Mönchengladbach: 15 Stunden mit Krichel-Mäurer
VON DIETER WEBER - zuletzt aktualisiert: 21.09.2009Mönchengladbach (RPO). Eine Podiumsdiskussion in der Gesamtschule Rheydt-Mülfort, Wahlkampf an Infoständen, Gespräche mit Eltern, die um einen Spielplatz bangen und Treffen mit Bürgern – so sieht ein Tag des SPD-Bundestagskandidaten aus. Wir haben ihn dabei begleitet.
6.10 Uhr Der Wecker klingelt eine Stunde früher als sonst, wenn Hermann-Josef Krichel-Mäurer seinem Job als Polizeibeamter nachgeht. Jetzt hat er Urlaub – "Wahlurlaub". Urlaubsrest aus dem Vorjahr und den Jahresurlaub 2009 opfert er für die Bundestagskandidatur. Weil Krichel-Mäurer mit Ehefrau Sigrid am Abend vorher lange Gast beim Iftaressen in der Moschee an der Neusser Straße war, fällt das Aufstehen schwerer als sonst. Der erste Weg: Im Videotext durchzappen, ob es Neues gibt. Dann Studium der Tageszeitungen und Frühstück mit Ehefrau Sigrid. Eine Scheibe Dinkelbrot mit Käse, dazu Kaffee. Politik ist Thema.
8.15 Uhr Krichel-Mäurer parkt den dunkelgrauen Skoda Octavia vor der Gesamtschule Mülfort. Podiumsdiskussion im Schul-Forum. Der SPD-Mann im anthrazit-farbenen Anzug und hellblauen und am Kragen offenen Hemd plaudert mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Günter Krings. Mehr als 100 Schüler warten. Oben auf der mit schwarzem Stoff verhüllten Bühne besetzt Krichel-Mäurer den linken Stehtisch. Kurzes Ordnen der Karteikarten mit Stichwörtern. Es gibt Beifall und einige johlende Rufe, als er vorgestellt wird. Hier fühlt sich der Kandidat wohl. Sein erstes Statement schließt er mit der Forderung "Chancen für alle" ab. Das kommt an bei den Schülern, deren Favorit er offenbar ist. Der Beifall ist bei seinen Antworten stark, und als er irgendwann "Basta-Politik" demonstriert und die Aussage eines Mitbewerbers als "Schwachsinn" bezeichnet, johlen die Schüler. Der Verweis auf seinen Spickzettel sorgt für Lacher. Nach Ende der Diskussion wartet Radio 90,1.
10.16 Uhr Eine Schülergruppe fängt Krichel-Mäurer am Schultor ab: "Wir haben ein paar Fragen." Der Kandidat antwortet geduldig. "Darf ich mir bei dir eine schnorren?", fragt er einen jungen Mann nach einer Zigarette. Es ist nicht seine Marke Marlboro. Egal. Der ehemalige Jugendtrainer im Volleyball diskutiert mit den jungen Leuten.
10.36 Uhr Informationsstand auf dem Marktplatz in Giesenkirchen. Alte SPD-Recken sind da und verteilen Material: Harald Kamp, Hartmut Müller, später noch Horst-Peter Vennen helfen mit. Eine Blonde wünscht ein Autogramm des Kandidaten. "Das ist unser Zugpferd", stellt Müller Krichel-Mäurer vor. Dieser verteilt Karten mit seinem Konterfei vorne und einem mit der Hand geschriebenen Gruß auf der Rückseite. Dazu rote Quietsche-Enten und Kugelschreiber. Der Kandidat spricht die Bürger direkt an und hört zu, was diese erzählen. Dabei zeigt sich über dem Nasenrücken eine Falte. Werden die Gespräche intensiv, furcht er die Stirn. Eine überraschende Begegnung – die Schwiegertochter eines Polizei-Kollegen. Er überreicht ihr das gesamte Werbematerial. Dann eine Diskussion über Giesenkirchen und das still gelegte Freibad. "Da mutt jett komme", sagt der ältere Mann. Krichel-Mäurer nickt: "Wir müssen uns über die Schwimmbäder im Rat noch mal unterhalten."
11.50 Uhr Die Genossen erzählen mit dem Kandidaten ein paar Minuten im Café Ambour. Ratsherr Horst-Peter Vennen berichtet Neues vom Niersverband. "Das ist wichtig für uns hier im Osten", sagt er. Im künftigen Bezirk Ost sitzt Krichel-Mäurer, und dieses Amt will er wahrnehmen, auch wenn er in den Bundestag einzieht.
