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Wanlo: Das gefährdete Dorfidyll

VON GARNET MANECKE - zuletzt aktualisiert: 25.03.2009 - 14:04

Wanlo (RPO). Wie aus einem Bilderbuch präsentiert sich Wanlo dem Besucher. Alte Gutshöfe prägen die Straßen, die Menschen kennen sich und helfen einander. Aber die ländliche Idylle wird bedroht: Bald kommen die Braunkohlebagger bis an die Dorfgrenze. Die Nachbardörfer sind bereits verlassen.

Viele der alten Gutshöfe aus rotem Backstein waren einst Sitze von Rittern. Das Dorfbild prägen alte Wappen über den Torbögen. Sie zeugen von den früheren Bewohnern.  Foto: Detlef Ilgner
Viele der alten Gutshöfe aus rotem Backstein waren einst Sitze von Rittern. Das Dorfbild prägen alte Wappen über den Torbögen. Sie zeugen von den früheren Bewohnern. Foto: Detlef Ilgner

Der erste Frühlingstag, ein laues Lüftchen weht durch Wanlo. Die Sonne schickt ein paar Strahlen durch die noch kahlen Äste der Bäume vor dem Rittergut Wildenrath. Stolz reckt sich der Hahn des Gutes auf, sträubt sein bunt glänzendes Gefieder und hebt den Schnabel. Sein Krähen übertönt einen Augenblick das gleichmäßige Plätschern der Wasserfontäne am alten Wassergraben. Die Enten lassen sich davon nicht stören und putzen sich ruhig weiter. Auch die Antworten der gefiederten Kollegen von den Nachbarhöfen stören ihre Morgentoilette nicht. An diesem Morgen herrscht die perfekte Idylle in Wanlo. Auf dem 18-Loch-Golfplatz nutzen ein paar Golfer das schöne Wetter für ein Spiel. Hier und da flitzt ein Elektromobil den Weg entlang.

Der Besucher erlebt in Wanlo ein Dorf, das in vielen Jahren gewachsen ist. Alte Gutshöfe aus rotem Ziegel, Fachwerkhäuser, kleine Gassen und geschwungene, schmale Straßen prägen das Bild. Am Dorfrand sind die Häuser jüngeren Datums. Hier und da sind ein paar Neubauten in das Bild eingestreut. Freiwillige Feuerwehr, Blumenladen, Sparkasse, Bäcker und der kleine Tante-Emma-Laden an der Ecke runden den Bilderbuch-Eindruck ab.

Wer Reinhold Giesen, Vorsitzender der Dorfinteressengemeinschaft Wanlo, anspricht, trifft auf einen Menschen, der stolz auf seinen Heimatort ist. Hier unternehmen die Menschen viel zusammen: Schützenverein, Männergesangverein, freiwillige Feuerwehr, Pfarrgemeinde. „Jeden ersten und dritten Mittwoch findet das Café Jedermann statt“, erzählt Giesen. Die Dorfgemeinschaft trifft sich, um aktuelle Themen zu besprechen.

Wichtige Termine veröffentlicht die Dorfinteressengemeinschaft im Internet. Vom Stand des Planfeststellungsverfahrens für eine neue Biogasanlage über mögliche Standorte für die neu gestifteten Parkbänke bis hin zum Sommerfest und der Organisation des Martinszuges reichen die Themen in diesem Forum.

Jeder kennt jeden; auf der Straße grüßen sich die Wanloer mit einem Lächeln und winken sich im Vorbeifahren zu. Doch auf die dörfliche Idylle fallen erste Schatten. Scheint die Welt von Wickrathberg aus kommend noch in Ordnung zu sein, macht sich auf der anderen Seite des Dorfes, Richtung Erkelenz, ein unbestimmtes Unbehagen breit. Knapp drei Kilometer vom Ortsausgangsschild entfernt liegen die Häuser von Borschemich und Keyenberg. Zwei Dörfer, die von ihren Bewohnern bereits verlassen wurden. Bald werden die Bagger anrücken, die Erde wird aufgerissen, um die Kohle darunter zu fördern. Dann liegt Wanlo direkt am Rand des Tagebaus. Die Dorfstraße wird zur Sackgasse.

Die Wanloer haben Sorge um die Lebensqualität in ihrem Dorf. Risse in den Häusern und sogar Erdbeben werden befürchtet. Erst im Dezember hatte der Tagebau die Erde rund um Garzweiler beben lassen. Während von der nahe gelegenen Autobahn im Dorf selber nichts zu spüren ist und die benachbarten Windkrafträder sich still drehen, wird der Tagebau vor der Haustür auf das Leben der Wanloer direkt Einfluss nehmen.

Die Kinder im katholischen Kindergarten gegenüber der Kirche St. Mariä Himmelfahrt ahnen noch nichts davon. Fröhlich klingt ihr Lachen herüber, wenn sie unter den alten Bäumen spielen. Ein kleiner Junge erklimmt das Holzpferd im Garten, ein Mädchen wendet unter Keuchen ihren Plastik-Traktor samt Anhänger. Gegenüber in der Kirche steht derweil die Tür auf. Das Surren einer Putzmaschine ist zu hören, die nasse Schlieren über das weiß-schwarze Muster auf dem Boden zieht. Durch die Fenster wirft die Sonne bunte Lichtflecke auf die Sandsteinsäulen im Kirchenraum. Am Wochenende trifft sich die Dorfgemeinschaft hier zum Gottesdienst. Das Wochenende naht, Wanlo putzt sich für den Frühling heraus. In den Gärten werden Beete umgegraben, Zäune werden neu gestrichen. Ein Idyll.

Quelle: RP

 
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