Mönchengladbach: Der Dalai Lama zum Anfassen
VON RALF JÜNGERMANN UND CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 19.05.2008Mönchengladbach (RPO). Vier Stunden war das Oberhaupt der Tibeter in Gladbach. Er nahm den OB an die Hand, schenkte Kindern Bonbons, Managern Schals und zog mit Humor und Warmherzigkeit alle in seinen Bann. Und das, obwohl er wenig über das angekündigte Thema redete und es in der Halle lausig kalt war.
Auch eine Heiligkeit muss sich irdischen Gegebenheiten beugen. Auf dem Weg von Bochum nach Mönchengladbach steht die Wagenkolonne des Dalai Lama am Samstag auf der A 52 wegen eines Lkw-Unfalls im Stau. Darum kommt der Nobelpreisträger fünf Minuten zu spät an. Um 9.35 Uhr klettert er behänd aus der grauen Mercedes-Limousine, greift nach den Händen von Oberbürgermeister Norbert Bude und Marketing-Chef Peter Schlipköter und lässt sich – einen an jeder Hand – in einen abgesperrten Bereich der Flughafen-Halle führen.
Dort wartet erst einmal Schriftliches auf ihn. Sorgfältig malt er in tibetischer Schrift einen Gruß an die Mönchengladbacher Bürger ins Goldene Buch der Stadt. Dann zeigt ihm Schlipköter die Ausgabe der Rheinischen Post von Samstag mit seinem Foto und einen Willkommensgruß auf Tibetisch. Der Dalai Lama verbeugt sich zum Dank und lacht fröhlich.
Für die Mitglieder des Initiativkreises, die den Dalai Lama eingeladen haben, hält er eine kurze Ansprache. Als das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter den Gladbachern die Katha, einen langen, weißen Schal umhängt, werden aus gestandenen Managern Kinder unterm Weihnachtsbaum. Noch Stunden später leuchten Augen, schwärmen die Teilnehmer der kurzen persönlichen Begegnung. Christian van Daniels, Geschäftsführer des Hemdenherstellers van Laack, sagt, er habe ein grandioses Geschenk bekommen. „In meinem Beruf ist es oft hektisch. Diese Ruhe und Entspannung, die er ausstrahlt, haben mir sehr gut getan.“
Dann darf Otto Graf Lambsdorff für zehn Minuten zu einer Privataudienz in den kleinen abgetrennten Bereich, in dem Orchideen, die Lieblingsblumen des Dalai Lama, auf dem Tisch stehen. Um 10.35 Uhr betritt er die große Halle, in der ihn fast 2500 Besucher mit einer stehenden Ovation begrüßen. Der Dalai Lama lacht, verbeugt sich zum Gruß immer wieder in alle Richtungen, bittet die Zuschauer sich zu setzen.
Das tut er auch: in einen schweren schwarzen Ledersessel. Der 72-Jährige zieht sich die Schuhe aus, begibt sich in den Schneidersitz. Mit auf der Bühne sind Moderator Steffen Seibert, der Übersetzer Dr. Christoph Spitz und Kelsang Gyaltsen, einer der beiden Gesandten bei den Verhandlungen mit China. Als erstes hat der Dalai Lama eine Frage an das Publikum: „Ist Ihnen auch nicht zu kalt?“ Eine überaus berechtigte Frage. Denn die Halle ist aus Sicherheitsgründen offen. Im Ernstfall ließe sich das schwere Rolltor nicht rasch genug öffnen. Darum pfeift der Wind nach dem plötzlichen Wetterumschwung bei nur noch rund zwölf Grad bitterkalt durch die Sitzreihen. Und mancher, der sich sommerlich chic herausgeputzt hatte, klappert schon bald heftig mit den Zähnen. Zumal viele weit fahren mussten, sehr früh aufgestanden sind und auf dem Gelände nach kurzem kein Kaffee mehr aufzutreiben ist.
Der Dalai Lama sagt, er freue sich, dass in dem Flughafen-Hangar jetzt keine leblosen Maschinen, sondern lebendige Menschen sind. Er warnt vor großen Erwartungen. Weder könne er heilen, noch habe er eine ausgefeilte Rede mitgebracht. „Wenn Sie das erwartet haben, entschuldige ich mich bei Ihnen.“ Dann spricht er eine Stunde: über inneren Frieden, die Folge von negativen Gefühlen auf das Immunsystem, die Unvoreingenommenheit von Kindern, von Toleranz gegenüber allen Religionen, über Erkenntnisse der Hirnforschung – und ganz am Ende auch über Menschenrechte, Frieden und die aktuelle Situation in Tibet. Immer wieder lacht er, scherzt, sucht den Blickkontakt zu einzelnen Zuschauern. Als ein kleines Mädchen hustet, springt er auf und reicht ihr aus seiner roten Umhängetasche ein Bonbon.
Aus der Kälte ins Zelt gerettet
Zuschauerin Sibylle Berg bekommt das nicht mehr mit. Sie ist eher gegangen. „Die Rede ist hervorragend, der Besuch ein wichtiges Ereignis. Aber wie viele können wir uns wegen der Kälte gar nicht richtig darauf konzentrieren.“ Fast ein ganzer Block hat sich derweil aus dem Zugigen in eines der beiden Zelte gerettet und steht an den Rändern. Dort sind eigentlich die billigeren Plätze. Jetzt sind sie die begehrtesten.
Nach einem 45-minütigen Interview mit Moderator Steffen Seibert geht der Dalai Lama von der Bühne. Er zieht sich zu einem Mittagessen – ein asiatisch-vegetarisches Menü – mit seinem Gesandten Gyaltsen in einen Wohnwagen zurück, der eigens für ihn bereit gestellt worden ist. Noch ein Interview mit Marietta Slomka für die Tagesthemen. Dann steigt der Dalai Lama um 13.35 Uhr in einen grauen Mercedes, der ihn zur Startbahn, die in Sichtweite ist, fährt. Vor dem Einsteigen winkt er noch mal den Umstehenden zu, ruft: „Good bye. See you again.“ Fünf Minuten später hebt das Flugzeug nach Nürnberg ab.
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