Mönchengladbach: 2387 vernachlässigte Kinder
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 11.09.2008Mönchengladbach (RPO). Knapp 40 Millionen Euro wird die Stadt in diesem Jahr ausgeben müssen, weil viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind und Hilfe brauchen. Bei den Fallzahlen gibt es erschreckende Steigerungen.
2387 Kinder und Jugendliche werden zu Hause in irgend einer Form vernachlässigt oder misshandelt. Und das sind nur die Fälle, die bei der Stadt bekannt sind. Zum Vergleich: 2365 Kinder wurden im August eingeschult. „Ein kompletter Jahrgang ist also in der Stadt auf Hilfen zur Erziehung angewiesen“, sagt der jugendpolitische Sprecher der CDU, Wolfgang Wolff.
Anstieg um 42 Prozent
Die Fallzahlen wachsen in der Tat dramatisch. Im Juni 2006 brauchten 1676 Kinder Unterstützung. Bis August 2008 stieg die Zahl um 42 Prozent auf 2387 Fälle an, wie Norbert Deckers, Fachbereichsleiter der Sozialen Dienste, mitteilt. Das bedeutet auch: Die Stadtkasse wird immer mehr belastet. Knapp 40 Millionen Euro jährlich sind es aktuell. Und ein Ende der Kostenlawine ist nicht in Sicht. „Wenn eine Familie Unterstützung braucht, bekommt sie die auch“, sagt der zuständige Dezernent Dr. Michael Schmitz.
1393 Euro pro Fall
Hilfen zur Erziehung Zum Stichtag 31. August waren 2387 Kinder betroffen, Ende Dezember 2007 waren es noch 2160, Mitte 2006 1676. Kosten Sie liegen derzeit im Schnitt bei monatlich 1393 Euro pro Fall. Im Juni 2006 waren es 1564 Euro, im Juni 2003 2761 Euro.
Ausgaben Sie stiegen von rund 30 Millionen Euro im Jahr 2006 auf voraussichtlich 39,4 Millionen Euro zum Ende dieses Jahres.
Denn: Hilfen zur Erziehung sind eine Pflichtaufgabe der Kommune, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Präventionsarbeit zählt dagegen zu den freiwilligen Leistungen. Die wären angesichts der Lage dringend angebracht. Aber die Stadt ist überschuldet, fährt ein Haushaltssicherungskonzept und da passt die Bezirksregierung auf wie ein Luchs: Freiwillige Leistungen? Geht nicht! „Manchmal kommt man sich vor wie ein Schaf, das hilflos den ständig wachsenden Zahlen hinterher guckt“, sagt Wolff.
Auch Schmitz sieht dringenden Handlungsdedarf: „Die Aufsichtsbehörden müssen langsam erkennen, dass allein das Starren auf die Rechtslage nicht zielführend ist.“ Mit Prävention helfe man nicht nur den Familien und den Kindern, sondern auf lange Sicht auch dem Haushalt. Damit spricht der Dezernent allen politischen Parteien aus dem Herzen. „Wir müssen den Finger in die Wunde legen“, fordert Monika Berten (SPD). Schmitz, der im Städtetag Vorsitzender des Fachausschusses Soziales und Jugend ist, will das Problem jetzt auch überörtlich angehen. Denn nicht nur in Mönchengladbach wächst die Zahl der Eltern mit Erziehungsdefiziten. „Wir sehen diese Entwicklung auch in anderen Städten“, sagt Norbert Deckers. „Aber bei uns ist der Trend auffälliger.“
Woran das liegt? In kaum einer anderen Stadt leben so viele Kinder in Hartz-IV-Familien. „Ähnliche Zahlen gibt es nur in Herne und Oberhausen“, weiß Deckers. Außerdem: Die Scheidungszahlen, bei denen Kinder betroffen sind, sind in Mönchengladbach außergewöhnlich hoch. Beides könnten Faktoren für die Entwicklung sein, so der Fachbereichsleiter der Sozialen Dienste. Wenn in der Familie Geld fehle, könne das zu Unzufriedenheit und Streitigkeiten führen. Und Beziehungsarbeit sei bei den Hilfen zur Erziehung immer ein wichtiges Thema. Deckers: „Natürlich ist nicht jedes Scheidungskind betroffen, aber es sind viele, die darunter leiden, dass Beziehungen, die sie hatten, immer wieder in die Brüche gingen.“
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