Mönchengladbach: Anwohner: Angst um Kinder
VON ANDREAS GRUHN UND DIETER WEBER - zuletzt aktualisiert: 17.09.2009Mönchengladbach (RPO). Protest mit Plakaten und Flugblättern: Die Anwohner einer Straße in Rheydt wehren sich dagegen, dass ein mutmaßlicher Kinderschänder ihr neuer Nachbar ist. Dessen Anwalt gibt der Polizei eine Mitschuld an der Unruhe.
Die Plakate in den Fenstern sprechen eine deutliche Sprache. "Passt auf eure Kinder auf!" heißt es da. Und: "Täterschutz vor Opferschutz? Gute Nacht Deutschland." So der Plakattext in einem anderen Fenster einer Straße in Rheydt.
Deren Anwohner sind aufgebracht. Die Plakate richten sich gegen einen neuen Nachbarn, der vor gut einer Woche in die Gegend mit Mehrfamilienhäusern gezogen ist: Es ist der mutmaßliche Kinderschänder aus Viersen, dessen Prozess vergangene Woche begonnen hat.
Der 59-Jährige ist auf freiem Fuß und wird rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Ihr wirft sein Anwalt Heribert Kayenburg vor, zu der Eskalation der Situation mit der Überwachung beigetragen zu haben. "Jetzt ist mein Mandant tatsächlich in Gefahr", sagte Kayenburg der RP. Der Jurist überlegt, ob er eine Einstweilige Anordnung beim Verwaltungsgericht beantragt.
Der Fall
Berühmtheit Der Fall des 59-jährigen Vierseners erlangte bundesweite Aufmerksamkeit, weil er der Anfang einer Reihe aufgedeckter Pannen in der Mönchengladbacher Justiz war.
Mit Anklage gebummelt
Das Oberlandesgericht Düsseldorf hatte im Juli verfügt, dass der Mann nach neun Monaten in der Untersuchungshaft freigelassen werden müsste, weil die Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft zu lange mit der Anklage gebummelt hatte.
Der Beschuldigte, dem vorgeworfen wird, vier Kinder in 19 Fällen zum Teil schwer sexuell missbraucht zu haben, hatte bis zum Prozess in seiner Wohnung in Viersen gewohnt und hatte dort eines der Mädchen im Fahrstuhl getroffen. Am Tag des Prozessbeginns zog er dann nach Mönchengladbach.
Schnell sickerte bei den Anwohnern durch, wer da in ihrer Nachbarschaft lebt. "Wir können doch unsere Kinder nicht mehr auf der Straße spielen lassen", erbost sich ein Mann. "Im Umkreis sind mehrere Grundschulen. Eltern bringen ihre Kinder jetzt immer zur Schule", sagt eine Anwohnerin. Auf Flugblättern schildern sie, wer jetzt ihr Nachbar ist. Die Polizei, die in der Straße bislang nur mit Zivilbeamten anwesend war, rückte gestern auch mit uniformierten Beamten aus, weil es Unruhen gegeben hatte.
Diese hat der Anwalt des Angeklagten befürchtet, als er Ende der vergangenen Woche Polizeipräsident Hans-Hermann Tirre schrieb und von ihm eine Erklärung für die Observation verlangte. "Dafür muss ein richterlicher Beschluss vorliegen, den es aber in diesem Fall nicht gibt", erklärte Jurist Kayenburg. Eine Antwort hat er inzwischen erhalten.
Tirre beruft sich dabei auf das Polizeigesetz und weist im Fall des mutmaßlichen Kinderschänders darauf hin, dass er die Überwachung veranlasst habe, um Gefahren abzuwehren. Diese Begründung lässt Anwalt Kayenburg aber nicht gelten: "Für die Observation gibt es keine Rechtsgrundlage. Die Polizei hat damit selbst dafür gesorgt, dass es in dem Wohngebiet zu einer erheblichen Unruhe gekommen ist."
Die Anwohner wollen Unterschriften sammeln und sie an den Oberbürgermeister geben. "Ich werde mich dem Ausdruck der Sorge nicht verschließen", sagte Norbert Bude dazu. "Nur ist der Oberbürgermeister dazu die falsche Adresse. Ich werde sie dann weiterleiten an die Staatsanwaltschaft oder die Polizei." Seite A3
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