12.34 Uhr Stippvisite zu Hause. Die Blumen, die er bei der Podiumsdiskussion geschenkt bekam, müssen in die Vase. Dann geht's weiter. Ohne Essen. Zwölf Kilo hat Krichel-Mäurer im Wahlkampf verloren.
13.12 Uhr Treffen mit den Parteifreunden Felix Heinrichs und Sylvia Barck im Parteibüro an der Brucknerallee. Unicef hat einen Wahlprüfstein geschickt und will eine Antwort, ob Kinderrechte ins Grundgesetz sollen. "Unsere Position", sagt Krichel-Mäurer. Außerdem hat sich Staatssekretär Michael Müller angesagt und will über neue Arbeitsplätze in Zukunftsberufen informieren. Barck bekommt den Auftrag, sich mit den Betreibern von Anlagen mit regenerativer Energie in Verbindung zu setzen.
14.10 Uhr Wieder Besuch am Infostand – dieses Mal in Neuwerk. Monika Berten und Philipp Dziuba helfen ihm hier. Statt Quietsche-Entchen packen sie rote Jo-Jos und Malbücher aus. Eine ältere Frau schiebt einen Rollator und spricht Krichel-Mäurer an. Sie ist schwer behindert, lebt von 800 Euro monatlich. Wieder die Nasenrücken-Falte und die gefurchte Stirn. Das Gespräch dauert. Danach gibt es etwas zu lachen. Ein junger Mann schaut Krichel-Mäurer an: "Sie sind doch der aus dem Fernsehen."
16.04 Uhr Parteifreund Ralf Horst erwartet den Kandidaten vor dem Abenteuerspielplatz Oststraße. Hier hat Krichel-Mäurer ein Heimspiel: Noch ist er Bezirksvorsteher im Volksgarten. Aufgebrachte Eltern umringen die Politiker, deuten auf den unbefestigten Parkplatz, auf dem vor dem Spielplatz viele Autos stehen. Der Abenteuerspielplatz soll weg, weil die Kreishandwerkerschaft das Gelände gekauft hat und hier bauen will. Seit Jahren suchen Volksgarten-Politiker und Krichel-Mäurer deshalb nach einem neuen Standort. Erfolglos. Die aufgebrachten Eltern wollen erfahren haben, dass der Parkplatz auf städtischem Gelände eingerichtet ist. "Dann verlegt den Spielplatz dahin", fordern sie. Krichel-Mäurer ist perplex. "Das ist mir neu, dass dieser Platz der Stadt gehört", sagt er. Dann wird er lauter: "Welches Spielchen macht man mit uns?" Gemünzt ist dies auf das städtische Jugendamt. Er verspricht Hilfe.
17.12 Uhr Kurze Abstimmung mit dem neuen SPD-Ratsmitglied Ralf Horst. Wer erkundigt sich wegen des Spielplatz-Problems, ob die Angaben der Eltern der Tatsache entsprechen? Horst übernimmt dies.
18 Uhr Treffen mit einem Bürger in Hardterbroich. Dessen Ehefrau ist gehbehindert, außerdem pflegt er die Mutter. Der Hardterbroicher vermisst Behindertenparkplätze vor städtischen Häusern und bei Veranstaltungen. Krichel-Mäurer verspricht, sich um die Angelegenheit zu kümmern: "Einem Nicht-Behinderten fällt das nicht so schnell auf. Ich werde mehr darauf achten, wenn ich über einen Bebauungsplan entscheiden muss."
19.06 Uhr Telefongespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Lothar Beine. Thema: Mehrheitsbildung im neuen Rat. Die Gespräche laufen gut, meint Krichel-Mäurer.
19.27 Uhr Wieder zu Hause. Ehefrau Sigrid. hat eine Kürbissuppe gekocht. Tochter Judith wollte vorbeikommen, sagt aber wegen einer Grippe ab. Krichel-Mäurer schaut die Tagesschau, studiert die Zahlen im ARD-Deutschlandtrend, guckt sich die Termine für den nächsten Tag an. Danach legt er eine CD ein: lateinamerikanische Musik mit Gedichten von Ernesto Cardenal – der Tag des Kandidaten Hermann-Josef Krichel-Mäurer.
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