Mönchengladbach: Ausnahmezustand
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 30.05.2008 - 10:02Mönchengladbach (RPO). Sechs Milliarden Liter Wasser stürzten gestern aus pechschwarzem Himmel auf die Stadt - und das innerhalb von 40 Minuten. Keller liefen voll, Straßen wurden überflutet. Experten sprechen von einem Jahrhundertereignis.
Um kurz nach 11 Uhr war plötzlich Nacht. Aus pechschwarzem Himmel regnete und hagelte es wie aus Kübeln. Die Wassermassen, die innerhalb kürzester Zeit herabstürzten, überforderten die Kanalisation: Innerhalb von wenigen Minuten sprangen Gullideckel aus den Straßen. Hunderte Keller liefen voll. „Von der Polizeiwache an der Theodor-Heuss-Straße bis zur Burgfreiheit kommt aus jedem zweiten Haus ein Schlauch, mit dem Wasser abgepumpt wird“, erklärte Feuerwehr-Chef Jörg Lampe gestern.
In einem Gebäude explodierte ein Öltank, bei einer Maschinenfirma flog ein Trafo-Prüffeld in die Luft. Das Vitus-Center musste geschlossen werden, weil die Nässe eine Decke einstürzen ließ.
Wassermassen 2008 Außer in Hardt und Rheindahlen fielen gestern im Stadtgebiet rund 50 Liter pro Quadratmeter innerhalb von gut 30 Minuten.
Starkregenereignis 2007 Im August fielen 60 Liter pro Quadratmeter - allerdings innerhalb von 36 Stunden.
"Das war Wahnsinn"
In Herrath stieß ein Regionalexpress mit einem Baum zusammen, der durch den Sturm entwurzelt wurde und Teile der Oberleitung mitriss. Der Lok-Führer erlitt einen Schock. Die 75 Fahrgäste mussten stundenlang im Freien warten, weil in der gesamten Stadt Ausnahmezustand herrschte und es keine ausreichenden Taxis mehr gab. Eine Anwohnerin der Römerstraße wurde von einem Stromschlag getroffen, als sie mit nackten Füßen ihren Keller betrat, um dort ein Elektrogerät auszustöpseln. Auch ein Freiwilliger Feuerwehrmann soll bei einem Einsatz vom Strom getroffen worden sein. Auf der A52 überschlug sich ein Smart wegen Aquaplaning. Der Fahrer wurde leicht, die Beifahrerin schwer verletzt.
Durch Blitzeinschlag fielen in der Stadt zehn Ampelanlagen aus. Dutzende Autofahrer blieben in den Fluten stecken und mussten hilflos mit ansehen, wie das Wasser in ihren Autos immer weiter stieg. Bei der Sozial-Holding an der Königstraße lief die Tiefgarage fast bis zur Decke voll.
Im Franziskus-Krankenhaus wurde die kardiologische Klinik für ein paar Stunden überflutet. An der Bachstraße rutschte ein Stück Gehweg komplett ab, etliche Straßen mussten gesperrt werden, weil sie unterspült oder unter Wasser standen. Auf der Autobahn ging teilweise gar nichts mehr. „Überall hielten die Fahrer an, weil die Scheibenwischer die Wassermassen nicht mehr packten und die Sicht gleich Null war“, sagte ein Autobahnsprecher.
„Insgesamt stürzten sechs Milliarden Liter Wasser auf das Stadtgebiet“, sagte gestern NVV-Sprecher Helmut Marmann. „Zum Vergleich: Das große 50-Meter-Becken im Vitusbad fasst zwei Millionen Liter.“
Über 600 Feuerwehr-Einsätze
„Es gibt kaum ein städtisches Gebäude, das nicht irgendwie vom Unwetter betroffen ist“, erklärte Stadtsprecher Dirk Rütten. So wurde beispielsweise der Neubau der Geschwister-Scholl-Realschule überflutet. Auf die Turnhalle Beckrath fiel ein Baum, der das Dach leicht beschädigte. Das Wasser kam von unten oder von oben. Es drang ins Polizeipräsidium an der Theodor-Heuss-Straße ein und in die Büros der Gleichstellungsstelle im vierten Stock an der Fliethstraße.
Obwohl bei Feuerwehr und Polizei an allen verfügbaren Plätzen pausenlos Notrufe entgegengenommen wurden, waren die Leitstellen kaum in der Lage, die Masse zu bewältigen. „Zuerst wählten die Anrufer die 112 der Feuerwehr. Als dort die Leitungen überlastet waren, riefen sie die 110 an. Was dazu führte, dass auch bei uns die Drähte heiß liefen“, erklärte gestern ein Polizeisprecher.
Insgesamt bescherte das Unwetter der Feuerwehr gestern über 600 Einsätze, die Polizei rückte knapp 300-mal aus, vor allen Dingen um Fahrbahnen abzusperren. Die Feuerwehr war bis in die Nachtstunden ausgebucht. Chef Jörg Lampe: „Das war wirklich Wahnsinn.“
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