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Was macht eigentlich...?: Bernd Krauss: Netzers Klaps und die Folgen

zuletzt aktualisiert: 03.12.2011 - 18:12

Mönchengladbach (RPO). Für Bernd Krauss ist es heute ein besonderes Spiel der beiden Borussen-Teams: Gladbach gegen Dortmund. Er stammt aus der Ruhrgebietsstadt, hat für beide Vereine gespielt und war bei beiden Trainer, mit sehr unterschiedlichen Erfolgen. Heute fühlt er sich schon lange als Gladbacher. Und geht nun nach vielen traurigen Jahren wieder mit viel Spaß ins Stadion.

Er war von klein auf Borussenfan – Dortmunder, versteht sich. Schließlich ist er dort im Revier aufgewachsen, kickte als Junge beim BSV Schüren. Und es sollte ein toller Tag werden, dieser 23. März 1968, als die Dortmunder die Gladbacher Borussia im Stadion Rote Erde empfing und der BSV Schüren das Vorspiel gegen den BVB bestritt, auf das die Jungs aus dem kleinen Vorstadtverein sich riesig freuten. „Weil das Hauptspielfeld aber zu nass war, mussten wir auf den Nebenplatz ausweichen. Schade“, erinnert sich Bernd Krauss. Doch dann stand er, der Zehnjährige, an der Toilette, als ein Spieler im Gladbacher Dress neben ihn trat, ihm beim Weggehen auf die Schulter klopfte und sagte: „Viel Glück.“

Wer dieser Mann war, das brauchte dem kleinen Bernd niemand zu sagen, den kannte er aus dem Fernsehen: Günter Netzer. Dass Dortmund das Spiel gegen Gladbach 3:1 gewann, hat Bernd Krauss natürlich gefreut. Doch dieser freundschaftliche Klaps auf die Schulter, der hat in ihm etwas Besonderes ausgelöst: „Das habe ich nie vergessen. Von da an war Borussia Gladbach meine zweite große Liebe.“

Wenn heute Nachmittag die beiden Borussia-Teams im Nordpark wieder aufeinander treffen, dann ist Bernd Krauss als Zuschauer dabei. Doch die persönliche Wertschätzung hat sich entscheidend geändert. Denn der 54-Jährige fühlt sich längst in erster Linie als Gladbacher, nicht nur fußballerisch, und ohne weiteres Zutun Günter Netzers. Seit fast drei Jahrzehnten ist die Vitusstadt Lebensmittelpunkt für Bernd Krauss, auch wenn sein Beruf als Fußballlehrer ihn ein Stück durch die Welt geführt hat.

Als Spieler hat er mit Rapid Wien seine größten Erfolge gefeiert: zweimal österreichischer Meister, einmal Pokalsieger. Als Trainer hat er Real Sociedad San Sebastian auf den dritten Platz der Primera Division Spaniens geführt – vor Real Madrid, das sich in diesem Jahr (1998) mit seinem Gladbacher Trainer Jupp Heynckes als Champions-League-Gewinner die Krone des europäischen Fußballs aufsetzte.

Vor allem aber: Er hat Mönchengladbach aus dem Abstiegssumpf der Bundesliga bis hin zum DFB-Pokalsieg 1995 und zweimal in die Uefa-Cup-Ränge (Platz fünf 1995, Platz vier 1996) geführt. Dass er nur ein halbes Jahr später, Anfang Dezember 1996, auf dem vorletzten Tabellenplatz angekommen, Rolf Rüssmann gebeten hat (bitten musste?), ihn aus seinem Vertrag zu entlassen, das nagt zwar immer noch an ihm, doch die Zeit und die Liebe zu „seiner“ Borussia haben auch hier Wunden geheilt. „Rolf Rüssmann wollte meinen Vertrag verlängern, statt mich gehen zu lassen. Doch ich wollte nach den von der Vereinsspitze immer wieder angeheizten Diskussionen um mich das Thema beenden, ehe es sich durch die Winterpause zog. Wahrscheinlich bin ich so meinem Rauswurf zuvor gekommen.“

