Mönchengladbach: Anstand zahlt sich aus
zuletzt aktualisiert: 11.09.2009 - 16:58Mönchengladbach (RPO). Unternehmer Professor Claus Hipp, der am Samstag die Goldene Blume von Rheydt, den ältesten Umweltpreis Deutschlands, bekommt, erzählt im Interview, wann er Babykost isst, warum er georgisch lernt, wie man mit einem Fahrrad provoziert und was ihm sein Glaube schenkt.
Sie haben als erster in Deutschland ökologischen Landbau in großem Stile betrieben. Fühlen Sie sich durch die vielen Nachahmer bestätigt?
Hipp Genau genommen bin ich selbst Nachahmer. Es waren meine Eltern, die meine Begeisterung geweckt haben. Überzeugt hat mich der Schweizer Agrarwissenschaftler Dr. Hans Müller mit seiner Vorstellung von organisch-biologischem Landbau. Alles, was er mir damals sagte, hat sich bestätigt: Dass ich stark angegriffen würde, aber auch, dass es ein wichtiger und richtiger Weg ist.
Das Thema „Bio” haben irgendwann die Grünen zu ihrer politischen Marke gemacht. Dabei ist die Idee eigentlich eine konservative, oder?
Die Goldene Blume
Gestiftet Im Jahr 1967 vom Bürgerverein „Blühendes, schaffendes Rheydt”
Grundlage Die „Grüne Charta von der Mainau”
Erster Preisträger Graf Lennart Bernadotte
Letzter Preisträger Franz Alt
Hipp Die Schöpfung erhalten zu wollen, ist wirklich etwas Konservatives. Darum war es wohl auch das politisch konservative Bayern, das als erstes ein Umweltministerium einführte. Für mich ist jedes Leben schützenswert. Das gilt aber nicht nur für Ameisenstraßen, sondern auch für menschliches Leben. Und da haben manche Grüne ganz andere Ansichten.
Wie wichtig ist für einen Unternehmer Verantwortung?
Hipp Wirtschaftliches Handeln und Ethik gehören für mich untrennbar zusammen. Es ist wichtig, miteinander anständig umzugehen. Das gilt im eigenen Betrieb, weswegen es bei Hipp seit vielen Jahren eine Ethik-Charta gibt. Das ist aber auch im Umgang der Unternehmen untereinander grundlegend. Der Kaufmann muss ehrbar sein. Das zahlt sich meiner Überzeugung nach aus. Über den Tisch ziehen kann ich jemanden doch nur einmal. Ein zweites Mal gibt der mir gar keine Gelegenheit mehr zum Schwindeln.
Das gilt auch für Verbraucher. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Babynahrung schadstoffarm ist?
Hipp Durch umfassende Analysen und Forschung. Wir finden ein Salzkorn in einem Schwimmbecken mit 50-Meter-Bahn. Der finanzielle Aufwand, den wir dafür betreiben, ist etwa so hoch wie unser Marketing-Etat. Das ist es uns wert. Die hohe Qualität ist wesentlich für unsere Marke.
Wissen Sie, wie viele Erwachsene an den Babygläschen naschen?
Hipp Bis zu 25 Prozent. Ein Großteil davon sind junge Frauen. Sie suchen kalorienarme, gesunde Kost, die satt macht.
Gehören 70-jährige Unternehmer wie Sie auch zur Zielgruppe?
Hipp Ich selbst esse unsere Produkte auch. Zum Beispiel, wenn ich in der Nacht noch lange Autofahrten vor mir habe. Wir haben überlegt, ein spezielles Angebot für Senioren herauszubringen. Am Ende haben wir uns dagegen entschieden. Wer will schließlich schon alt sein und eingestehen, dass er wegen seines Alters eine andere Kost isst.
Sie sind in Deutschland Marktführer. Doch hier werden immer weniger Kinder geboren. Wie kann Hipp weiter wachsen?
Hipp Vor allem im Osten. Der osteuropäische Markt ist für uns sehr wichtig geworden.
