Mönchengladbach: Der unsportliche Fitmacher
VON O. E. SCHÜTZ - zuletzt aktualisiert: 17.09.2011Mönchengladbach (RP). Der Name Charly Stock ist mit Borussias ganz großen Erfolgen verbunden. Der Masseur sorgte fast 30 Jahre dafür, dass die Fohlen fit waren – er selbst aber war es damals und ist es auch heute nicht. Mit 75 Jahren kümmert er sich noch um die Tradition des Vereins und die Weisweiler-Elf.
Ohne seine "heilenden Hände" wären die Fohlen vielleicht nicht ganz so flott in Galopp gekommen, dass sie die Fußballfans in aller Welt begeisterten: Charly Stock war fast drei Jahrzehnte der Mann, der nicht nur die Muskeln und Sehnen der Borussen in Bestform brachte, sondern auch manch seelisches Wehwehchen der doch schon mal recht sensiblen Kicker heilte.
Als Masseur (später hieß es Physiotherapeut) kam der damals gerade 26-jährige Berliner 1962 an den Bökelberg. Schatzmeister Lorenz Hochheim hatte ihn bei einer Kur in Bad Wörishofen kennen und schätzen gelernt. Und er blieb bis 1990: Charly Stock hat die ganze große Zeit der Borussia mit all den Meistertiteln und internationalen Erfolgen, aber auch den weniger glücklichen Stunden wie dem Büchsenwurf am Bökelberg oder dem Elfmeterdrama von Everton mitgemacht.
"Mein nachhaltigstes Erlebnis war neben den beiden ersten Deutschen Meistertiteln 1970 und 1971 das Jahr 1975 – als wir zum dritten Mal Meister wurden, dazu erstmals den Uefa-Cup gewannen – und Hennes Weisweiler uns leider verließ, um zum FC Barcelona zu gehen", sagt Stock. "Ich habe all diese Erfolge genossen."
Karl-Heinz Stock
Geboren 11. April 1936 in Berlin
Beruf Physiotherapeut
Bei Borussia Von 1962 bis 1990 als Masseur, von 1990 bis 2001 Sicherheits- und Dopingbeauftragter, Leiter des Fohlenstalls, Beauftragter für Traditionspflege
"Erfolge" Bundesliga-Aufstieg 1965, fünfmal Deutscher Meister, zweimal Uefa-Cup-Gewinner, einmal DFB-Pokalsieger
Ehrungen Mitglied des Ehrenrats, eines von vier Ehrenmitgliedern neben Trainer Hans Meyer, "Mister Tischtennis" Paul Staas und Ex-Mannschaftsarzt Jürgen Sellmann
Weisweiler-Elf Gründung am 18. Juli 1991 durch Charly Stock, die Ex-Spieler Herbert Laumen und Rudi Pöggeler sowie Hans Davids (Sportmarketing, ).
Und seinen Anteil daran gehabt. An der Massagebank, am Spielfeldrand, im "Ernstfall" auf dem grünen Rasen, aber auch als Mittler zwischen Spielern und den Trainern Fritz Langner, Hennes Weisweiler, Udo Lattek, Jupp Heynckes, Wolf Werner und Gerd vom Bruch. Oder auch als "Mini-Manager", wie der legendäre "Vize" Helmut Grashoff ihn in seinem Buch "Die Launische Diva" genannt hat.
So richtig gegangen ist er 1990 nicht: Charly Stock blieb noch elf Jahre im Dienste des Vereins. Er wurde Herbergsvater im Borussen-Internat "Fohlenstall", dessen bekannteste Bewohner Sebastian Deisler und Andrej Voronin waren. Er wurde Beauftragter für Doping und Sicherheit, ist heute noch Ehrenratsmitglied – und für die vor fast genau 20 Jahren von ihm mitgegründete Traditionsmannschaft Weisweiler-Elf im organisatorischen Einsatz.
Bei Spielen hat er seine "Kiste" immer noch dabei, mit all dem, was ein Masseur so braucht. "Wenn sich einer verletzt, sehe ich als Erster nach, auch wenn im Ernstfall dann Jüngere die Arbeit machen", gibt Charly Stock zu. "Doch ernsthafte Verletzungen sind bei uns trotz allen sportlichen Ehrgeizes so gut wie nie vorgekommen. Auch, weil unsere Spieler heute in der Regel nicht mehr viel älter als um die 40 sein sollen."
Als der Bökelberg 2006 fast dem Erdboden gleichgemacht wurde, sorgte Charly Stock dafür, dass die in Stein umgesetzte Raute, das Vereinswappen, Mitte der 90er Jahre über der berühmten Nordkurve in den Boden gepflastert, einen neuen Standort erhielt: vor dem Geburtshaus des Vereins an der Eickener Straße 88.
Darunter liegt eine Kassette, die Charly Stock zusammengestellt hat: das Buch zu Borussias 100-jährigem Bestehen, die "Launische Diva" Grashoffs, das Buch "Hennes" zu Trainer Weisweilers Gedenken, eine Kapsel mit originalem Bökelberg-Sand, ein Blatt von Borussias "Meister-Eiche", die vom Bökelberg ins neue Stadion verpflanzt worden ist. Und eine Mappe mit den Recherche-Ergebnissen Charly Stocks.
Der 75-Jährige hat Dokumente, Berichte, Fotos gesammelt. Das Bewahren der Borussen-Tradition ist für Charly Stock zur Lebensaufgabe geworden. Er wollte auch mal ein Buch schreiben, ein bisschen Fortsetzungsgeschichte der "Launischen Diva". Das hätte bestimmt sehr interessant werden können, wenn Charly aus dem Nähkästchen geplaudert hätte. Aber nun schreibt er es doch nicht – weil die bislang unveröffentlichten Geschichten auch heute noch den einen oder anderen in Verlegenheit bringen könnten. "Was dabei herauskommen kann, sieht man jetzt bei Philipp Lahm", sagt Charly Stock.
Und Popularität braucht er nicht mehr. Es gibt ja immer noch etliche Fans, die ihn kennen und seine Hilfe suchen. Da klingeln schon mal Unbekannte bei ihm an der Viersener Straße, oder geht das Telefon, wenn Journalisten die Telefonnummer eines großen Borussen von einst brauchen, die immer noch mit Stock befreundet sind. Wie Günter Netzer, Jupp Heynckes, Berti Vogts, Allan Simonsen und, und, und ... "Dann versuche ich, einen Kontakt zu vermitteln", sagt Charly. Und er hilft, wenn jemand einen seiner Schätze sehen oder fotografieren will – den gebrochenen Torpfosten vom Bökelberg etwa, der 1971 fast den Meistertitel gekostet hätte. Oder Günter Netzers Schuh aus dem legendären Pokalfinale 1973, in dem er sich selbst in der Verlängerung einwechselte – und prompt das 2:1-Siegtor gegen den 1. FC Köln schoss.
Charly Stock, der zweifache Großvater, wirkt nicht wie ein 75-Jähriger, oder?"Ich fange erst gar nicht an zu klagen", sagt er. Heißt das, dass es ihm so gut doch nicht geht? "Es könnte ein bisschen besser sein", gesteht er. Und rückt dann mit etwas heraus, das nicht so recht in das Bild passt, das die Öffentlichkeit von dem Mann mit der Kiste am Spielfeldrand hatte: "Ich bin absolut unsportlich." Na ja, Hauptsache ist, dass seine Borussen sportlich genug waren.
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