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Mönchengladbach: Dekan und Trainer: Jenseits von Abseits

zuletzt aktualisiert: 25.12.2009 - 00:01

Mönchengladbach (RPO). Borussia-Trainer Michael Frontzeck und Regionaldekan Ulrich Clancett waren sich noch nie begegnet. Als sie sich auf Einladung der RP trafen, hatten sie sich eine Menge zu sagen. Ein Gespräch über Stille, Dramaturgie, Machtlosigkeit, Anspruchsdenken, Robert Enke – und die Frage, ob man Gott um Borussia-Siege bitten darf.

Sie sind nicht nur fast auf den Tag gleich alt, sie verstanden sich auch auf Anhieb gut. Und am Ende eines angeregten Gesprächs im Borussia-Park waren sich Ulrich Clancett (links) und Michael Frontzeck einig: "Gut, dass wir das gemacht haben."  Foto: RPO
Sie sind nicht nur fast auf den Tag gleich alt, sie verstanden sich auch auf Anhieb gut. Und am Ende eines angeregten Gesprächs im Borussia-Park waren sich Ulrich Clancett (links) und Michael Frontzeck einig: "Gut, dass wir das gemacht haben." Foto: RPO

Herr Clancett, wann waren Sie das letzte Mal im Borussia-Park?

Clancett Ich war drei Mal zu Stadionführungen hier, aber noch nie zu einem Spiel. Ich bin nicht so ein Stadiongänger.

Herr Frontzeck, wann waren Sie das letzte Mal in der Kirche?

Frontzeck Das war ein trauriger Anlass: die Beerdigung des früheren Borussia-Profis Christoph Budde. Ich bin keiner, der jeden Sonntag in die Kirche geht.

Aber als Gladbacher Jung waren Sie doch früher bestimmt mal Messdiener?

Frontzeck Ja, aber nur zwei oder drei Mal in meiner Heimatgemeinde St. Michael in Odenkirchen. Ich habe den Weihrauch nicht so gut vertragen. Da ist mir schlecht von geworden.

Info
Trainer und Pastor

Michael Frontzeck, geboren am 26. März 1964, ist Trainer von Borussia Mönchengladbach. Er lebt mit seiner Familie in Hamern.

Ulrich Clancett, geboren am 6. Mai 1964, ist Pastor in Jüchen und als Regionaldekan der oberste Katholik der Region Mönchengladbach.

Herr Clancett, haben Sie mal in einer Fußballmannschaft gespielt?

Clancett In der Schule. Aber ich war so einer, der immer eher als letzter gewählt wurde. Aber dass Fußball die Massen so begeistert, das hat mich von Anfang an fasziniert. Bis heute. Diese Dramaturgie hat sich der Fußball ja von der Kirche abgeguckt.

Frontzeck Wie meinen Sie das?

Clancett Na, erst mal versammelt sich die Gemeinde. Dann kommt die Musik, das ist bei uns Orgelspiel, bei Euch eher Remmidemmi. Und dann kommt der Einmarsch. Wie die Spieler in die Arena kommen, das ist der Hammer. Einfach ein starker Auftritt.

Frontzeck Der Moment lässt keinen Spieler kalt. Wobei ich als Trainer bei aller Freude auf das Spiel dann auch immer die Anspannung merke. Denn ab dem Moment bin ich hilflos. Die ganze Woche habe ich mit der Mannschaft auf diesen Moment hingearbeitet. Und ab dann stehe ich an der Linie und bin einfach nur noch machtlos. Ich kann was rufen. Aber ob die Spieler das bei dem Lärm mitbekommen, ist so eine Frage. Bis zur Pause kann ich nichts mehr machen.

Clancett Das ist bei mir nicht anders. Ich kann mir vor einer Predigt auch viele Gedanken machen. Aber ob ich die dann in dem Moment so formulieren kann, dass ich den Nerv treffe, da bin ich auch machtlos.

Frontzeck Dann ist das also auch bei Ihnen eine Frage der Tagesform, so wie bei uns. Natürlich will die Mannschaft das rüberbringen, was sie sich vorgenommen hat. Aber manchmal läuft es einfach nicht. Und manchmal ist der Gegner auch einfach besser. Wenn die Zuschauer akzeptieren, dass die Mannschaft alles versucht hat und es trotzdem mal nicht klappen kann, dann haben wir viel geschafft.

Spielen Fußballer eigentlich lieber vor einem vollen Stadion?

Frontzeck Klar. Vor 50000 Fans macht das alles mehr Spaß als vor 2000.

Und predigen Sie lieber in einer vollen Kirche?

Clancett Klar, wenn die Kirche voll ist, das ist toll. Wobei zum Beispiel so ein Weihnachtsgottesdienst auch schwierig ist. Da musst du einen Spagat schaffen. Ich selbst würde dann vielleicht gerne zu tollen theologischen Höhenflügen ansetzen. Aber dann sitzen da viele, die einfach etwas mitnehmen wollen, das ihr Herz berührt, weil das ihre Vorstellung von Weihnachten ist. Und andersherum: Wenn man bei einem spärlich besuchten Gottesdienst in die einzelnen Gesichter blickt und genau merkt: Die erreichst Du gerade nicht – dann ist das sehr schwierig.

