Mönchengladbach: Das bekloppteste Dreigestirn der Welt
VON RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 15.01.2012 - 16:24Mönchengladbach (RPO). Ein enthemmter Prinz, eine kampffreudige Jungfrau, ein Bauer als Pfauenschreck und das älteste Tanzmariechen Europas – die Pulvermeister ließen es beim Generalappell krachen. Doch am Ende mischte sich Wehmut in den Jubel. Denn die Truppe kündigte einschneidende Änderungen an.
Es ist wahrlich nicht leicht, beim Generalappell der Prinzengarde aufzutreten. Denn ist der neue Generalappellmeister gekürt (Peter Weidenstraß wurde von Vor-Vorgänger Ralph Köllges wort- und pointenstark eingeführt), hat der spritzige Präsident Frank Wendler den Nachwuchs die Kleinen (die Jüngste war gerade vier) und die Großen der Garde tanzen lassen, dann warten alle nur noch auf sie: die Pulvermeister.
Der Zusammenschluss von Lokalprominenten hat Kultstatus im Gladbacher Karneval. Und den bekommen auch die echten Profis der Karnevalsbühne zu spüren. Bauchredner Peter Kerscher, einer der Besten seiner Zunft, tat sich am Samstag schwer, die Kaiser-Friedrich-Halle auf Betriebstemperatur aufzuheizen. Und selbst die quirlige Edwina de Pooter, eine wahrlich glänzende Entertainerin, und die Kölner Topband „Kolibris“ mussten alles geben, um das Publikum zu ihrem zu machen.
Pulvermeister
Auf der Bühne standen Heinz Schnock, Manfred Schmitz, Professor Gunter Konrad, Stephan Schippers, Rudi Meuser, Dieter Porschen, Monika Bartsch, Gabi Teufel
Als Gast machte Polizist Josef Vitz den Weg in die Halle frei
Neuer Pulvermeister ist Dr. Ralf Dürselen, Chefarzt für Frauenheilkunde im Neuwerker Krankenhaus.
So weit ist es gekommen. Selbst die ganz Großen werden zur besseren Vorband. Denn gekommen sind die Leute wegen der Pulvermeister. Gute Karnevalsprofis gibt es in der Session in mancher Halle der Stadt. Doch wahnwitzige Karnevalsamateure mit Mut zu Anspruch und Selbstironie, die gibt es in diesem Ausmaß nur ein einziges Mal im Jahr. Nach manchem legendären Klamauk ist die Erwartungshaltung fast überirdisch – und wird gleichwohl nicht enttäuscht.
Als Karnevalsgesellschaft „Echte Fründe“ entert da ein schrilles Völkchen die Bühne, bei dem sich auch das zweite Hinschauen und dritte Hinhören lohnt. Den NEW-Vorstandsvorsitzenden Friedhelm Kirchhartz versuchen Freunde ja schon seit Jahrzehnten davon zu überzeugen, dass er unbedingt Karnevalsprinz werden muss. Als „Friedhelm Rad ab“ übernimmt er die Prinzenrolle mindestens an diesem Abend und singt und charmiert und klamaukt die ganze altehrwürdige Halle in Grund und Boden.
Horst Thoren hat als Bauer dieses bekloppten Dreigestirns reichlich Würste aus Gladbachs Speckgürtel mitgebracht – und will damit bei „Bauer sucht Frau“ punkten. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze mit reichlich Pfauenfedern. Weswegen Präsident Lothar Erbers, sonst Chef der Volksbank, sich bei Oberbürgermeister Norbert Bude vorsorglich entschuldigt, dass am Schloss Rheydt nun leider keiner der Pfauen mehr „auch nur eine Feder am Balg hat“. Jungfrau Dr. Rainer Hellekes (NEW-Vorstand) hat trotz rosa Spiegel den herben Charme, des es braucht, um als „Jeanne d’Arc von Wanlo“ veralbert zu werden.
Wir erinnern uns: Hellekes hatte dort vergebens eine Biogasanlage bauen lassen wollen. Der Rest der Mannschaft assistiert den Dreien vortrefflichst und in unfassbar schön-hässlichen Kostümen mit vielen jecken Details. Und dann kommt der Landtagsabgeordnete Michael Schroeren, der vielleicht größte Komödiant der Stadt. Als ältestes Tanzmariechen Europas legt er zusammen mit Frank Eibenberger, dem echten Tanzoffizier, einen grotesken Tanz mit Rollator auf die Bretter, der in seiner Abgedrehtheit an die englischen Komiker von Monty Python erinnert.
Wie immer ist das Spektakel bei aller Lust am Rampensau-Dasein angenehm uneitel und selbstironisch. Wenn Schroeren im Rollator kommt, heißt das ja auch: Wir sind alle nicht jünger geworden. Und das ist auch der Grund für das, was Lothar Erbers – auch er ein Erzkomödiant – am Ende ankündigt. Die Pulvermeister wollen künftig nicht mehr in ganz großer Formation auf die Bühne.
Man wolle dem Publikum künftig Gaststars schenken – so wie schon dieses Mal die „Kolibris“ – und selbst eher kleinere Nummern aufführen. Bleiben drei schöne Erkenntnisse. Erstens: An den Schalthebeln der Macht sitzen in Gladbach Männer und Frauen mit Humor. Zweitens: Sind sie vernünftig genug um zu wissen, dass immer höher und immer weiter nicht funktioniert. Und drittens und Wichtigstens: Das letzte Lied des Pulvermeister-Programms hieß „Wir werden uns wiederseh’n“. Wir nehmen sie, wie auch sonst das ganze Jahr über, beim Wort.
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