Mönchengladbach: Auffallend viele tote Babys
VON RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 08.05.2009Mönchengladbach (RPO). Die Säuglingssterblichkeit in Mönchengladbach ist extrem höher als in der Region. Eine mögliche Ursache: Viele der betroffenen Eltern sind arm. Auch die Erwachsenen haben eine geringere Lebenserwartung als andernorts.
Säuglingssterblichkeit
Bund 3,8 auf 1000 Geburten. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld, weit hinter Schweden, Finnland, Norwegen.
Land NRW 4,8
Mönchengladbach 10,3
Noch mehr Säuglinge starben 2007 in der Relation nur in Mülheim/Ruhr: 12,3auf 1000 Geburten
Ursachen unter anderem: plötzlicher Kindstod, Herzdefekte, Frühgeburten unter 750 Gramm
23 Säuglinge, deren Mütter in Mönchengladbach leben, sind 2007 noch vor dem ersten Lebensjahr gestorben. Das sind 10,3 auf 1000 Geburten. Zum Vergleich: Im gesamten Bundesgebiet lag die Säuglingssterblichkeit nur bei 3,8. In den ähnlich großen Städten Krefeld (4,8) und Aachen (3,2) gibt es markant weniger tote Babys. Die Gesundheitsexperten der Stadt stehen vor einem Rätsel. "Wir haben noch keine Erklärung. Fest steht: Die Zahlen sind sehr beunruhigend", sagt Heinz Frohn, Regionaldirektor der AOK. Die Krankenkasse war bei der Auswertung der Gesundheitszahlen auf die ungewöhnlich hohe Säuglingssterblichkeit gestoßen. Der zuständige Dezernent der Stadt, Dr. Michael Schmitz, kündigte gestern gegenüber der RP an, das Thema bei der nächsten Gesundheitskonferenz anzugehen.
Kein Versagen der Mediziner
Die Todesursachen sind vielfältig. Darum ist Frohn nach Auswertung der Einzelfälle sicher, dass kein Versagen der Mediziner vorliegt. Eine Gemeinsamkeit allerdings fällt auf: Überproportional viele der betroffenen Eltern waren ALG II-Empfänger oder hatten ein besonders niedriges Einkommen. Dass Sozialschwache größere Hemmschwellen vor medizinischen Untersuchungen haben, ist bekannt. Dr. Jürgen Wintgens, Oberarzt in der Kinderklinik des Elisabeth-Krankenhauses, stellt dies gerade bei Präventionsangeboten der Klinik fest: "Wir erreichen in erster Linie die Mittelschicht, die sowieso gut aufgeklärt ist."
Auch in Wintgens Fachgebiet, dem plötzlichen Kindstod, gibt es den Zusammenhang zur Lebenssituation. In sozialschwachen Familien kommt der Kindstod deutlich häufiger vor – ohne dass es dafür eine logische Erklärung gäbe. In anderen Ländern schalten die Gesundheitsbehörden Werbespots im Privatfernsehen, um auch jene mit Grundwissen zu füttern, die durch andere Maßnahmen nicht zu erreichen sind.
Auch bei den erwachsenen Mönchengladbachern gibt es Auffälligkeiten. Die Lebenserwartung ist geringer: bei Frauen im Vergleich zum Bundesschnitt um rund ein Jahr, bei Männern um 1,3 Jahre. Schlaganfälle, Herzkrankheiten und Lungenkrebs kommen in Gladbach häufiger als andrenorts vor. Das Landesamt für Statistik verzeichnet in Gladbach besonders viele so genannte vermeidbare Sterbefälle bei den Herzkrankheiten. Dabei spielen neben der medizinischen Versorgung vor allem die Lebensweise und die Früherkennung eine entscheidende Rolle. Ganze 41,7 Prozent der Gladbacher sind normalgewichtig. Mehr als die Hälfte hat Übergewicht, immerhin jeder Achte ist krankhaft übergewichtig.
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