Sie sind selbst oft in Georgien. Hilft es Ihnen, dass sie schon als 17-jähriger Bub Russisch gelernt haben?
Hipp Nein, dazu sind die beiden Sprachen zu unterschiedlich. Aber ich habe in den vergangenen Jahren Georgisch gelernt. Die Sprache wird zwar nur von rund sieben Millionen Menschen gesprochen. Aber ich halte es für ein Gebot des Respekts, dass man die Sprache eines Landes spricht, in dem man häufig zu tun hat.
Wie tief sind Sie noch im operativen Geschäft? Wie oft sind Sie im Büro?
Hipp Wenn ich nicht gerade für das Unternehmen unterwegs bin, bin ich jeden Tag im Büro.
Viele Mittelständler tun sich schwer, Ihre Nachfolge zu regeln. Wie ist das bei Ihnen?
Hipp Zwei meiner fünf Kinder haben erfreulicherweise Freude an unserem Unternehmen gefunden. Sie sind sehr tüchtig. Das ist für mich sehr wichtig, dass ich meine Kinder für diese Aufgabe begeistern konnten. Ich halte das für einen großen Vorteil eines Familienunternehmens. Andere Manager arbeiten ein Jahr für einen Kühlmittelhersteller, das nächste für einen Reifenhersteller. Ich habe mit vier Jahren in diesem Betrieb gespielt und bin noch immer hier. Unser Geschäft hat viel mit Vertrauen zu tun. Vertrauen bringen die Menschen einem Familienmitglied eher entgegen als austauschbaren Managern.
Sie sind Maler und Musiker. Was finden Sie in der Kunst, was Sie in der Unternehmensführung nicht ausleben können?
Hipp Die Motivation ist eine ähnliche: Ich schaffe gerne, suche Lösungen, bin kreativ. Das kann ich in meine Arbeit einbringen. Aber wenn ich male, bin ich ganz allein. Und selbst wenn ich in einem Orchester musiziere, bin ich allein für meinen Ton verantwortlich. Wenn ein Bild nichts geworden ist, dann tue ich es wieder weg.
Eine gewisse Eigenständigkeit hat man Ihnen auch in Ihrer Zeit als Präsident der Industrie- und Handelskammer in München nachgesagt. Stimmt es, dass Sie zu Terminen mit dem Fahrrad gekommen sind?
Hipp In einer Stadt wie München ist man mit dem Rad einfach schneller. Das war zugegebenermaßen auch ein bisschen Lust an der Provokation. Je mehr ein Termin das Gruppenverhalten anstachelte, mit möglichst großen Kutschen und livriertem Personal vorzufahren, desto lieber bin ich mit dem Fahrrad dorthin gefahren. Außerdem: Andere gehen abends joggen. Ich habe mich dann schon bewegt.
Welchen Einfluss hat der Glaube auf Ihr Leben genommen?
Hipp Ich bin so erzogen worden und vom christlichen Glauben überzeugt. Mein Glaube hat mich Demut gelehrt und mich reich beschenkt. Denn im Gegensatz zu anderen habe ich immer eine Möglichkeit mehr: Ich kann beten.
Am Samstag bekommen Sie die Goldene Blume von Rheydt - ein Preis in einer langen Reihe von Ehrungen. Was bedeuten Ihnen diese Würdigungen?
Hipp Sie sind eine Bestätigung dafür, dass es recht gewesen ist, was ich getan habe. Ich weiß, wem ich das zu verdanken habe. Leider können nicht alle, denen der Preis gebührt, auch auf die Bühne.
Verbinden Sie etwas mit der Stadt Mönchengladbach?
Hipp Am ehesten noch einen Menschen. Einer unserer Außendienstmitarbeiter ist Mönchengladbacher. Leider kann er bei der Verleihung nicht dabei sein. Von der Stadt werde ich mich überraschen lassen.
Ralf Jüngermann führte das Gespräch.
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