1967: Als Lehrer zurück nach Odenkirchen
VON CHRISTIAN SPOLDERS - zuletzt aktualisiert: 22.07.2009 - 13:591967 (RPO). Martin Kirschbaum war 26, als er sein Referendariat am Gymnasium Odenkirchen begann. An eben jener Schule, an der er als Jugendlicher bis zum Umzug seiner Eltern ein Jahr verbrachte – und an der er als Sextaner die ersten Ohrfeigen bekam. „Dennoch hatte ich nach dem Studium den Wunsch geäußert, in Odenkirchen zu unterrichten“, sagt er.
Der Beginn seiner praktischen Ausbildung nach den Weihnachtsferien 1967 bezeichnet er als „großes Abenteuer. Ich hatte seit dem Abitur keine Schule mehr von innen gesehen.“ Praktika waren damals während seines Studiums der Fächer Deutsch, katholische Religion und Philosophie nicht vorgesehen. Kirschbaum, der als Referendar 420 Mark verdiente und jeden Tag mit dem ersten eigenen Auto, einem alten Opel, zur Schule fuhr, hatte lediglich als Leiter einer Jugendgruppe Erfahrung mit jungen Menschen gesammelt.
Dementsprechend testeten die Schüler der elften Klasse, die Kirschbaum während der Studienfahrt des eigentlichen Deutschlehrers Rolf Lüpertz über das Nibelungenlied unterrichten sollte, ihre Grenzen aus. „Sie rückten mit ihren Pulten fast unmerklich immer weiter nach vorne.“ Allerdings weniger, um besser hören zu können, als zu stören. „Ich verpasste den drei Rädelsführern einen Eintrag ins Klassenbuch und verdonnerte sie zu einer Stunde Arrest.“
Am Nachmittag bat er Klassenlehrer Wolfgang Gebel um Unterstützung. „Er stand voll hinter mir“, sagt Kirschbaum. „Am nächsten Morgen geigte er seinen Schülern die Meinung, von da an konnte ich so ruhig unterrichten wie in Abrahams Schoß.“ Und das sogar während des Beginns der Unruhen nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg. „Der Schulleiter Dr. Brauer und sein Nachfolger, Herr Langen, führten das Gymnasium so konsequent, dass es bei uns nie turbulent zuging.“
Nach dem zweiten Jahr als Referendar am Huma kehrte Kirschbaum nach Odenkirchen zurück. Er blieb mehr als 35 Jahre, war Studiendirektor und in den letzten Jahren Ausbildungskoordinator der Referendare. „Damit sie wussten, dass ich hinter ihnen stehe, habe ich ihnen immer mein Schlüsselerlebnis erzählt“, sagt Martin Kirschbaum. „Auch ich habe mich immer voll hinter die Referendare gestellt.“
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