Mönchengladbach: Als Netzer eine Disko eröffnete
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 10.07.2010Mönchengladbach (RPO). Die Legende lebt, in der Gegenwart sieht es weniger gut aus. Anfang der 70er Jahre zog Günter Netzers Disko "Lovers' Lane" auch Besucher aus Köln und Düsseldorf an und hatte großen Anteil am Aufschwung der Altstadt. Heute kämpft dort der Betreiber eines R'n'B-Clubs um die Besucher.
Stadtmitte Plötzlich stand Sepp Herberger im coolsten Club der Stadt, ach des ganzen Landes. Der große Sepp Herberger. In Günter Netzers Lovers' Lane in der Gladbacher Altstadt. Als er seinen Hut ablegte, sollen die Leute applaudiert haben.
Sepp Herberger war längst nicht der einzige Prominente, der Anfang der 70er Jahre dem Club an der Waldhausener Straße 55 einen Besuch abstattete. Udo Jürgens, Elke Sommer, Franz Beckenbauer waren da, Heynckes, Bonhof und Simonsen Stammgäste. Nur der damalige Borussia-Trainer Hennes Weisweiler hielt sich fern. "Jetzt ist er völlig verrückt geworden", sagte er über Netzer. Doch der Laden brummte und hatte großen Anteil am Aufschwung der Altstadt. Plötzlich schossen die Clubs wie Pilze aus dem Boden. Die Leute kamen sogar aus Düsseldorf und Köln.
Die Gegenwart ist weniger aufregend. Heute betreibt dort Alex Emeka "Sinas Club Lounge". Freitags und sonntags ist geöffnet, dann laufen dort R'n'B, Soul und Hip Hop. Wie die meisten Clubbesitzer in der Altstadt hat auch er es schwer. "Ich muss kämpfen", gibt der 40-jährige Nigerianer zu. Zu Beginn seien noch Leute gekommen, die ihn aufs Lovers' Lane angesprochen hätten, das aber ist längst vorbei.
Im April 1971 hatte Netzer das Lovers' Lane in einem früheren Friseurladen eröffnet. Er steckte das Geld rein und gab seinen Namen her. Für die Gestaltung war seine damalige Freundin Hannelore Girrulat zuständig, die dafür sorgte, dass Netzer der erste Fußballer war, der Popstar wurde. Schwarz war ihre Farbe. Die Fassade wurde schwarz gestrichen, die Wände, die Decke, der Boden.
Zu Beginn stellten die Mitarbeiter noch häufiger Netzers Ferrari vor die Tür, auch wenn Günter Netzer gar nicht da war. Um die Leute anzulocken. Das aber war später nicht mehr nötig. Kaum öffneten sich die Türen, traten sich die Leute schon auf die Füße. Wer hineinwollte, musste klingeln, dann öffnete Portier Rainer Mumbauer eine Klappe auf Augenhöhe und sah sich die Gäste genau an. Wer angetrunken oder nicht ordentlich angezogen war, hatte keine Chance. Mit Fußballtrikot lief auch nichts. Wer drin war, dem kam es so eng vor wie in einer Büchse Thunfisch, viel mehr als 60 Leute gingen nicht hinein. Dafür mixte Barkeeper Picco Corazzini für sechs bis acht Mark die besten Drinks weit und breit, bereits in Düsseldorf hatte sich der Italiener einen Ruf erarbeitet. Richtige DJs gab es noch nicht. Wer als nächster am Regal stand, legte eine Platte auf – oder es lief ein Tonband mit Musik. Häufig Bob Dylan, Netzers Lieblingsmusiker. Doch er tanzte nie, weil er es nicht konnte, und trank meist Saft.
Dann wurde alles anders: 1973 wechselte Günter Netzer zu Real Madrid. Zwar lief der Club noch einige Jahre weiter, doch zeigte sich, wovon das Lovers' Lane vor allem profitierte: von Günter Netzers Anwesenheit beziehungsweise vom Verdacht, dass Günter Netzer anwesend sein könnte. Die Warteschlangen wurden kürzer, die Gäste weniger prominent. Dann war Schluss. Ab 1980 versuchte Hans Kreitner sein Glück. Was Kreitner vorschwebte, war keine langweilige Einheitsdisko, wie es sie zuhauf in der Stadt gab. In seinem "Sunrise Club" liefen New Wave, Alternative, Grunge, Musik fernab des Mainstreams. "In Gladbach hatten wir keine Konkurrenz", sagt Kreitner. 1984 baute er um, Wände wurden herausgerissen. In den ersten Jahren boomte der Laden, doch gegen den Niedergang der Altstadt konnte auch sein Club nichts ausrichten. 1988 stieg er aus.
Weitere Betreiber versuchten ihr Glück, vor zwei Jahren nahm sich Alexander Emeka ein Herz und eröffnete "Sinas Club Lounge". Lange Schlangen vorm Eingang gibt es dort nicht, prominente Gäste auch nicht. Vielleicht reicht es aber, dass dort weiter Menschen zusammenkommen, tanzen, trinken und Spaß haben. Günter Netzer findet das bestimmt gut.
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