Frontzeck Da habe ich es einfach: Wenn ich das manchmal bei einer Kabinenansprache merke, dann kann ich die einzelnen Spieler direkt ansprechen und meine Botschaft sehr deutlich machen.

Clancett Das geht bei mir nicht.

Herr Frontzeck, schicken Sie in schwierigen Situationen schon mal ein Stoßgebet gen Himmel?

Frontzeck Das würde ich nicht Gebet nennen. So wie ich nicht jeden Sonntag in die Kirche gehe, würde ich auch nicht für mich in Anspruch nehmen, regelmäßig zu beten. Aber ich glaube, dass es da irgendwo etwas gibt. Wie ich überhaupt sehr wichtig finde zu glauben. Als Fußballer kannst Du einpacken, wenn Du nicht an Dich glaubst. Und die Fans glauben an uns. Für viele ist Fußball fast wie eine Religion und ihr Verhältnis zum Verein ein Glaubensbekenntnis. Wobei ich finde, dass eines immer klar sein muss: Fußball ist nicht der Nabel der Welt. Da gibt es viel Wichtigeres.

Herr Clancett, macht Sie das ein bisschen neidisch, dass viele dem Fußball wie einer Religion nachlaufen und die Kirchen oft leer bleiben?

Clancett Ich frage mich manchmal schon, warum die Menschen lieber das Event suchen, sei es ein Fußballspiel oder ein bombastisches Konzert, und nicht zum Ursprung zurückkehren. Aber wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Ich glaube, Kirche hat auch zu oft versucht, allen alles zu sein: Immer gleichzeitig für Kinder, Jugendliche, Senioren und theologisch Interessierte attraktiv zu sein. Wer es allen Recht machen will, hat einfach keine klare Linie, der macht es letztlich keinem Recht.

Frontzeck Das finde ich einen ganz wichtigen Punkt in unserer Gesellschaft, der auch beim Fußball gilt. Wenn ich Überzeugungen habe, dann ziehe ich das auch durch. Dann kann ich nicht davon ablassen, weil das andere gerade von mir verlangen.

Clancett Da muss ich an den Stuttgarter Trainer Babbel denken.

Frontzeck Da muss man natürlich vorsichtig sein. Keiner von uns weiß, ob nun wirklich die randalierenden Fußball-Fans Einfluss auf die Entscheidung des Präsidiums gehabt haben. Vielleicht wollte Markus Babbel eh von sich aus eine Änderung herbeiführen.

Clancett Aber was bleibt, ist doch der Eindruck: Wenn wir den Bus kaputt hauen, bekommen wir einen neuen Trainer.

Frontzeck Ganz genau. Und das ist das wirklich Schlimme, unabhängig davon, wie es in diesem Fall gewesen sein mag. Dieser Eindruck ist eine Katastrophe. Wenn wir an den Punkt kommen, wo Vereine nicht mehr autonom entscheiden können, dann können wir es eigentlich auch ganz sein lassen.

Clancett Ich nenne das die Zap-Mentalität: Das ist wie beim Fernsehgucken: Wenn uns etwas nicht passt, schalten wir sofort um. Ich gucke übrigens auch oft so Fernsehen. Und wenn uns der Trainer nicht mehr passt, schmeißen wir ihn halt raus.

Frontzeck Genau so ist es. Aber diesen Anspruch, den gibt's doch überall, auch in der Politik. Bei Wahlen höre ich Menschen vorher oft fragen: Was habe ich davon, wenn ich diese oder jene Partei wähle. Das ist überall in der Gesellschaft so, und auch bei uns im Fußball. Niemand bekommt mehr Zeit, Dinge zu entwickeln, kontinuierlich aufzubauen.

Clancett Na, Sie werden ja gerade mal in Ruhe gelassen.

Frontzeck Es geht auch nicht um mich als Person. Im Übrigen kann heute jedem Trainer diese Situation in kürzester Zeit blühen, auch mir.

Und wie gehen Sie damit um?

Frontzeck Das ist so, das ist Teil unseres Geschäfts. Aber eines steht fest: Ich weiche deswegen keinen Zentimeter von meinen Überzeugungen ab. Das hat etwas mit Überzeugung, mit Klarheit, mit Ruhe zu tun. Das ist es auch, was ich in der Kirche suche. Ich gehe manchmal in die Kirche, wenn kein Gottesdienst ist, wenn vielleicht nur ein oder zwei andere da sind. Die absolute Stille finde ich schön.

Sie haben ja auch schon schwierige Zeiten erlebt als Trainer. Vielleicht nicht so extrem wie Markus Babbel.