Vier Jahre, einen Monat und einen Tag war Bernd Krauss Cheftrainer Borussias nach seiner Beförderung vom Assistenten Jürgen Gelsdorfs, der am 6. Dezember 1992 zurückgetreten war. Seit den seligen Zeiten Hennes Weisweilers (elf Jahre) und Jupp Heynckes’ (acht Jahre) ist keiner länger Cheftrainer der Borussen gewesen. Und bis zu diesem Herbst 2011 hat auch kein Übungsleiter Gladbachs Mannschaft höher in die Bundesligatabelle gebracht als Bernd Krauss damals.

Nur zwei Monate und fünf Tage währte hingegen Krauss’ zweites Engagement als Bundesliga-Cheftrainer: bei seiner einst ersten großen Fußball-Liebe: Borussia Dortmund. Nach elf Spielen ohne Sieg musste er am 13. März 2000 wieder gehen; der BVB war nur noch Dreizehnter, statt vorne mitzuspielen. „Es war ein Fehler, den Job nach dem ersten Spieltag der Rückrunde zu übernehmen“, hatte Krauss sehr bald erkannt. „Ich habe das schon nach dem ersten Tag meiner Frau gesagt. Die Mannschaft hatte zwar große Namen wie Jürgen Kohler, Andreas Möller, Stefan Reuter, Jens Lehmann. Fredi Bobic oder Heiko Herrlich. Mit dem Potenzial war alles möglich. Doch sie war körperlich in desolater Verfassung, hatte bis zu 13 verletzte Spieler und war auch nicht richtig zusammengesetzt. Dinge, auf die ich keinen Einfluss gehabt hatte.“ Eine Erkenntnis, die zu spät kam. „Ich hatte spontan zugesagt, weil es eben Borussia Dortmund war.“

Seit seinem Rauswurf an diesem 13. April 2000 ist Bernd Krauss nicht mehr im Dortmunder Stadion gewesen. In Gladbach aber ist er schon lange wieder immer dabei, wenn er, seit vier Jahren ohne Verein, im Lande ist. So auch heute bei einer Partie im Borussia-Park, auf die er sich ganz besonders freut: „Ein echtes Topspiel. Mit zwei Mannschaften, bei denen das Zuschauen Spaß macht.“ Dass die Dortmunder nach dem Meistertitel 2011 („Den hatte die Mannschaft sich wirklich verdient“) und Anlaufproblemen in dieser Saison wieder ganz vorne angelangt sind, überrascht Kraus natürlich nicht, „auch wenn Bayern für mich immer noch der erste Titelanwärter ist“.

Doch nun hat er auch an „seiner“ Borussia nach vielen frustrierenden Jahren endlich wieder richtig Freude: „Lucien Favre macht sehr, sehr gute Arbeit. Solch eine Saison wie die letzte, als Borussia erst im letzten Relegationsspiel dem Abstieg entkommen ist, kann eine Mannschaft aber auch zusammenschweißen. Und mit einem solchen Start wie dem Sieg in München, den niemand erwartet hatte, kommt das Selbstvertrauen“, sagt Bernd Krauss und strahlt. „In jeder Saison gibt es solche Überraschungen. Letztes Jahr waren Mainz und Hannover in dieser Rolle. Diese Situation müssen nun die Gladbacher auszunutzen versuchen, in die internationalen Plätze zu kommen. Wenn es am Ende dann doch nicht klappt, wird ihnen bestimmt keiner böse sein.“

So wird er auch heute im Stadion sitzen und seiner „richtigen“ Borussia die Daumen drücken. Sein Tipp ist allerdings etwas zurückhaltend: 1:1. Oder ist das Zweckpessimismus des Jungen, dessen Herz damals Günter Netzer für die Gladbacher Borussia gewonnen hat?


 
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