Mönchengladbach: Borussia ist zu höflich für Platz 1
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 15.08.2008Mönchengladbach (RPO). Bevor die Bundesliga-Saison beginnt, ist die Tabelle jungfräulich. Bei allen Mannschaften steht die Null – und alles ist möglich, auch die Tabellenführung. Aufsteiger Gladbach jedoch steht auf der Tabelle der eigenen Internetseite auf Rang 14.
Der Fußball ist am Nullpunkt. Das passende Bild zum Thema ist die jungfräuliche Tabelle, zugleich die radikalste Form des Sozialismus: Alle sind gleich, ob arm, ob reich, ob Meister, graue Maus oder Aufsteiger. Die Null steht überall und schafft einen Moment der Stille, bevor die kreischende Fußballwelt zu neuem Leben erwacht. Die jungfräuliche Tabelle ist offen für Spekulationen und Thesen, die es nach und nach zu überprüfen gilt. Sie hat keine Bedeutung, weil sie keine Aussage hat, etwa so wie ein weißes Blatt Papier. Doch symbolisiert sie ein fundamentales Privileg des Fußballs: Er nimmt sich heraus, nach jeder Saison alles auszulöschen, was gewesen ist und es zu einer Erinnerung zu machen. Wenn abgerechnet ist, gilt allein der Blick nach vorn.
Schöne Erinnerung
Abschlusstabelle der 2. Liga:
1. Borussia 71:38 Tore 66 Punkte
2. 1899 Hoffenheim 60:40/ 60
3. 1. FC Köln 62:44/ 60
4. FSV Mainz 05 62:36/ 58
5. SC Freiburg 49:44/ 55
6. Greuther Fürth 53:47/ 52
7. Alem. Aachen 49:44/ 51
8. SV Wehen 47:53/ 44
9. FC St. Pauli 47:53/ 42
Das Gewesene hat nur insofern eine Beziehung zum Jetzt, als dass die, die herausgerissen wurden aus der Tabelle durch den Abstieg durch andere ersetzt werden. Diese hatten (wie jetzt Borussia, Köln und Hoffenheim) im Gewesenen Erfolg und wurden daher ebenfalls ausgeschlossen – in der Zweiten Liga. Im Ausschluss aus der Tabelle verschwindet die Differenz von Erfolg und Misserfolg, denn die Konsequenz ist dieselbe: die Null.
Diese Grundreinigung verwandelt Sorgen in Hoffnungen. Jeder geht vom bestmöglichen Abschneiden aus. Die jungfräuliche Tabelle ist auch ein Ort für Träumerei und Schwärmerei, sie ist ein Buch der Illusionen. Wenn alle gleich sind, ist alles erlaubt. Mal Hand aufs Herz: Welcher Borussen-Fan gönnt sich nicht die Tabellenführung in jener Stecktabelle, die das Fußball-Fachblatt Kicker seinem Saison-Sonderheft beilegt: Die Raute ganz oben – und das Kölner Logo natürlich ganz unten. Borussia selbst jedoch hat die Chance vertan, Tabellenführer zu sein. In der jungfräulichen Tabelle auf seiner Internetseite logiert der Aufsteiger auf Rang 14 statt ganz oben (dort steht der VfL Wolfsburg). Schlimmer noch: Köln, der Effzee, ist Zweiter!
Reiner Zufall sei das, versichert Ingo Rütten von Borussias Medienabteilung. „Wir geben die Spieltage ein und daraus macht das Programm vor dem ersten Spieltag die Tabelle. Eine Ordnung gibt es nicht“, sagt Rütten. Es gäbe durchaus technische Möglichkeiten, Borussias Platzierung zu verbessern. „Aber wir sind ja höflich“, sagt Rütten. Vielleicht auch realistisch, hat doch Trainer Jos Luhukay Platz zwölf bis 15 als Ziel für die Saison ausgegeben.
Eine Beschwerde-E-Mail gab es ob der Tabelle. „Der Autor hat sich aber darüber aufgeregt, dass Köln Zweiter ist“, berichtet Rütten. Früher mal, da haben sich die Gladbacher ganz nach oben gesetzt in der jungfräulichen Tabelle. Da gab es mehr Reaktionen, indes alle negativ: Größenwahn und Realitätsferne wurde dem Klub da vorgeworfen. Wenn der Fußball am Nullpunkt ist, kann man es eben niemandem recht machen.
Darum ist die jungfräuliche Tabelle auch ein Symbol des Wartens: Warten auf den Neubeginn, auf das Ende des Wartens: Im Falle Borussias trägt es den Namen VfB Stuttgart, der am Sonntag erster Gegner sein wird. „Wir sind froh, dass es endlich losgeht“, sagt Jos Luhukay. Wenn der Ball wieder rollt, wird die Tabelle befleckt durch Punkte und Tore. Jeder Treffer, jeder Sieg, jede Niederlage, jedes Unentschieden trägt dazu bei, dass sich die Tabelle in der Zeit entfaltet. Wer nach 34 Spieltagen nicht weit genug vom Nullpunkt entfernt ist, der wird ausgeschlossen aus dem erlauchten Kreis und muss absteigen in die Zweitklassigkeit.
Nach Borussias jungfräulicher Tabelle wären das Hoffenheim, die Bayern und Bielefeld (armer Michael Frontzeck, Arminias Coach aus Gladbach!). „Wenn wir 16. gewesen wären, hätten wir wohl was verändert“, gesteht Ingo Rütten. Bleibt zu hoffen, dass Borussia in der Abschlusstabelle, das Gegenstück zur jungfräulichen Tabelle ist, mindestens Platz 14 inne hat. Dann wäre die zufällig-höflich-realistische Zurückhaltung der Borussen eine gelungene Prophezeiung.
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