein wenig träumen erlaubt! Es ist bislang eine tolle Saison – und sie kann noch besser werden. Und selbst, wenn es einen kleinen Absturz geben sollte, wäre es immer noch mehr, als zu erwarten war. Ein Zerfalls-Szenario jedenfalls ist nicht in Sicht.

Quelle: seeg

 
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