Mönchengladbach: 216 Kinder aus Familien geholt
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 28.07.2008Mönchengladbach (RPO). Das Jugendamt musste im vergangenen Jahr 216 Kinder und Jugendliche in Obhut nehmen, weil sie zu von ihren Eltern vernachlässigt oder misshandelt wurden. Zum Vergleich: In der Nachbarstadt Krefeld waren es 31 Kinder.
Dass mit Kevin (Name geändert) irgendetwas nicht stimmte, ist seiner Lehrerin ziemlich schnell aufgefallen. Der Sechsjährige war häufig geistig abwesend, kam manchmal ohne Tornister in die Schule und hatte nie ein Pausenbrot dabei. Als der Junge eines Tages mit Brandblasen auf den Armen in der Klasse erschien und bei der Nachfrage der Lehrerin nur ausweichende Antworten gab, schaltete sie das Jugendamt ein.
Teufelskreis Vernächlässigung
216 Kinder und Jugendliche hat das Jugendamt der Stadt im vergangenen Jahr aus Familien herausgeholt. In sieben Fällen geschah das auf Wunsch der Betroffenen, bei allen anderen war der Grund: Kindeswohlgefährdung. „Wir haben es zunehmend mit Eltern zu tun, die mit der Erziehungsaufgabe überfordert sind“, sagt Jugendamtsleiter Reinhold Steins. Viele, die ihre Kinder misshandeln und vernachlässigen, hätten in ihrer Kindheit Ähnliches erlebt. Um sie aus dem Teufelskreis herauszuholen, gebe es eben oft nur das Mittel der Inobhutnahme. Manchmal müssen die Kinder und Jugendlichen nur für eine gewisse Zeit aus der Familie geholt werden, oft aber auch für immer. „Bei kleineren Kindern prüfen wir Adoptionsmöglichkeiten, oder wir suchen Pflegefamilien“, sagt Steins. Die stationäre Heimunterbringung stehe am Ende der Kette, sei die letzte Lösung, doch manchmal eben nicht vermeidbar. Denn es gebe Kinder, die seien derart traumatisiert oder schwierig, dass eine Pflegefamilie überfordert wäre. Rund 334 Kinder und Jugendliche aus Mönchengladbach waren zum Stichtag 31. Dezember 2007 in Heimen untergebracht. 14,8 Millionen Euro gibt die Kommune dafür aus. Im Schnitt sind das pro Tag und Kind 123 Euro.
Schutzmaßnahmen
2007 Von den 216 Kindern und Jugendlichen, die aus den Familien geholt wurden, sind 88 männlich und 126 weiblich.
2006 wurden 184 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, 70 von ihnen waren unter 14 Jahren.
2005 In der Stadt mussten 196 Kinder geschützt werden, 76 waren jünger als 14 Jahre.
Insgesamt werden 2469 Kinder vom Jugendamt betreut. Die Erziehungshilfen sind unterschiedlich – reichen von der Hausaufgabenbetreuung über Elternberatungsgespräche bis eben hin zur Unterbringung in Heimen. Schon jetzt gibt die Stadt 40 Millionen jährlich für die Hilfen aus. Ein Ende ist nicht in Sicht. Dass in Mönchengladbach die Fallzahlen so hoch sind, wird auch auf die überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenzahlen, Verschuldungsquoten und Scheidungsraten zurückgeführt. „Es war nie unser Bestreben, die Fallzahlen zu verringern. Wir wollen schon wissen, wenn irgendwo etwas schiefläuft“, sagt der Jugendamtsleiter. Durch das Frühwarnsystem, das die Stadt gerade aufbaut, könnten die Fallzahlen noch einmal rapide ansteigen. Doch Steins ist sich sicher, dass es langfristig auch einen Einspareffekt geben kann. Denn zu dem Konzept gehören Präventionsangebote wie möglicherweise ehrenamtliche Familienpatenschaften, die frühzeitig Wege aus der Teufelsspirale aufzeigen sollen.
Einen Grund für das Ansteigen der Fallzahlen sei aber sicher auch die größere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, glaubt der Jugendamtsleiter. „Man liest in den Zeitungen von Eltern, die ihre Kinder verhungern ließen. Das sensibilisiert auch die Bevölkerung vor Ort.“
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