Mönchengladbach: "Der Klassenerhalt ist oberstes Ziel"
zuletzt aktualisiert: 24.05.2011Mönchengladbach (RPO). Rolf Königs (69), Borussias Vereinspräsident, über verpasste Saisonziele, Millionen-Angebote für Marco Reus, Eigentore der Initiative Borussia und den Vorwurf, allein über den Verein zu herrschen.
Was ist wichtiger: Das Relegationsspiel gegen Bochum am Mittwoch – oder die Jahreshauptversammlung am kommenden Sonntag?
Rolf Königs Der Klassenerhalt ist unser erstes und oberstes Ziel.
Wie konnte es denn soweit kommen, dass Borussia überhaupt den Weg über die Relegation gehen muss?
Königs Wir haben unser Saisonziel nicht erreicht, aber wir haben uns die Relegation dank einer sehr guten Rückrunde verdient. Vor der Saison waren wir der Meinung, dass wir die Mannschaft nach dem zwölften Platz im Vorjahr behutsam verstärkt haben. Wir haben keinen Leistungsträger abgegeben, sondern sogar ein 15-Millionen-Angebot für Marco Reus aus Wolfsburg abgelehnt. Wir wollten das Wort "Abstieg" aus unserem Vokabular streichen. So sicher fühlten wir uns. Das ist uns nicht gelungen. Deshalb kann ich verstehen, wenn die Fans sauer sind.
Was sind die Gründe für den Misserfolg?
Königs Zuerst kam die große Verletzungsmisere. Dadurch kam Nervosität auf – das mündete in Undiszipliniertheiten. So haben wir uns immer weiter geschwächt. Zudem gab es immer mehr äußere Einflüsse. Gründe findet man nachher immer – so wie es jetzt auch Gründe für die starke Rückrunde gibt.
Welche Fehler wurden in dieser Saison gemacht?
Königs Vielleicht haben wir etwas zu euphorisch auf die Jugend gesetzt. Es ist unsere Strategie, die Fohlen zu fördern. Als wir in den Borussia-Park gezogen sind, hatten wir nur einen Jugend-Nationalspieler. Jetzt sind es 18 und es schaffen regelmäßig Talente den Sprung zu den Profis. Unsere Strategie geht also auf. Dennoch ist die richtige Mischung in der Mannschaft wichtig – man braucht auch gestandene Leute, nicht nur unter den Stammspielern. Aber wir haben in der Rückrunde die richtigen Entscheidungen getroffen.
Und Sie? Haben Sie persönlich Fehler gemacht?
Königs Am Ende bin ich der Verantwortliche. Und hinterher ist man immer schlauer. Natürlich wird darüber diskutiert, ob wir in der Trainerfrage falsch gelegen haben. Aber: Wenn sich, wie gegen Kaiserslautern, der Torwart den Ball ins eigene Tor faustet, ist es hart, auch für solche Dinge verantwortlich gemacht zu werden. So etwas tut mir auch weh. Wenn ich nach einer Niederlage im Auswärtsspiel die Fans gesehen habe, ist das auch für mich sehr schwer.
War es nun ein Fehler, so lange an Michael Frontzeck festzuhalten?
Königs Wir haben darüber diskutiert und waren von der Entscheidung überzeugt, mit ihm in die Rückrunde zu gehen. Die ersten Spiele mit den beiden Auswärtssiegen haben uns darin bestätigt. Nach den beiden Niederlagen gegen Stuttgart und St. Pauli mussten wir aber reagieren.
Das Sportliche zählt für Sie zwar mehr – doch geht es auf der Jahreshauptversammlung am Sonntag nicht auch irgendwie um Ihre Zukunft?
Königs Nicht direkt. Die Opposition gaukelt den Leuten ja vor, es stünden Wahlen für Ämter an. Aber die gibt es nicht. Es gibt, außer einem Posten im Ehrenrat, in dieser Saison bei Borussia Mönchengladbach nichts zu besetzen.
Warum hat die Versammlung dann eine solche Brisanz?
Königs Die sogenannte Initiative wollte unsere sportliche Schieflage dafür nutzen, um mittels eines Putsches den Verein auf den Kopf zu stellen. Anfangs waren wir verwundert darüber, dass die Pläne auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben wurden. Hinterher fanden wir das gar nicht mehr so schlecht.
Warum?
