Mönchengladbach: Der 100 000. Rheydter
VON NADINE FISCHER - zuletzt aktualisiert: 04.09.2010Mönchengladbach (RPO). Am 12. September 1968 machte Arne Stümges mit seiner Geburt das damals noch eigenständige Rheydt zur Großstadt. Dafür gab es jede Menge Blumen, 365 Liter Milch und 100 000 Pfennige.
Sigrid Weyers verfolgt die RP-Serie über die Bürgermeister der Stadt ganz genau. Als sie neulich den Teil über den ehemaligen Rheydter Oberbürgermeister Wilhelm Schiffer las, weckte das bei der 75-Jährigen eine ganze Menge Erinnerungen. Denn da war in einem Satz die Rede vom 100 000. Einwohner, der aus Rheydt eine Großstadt machte - und das war 1968 Sigrid Weyers' Sohn Arne Stümges. Am 12. September 1968 brachte sie den 2450 Gramm schweren und 51 Zentimeter großen Knaben per Kaiserschnitt im Elisabeth-Krankenhaus zur Welt. Einen Tag später erzählte ihr der Chefarzt, dass sie den 100 000. Rheydter geboren hatte.
Rheydt
Name Die Herkunft des Namens ist ungewiss, leitet sich aber möglicherweise vom althochdeutschen riuti (roden) ab.
Großstadt 1974 fiel die Einwohnerzahl wieder unter 100 000. 1975 wurde Rheydt eingemeindet.
Blumengrüße von Rheydtern
"Ich war nach dem Kaiserschnitt noch gar nicht so ganz da, als das alles losging", erinnert sich Sigrid Weyers und lacht. Oberstadtdirektor Helmut Freuen und Oberbürgermeister Wilhelm Schiffer statteten Mutter und Sohn in der Klinik einen Besuch ab. Außerdem hagelte es in den kommenden paar Tagen Blumengrüße von Parteien, Vereinen und stolzen Rheydtern, die Sigrid Weyers gar nicht kannte. Die ehemalige Rheydter Königs Molkerei spendierte der Familie ein Jahr lang täglich einen Liter Milch. Die Sparkasse schenkte dem kleinen Arne 100 000 Pfennige, die er aber erst zum 18. Geburtstag bekam - plus Zinsen. Am 9. Juni 1969 übernahm die Stadt Rheydt für den Jungen die Ehrenpatenschaft, als Fünfjähriger eröffnete er die Rheydter Kirmes. Sigrid Weyers hat alle Zeitungsartikel, Glückwunschkarten und natürlich auch die Urkunde über die Ehrenpatenschaft aufgehoben. "Irgendwann hat sie mir das alles zum Geburtstag geschenkt", erzählt Sohn Arne. "Ab und zu sehe ich mir die Sachen noch an. Da ist sogar ein Glückwunsch-Telegramm aus Amerika bei", sagt der EDV-Berater, der sich einst mit den 100 000 Pfennigen der Sparkasse seinen ersten Computer und den Führerschein finanzierte.
Heute spricht ihn niemand mehr auf die alte Geschichte über sein Dasein als 100 000. Rheydter an. Doch als kleines Kind habe er sich schon als etwas Besonderes gefühlt, sagt Arne Stümges. Für viele Rheydter sei es wirklich bedeutend gewesen, dass Rheydt Großstadt wurde - "gerade auch wegen der Konkurrenz zu Gladbach", meint der 41-Jährige.
1975 hat er die kommunale Neugliederung selbst als eingefleischter Rheydter erlebt, die Gladbacher hätten "uns einkassiert", sagte er damals zu seiner Mutter. Heute kann Arne Stümges über derlei Äußerungen nur noch lachen. "Ich verstehe mich jetzt eher als Weltbürger", sagt er.
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