Frontzeck Das kommt darauf an, was man unter schwierig versteht. Natürlich gibt es Kritik, natürlich gibt es Druck. Aber da wollen wir doch mal die Kirche im Dorf lassen. Wirklichen existenziellen Druck, den hat jemand, der arbeitslos ist und drei Kinder zu versorgen hat. Vielleicht eine allein erziehende Mutter. Jemand, der einen kranken Angehörigen hat. Der Fußball ist eine Welt für sich. Da gibt es auch Leistungsdruck, der unangenehm werden und einen belasten kann, vor allem, weil der Fußball so in der Öffentlichkeit steht. Aber es bleibt ein Sport, ein wunderschönes Spiel, für uns alle die schönste Nebensache der Welt. Es ist bei Fußball inzwischen so oft von Angst die Rede. Fußball hat nichts mit Angst zu tun. Die Jungs haben einen Traumjob. Was wir tun, passiert unter einer Haube, das ist künstlich. Das ist nicht das wahre Leben, das, was wirklich zählt.

Das sehen viele Fans aber anders. Haben Sie Sorge, dass die Grenzen überschritten werden?

Frontzeck Da muss ich mir keine Sorgen machen. Die Grenzen sind lange überschritten. Und da müssen wir nicht auf Markus Babbel gucken. Jupp Heynckes hat hier als Trainer Morddrohungen bekommen. Das müssen Sie sich mal vorstellen. Jupp Heynckes, einer der größten Spieler Borussias aller Zeiten, ein Welttrainer und dazu noch ein großartiger Mensch. Morddrohungen – von Menschen, die glauben, sie seien Fans. Nein, über Grenzen müssen wir uns keine Gedanken mehr machen. Wir müssen eher hinterfragen, wozu solche Dinge führen können und diese Entwicklung sehr, sehr ernst nehmen.

Clancett Das liegt aber auch daran, dass so viele Menschen Realität nur noch aus zweiter Hand erleben. Manche leben mehr in der Lindenstraße als in ihrer eigenen Familie.

Frontzeck Und auf Wahlplakaten steht schon Horst Schlämmer.

Herr Clancett: Ein Sarg im Mittelkreis eines Fußballstadions, 40 000 Menschen weinen drum herum – war die Beerdigung von Robert Enke würdig?

Clancett Das ist doch nichts Neues. Denken Sie an die Hysterie um Lady Di, dieses Blumenmeer in London. Oder an die Beerdigung von Papst Johannes II. 2,5 Millionen Menschen in Rom, die die Stadt in einen Müllhaufen verwandelt haben. Ich glaube nicht, dass das alles Katholiken waren.

Frontzeck Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Trauer um Enke ein Fußball-Phänomen war.

Clancett Ich fand die Trauerfeier würdig. Dass 40 000 Menschen, die sonst Rabbatz machen, so ruhig waren und einem Streichquartett zugehört haben, hat mich beeindruckt. Die Ansprachen fand ich in ihrer Qualität sehr unterschiedlich. Theo Zwanziger hat mir sehr gut gefallen, weil er frei und aus dem Herzen gesprochen hat. Da fand ich meinen Kollegen und auch Christian Wulf zu gestelzt.

Frontzeck Ich habe Robert gut gekannt. Wir haben zusammen gespielt, den Kontakt über die Jahre gehalten. Mir ist sein Tod wirklich sehr nahe gegangen. Ich bin nicht ins Stadion gefahren. Das war mir zu groß, zu viel. Ich bin eine Woche später mit Uwe Kamps und unseren beiden Frauen nach Hannover gefahren. Dort habe ich mich am Grab von ihm verabschiedet. Das war für mich die richtige Form.

Herr Clancett, ist das eigentlich in Ordnung für einen Sieg Borussias zu beten. Darf man Gott mit so etwas Banalem belästigen?

Clancett Gott ist für alle und für alles da. Aber er ist halt kein Wunschautomat, wo man oben eine Münze reinschmeißt und unten der erfüllte Wunsch rauskommt. Das ist ein blödes Missverständnis. Und kann ja auch nicht funktionieren. Die Kölner beten ja vor so einem Derby schließlich auch – und haben sogar noch die größere Kirche dafür.

Aber für einen Misserfolg des Gegners beten darf man nicht, also zum Beispiel: Lass die Kölner absteigen?

(großes Gelächter) Clancett Wer käme auf so eine abstruse Idee?

Frontzeck Also, ich mal gar nicht. Die gehören in die Bundesliga.

Clancett Ich finde als Pfarrer sollte man sich nur vor Abstrusitäten hüten, für die man dann betet. Also Panzer, die Kollegen in vollem Ornat geweiht haben, das hat es ja alles schon gegeben.

Aber ein Pfarrer mit Borussia-Schal geht schon?

Frontzeck Na klar, so ein Schal ist doch schön warm.

Clancett Als Borussia 1995 im Pokalfinale stand, hatten wir Pfarrfest. Und weil wir Sorge hatten, dass keiner kommt, haben wir Fernseher aufgestellt und sozusagen das Public Viewing erfunden. Nach dem Sieg habe ich Fahnen mit der Raute auf dem Kirchturm gehisst. Wie die da rauf kamen, kann ich nicht erzählen, denn das hat nicht allen Richtlinien der Arbeitssicherheit entsprochen.

Ralf Jüngermann und Karsten Kellermann führten das Gespräch.

Quelle: RP

 
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