Königs Paragrafen sind statisch. Aber mit ihren Erklärungen sorgte die Initiative doch für ein Eigentor. Es wurden Ziele verkündet, die beim geringsten Gegenwind der Fans korrigiert wurden. Als sie dann merkten, dass das Vorgehen nicht ankommt, wurde Stefan Effenberg präsentiert. Plötzlich geht es nicht mehr um Satzungen und Strukturen, sondern nur noch um Personen.
Hätte Effenberg denn die Befähigung, als Sportdirektor zu arbeiten?
Königs Dazu möchte ich mich nicht äußern. Er hat, als er für uns gespielt hat, immer alles gegeben. Und auch sein Abschiedsspiel hier gemacht. Aber Max Eberl hat in drei Jahren eine hervorragende Nachwuchsabteilung aufgebaut. Und er hat auch in drei Jahren als Sportdirektor sehr gute Arbeit geleistet.
Die Initiative will auch die Struktur des Vereins verändern.
Königs Damit würde eine Zweiteilung stattfinden. Der Fußball würde sich von den Fans entfernen. Unsere Satzung ist zeitgemäß und hat sich über die Jahre – auch dank der Mitglieder – entwickelt. Wenn man jetzt sagt, sie ist Mist, ist das doch ein Affront gegen unsere Mitglieder! Wir sind ein Mitgliederverein. Und genau deshalb sollen diese auch mitbestimmen. Unsere Struktur wird doch vom Liga-Dachverband sogar als beispielhaft für andere Vereine dargestellt.
Sie werden mit Kritik überhäuft.
Königs Es wurde behauptet, wir würden wie in einem Kaninchenzüchterverein arbeiten. Auf einem solchen Niveau wollen wir nicht mitmischen. Sonst könnten wir uns ja fragen, wie Herr Kox, der Initiator der Initiative, seinen Verein in Bergisch Gladbach in die Fünfte Liga geführt hat – und dann einfach gegangen ist. Außerdem: Kaninchenzüchter sind auch ehrenwerte Leute.
Ihnen wird ein autoritärer, fast patriarchaler Führungsstil vorgeworfen.
Königs Das ist Polemik von Leuten, die nicht wissen, wie es hier zugeht. Fragen Sie doch mal Borussias Mitarbeiter.
Wer fällt denn wichtige Entscheidungen bei Borussia?
Königs Bei uns herrscht völlige Transparenz. Jeder Entscheidungsträger kennt die Zahlen und Fakten. Entscheidungen werden ergebnisoffen diskutiert und am Ende habe auch ich nur eine Stimme.
Warum sind so wenig Alt-Stars bei Borussia eingebunden?
Königs Rainer Bonhof ist unser Vize-Präsident, Herbert Laumen im Ehrenrat. Und Horst Köppel und Berti Vogts waren ja bereits in verschiedenen Positionen bei uns tätig. Als wir 1999 antraten, lag dieses Feld total brach. Wir haben uns gewundert, dass der Kontakt zu Ehemaligen nicht gut war. Wir haben die Leute eingeladen. Das ist uns auch gelungen. Jetzt sind bei unseren Heimspielen regelmäßig 20 bis 30 Ehemalige im Stadion. Zur 100-Jahr-Feier kam auch ein Stefan Effenberg aus München, obwohl er eigentlich ein Reiseverbot hatte.
Warum hat man nicht früher versucht, Effenberg in den Verein zu integrieren, wenn sein Herz doch so an Borussia hängt?
Königs Effenberg hatte sich vor drei, vier Jahren als eine Art General-Manager bei uns beworben. Wir haben den Vorschlag diskutiert – und am Ende verworfen.
Werden Sie nun eigentlich ein Hotel und ein Museum bauen?
Königs Wir werden alles versuchen, um für Borussia auf der Einnahmenseite weitere Gelder zu generieren. Dabei dürfen wir nicht nur an heute oder morgen denken. Sondern an die nächsten Jahrzehnte. Allein deshalb mussten wir die Grundstücke kaufen, bevor wir zugebaut worden wären. Aber wir werden nichts tun, was am Ende keinen Ertrag bringt.
Denken wir etwas kurzfristiger. Sollte Borussia den Klassenerhalt schaffen – wie sähe es kommende Saison aus?
Königs Die Mannschaft hat in den vergangenen Wochen gezeigt, was sie kann. Wir haben ein gutes Team. Ich bin mir sicher, dass wir das ursprüngliche Ziel dieser Saison, nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben, im nächsten Jahr erreichen können.
Interview Ralf Jüngermann, Karsten Kellermann und André Schahidi.
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