Mönchengladbach: Des Derbys gute Seele
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 07.04.2011Mönchengladbach (RPO). "Jupp" Theunissen, Platzwart von Germania Geistenbeck, schart seit Jahren Köln- und Gladbach-Fans um sich, die gemeinsam und freundschaftlich das Spiel schauen. Der Geißbock-Anhänger hofft auf drei Punkte – für die Borussia.
Als der Bierbecher Schiedsrichter-assistent Thorsten Schiffner beim Bundesligaspiel St. Pauli gegen Schalke im Nacken traf, war es mucksmäuschenstill im Vereinsheim von Germania Geistenbeck. "Alle waren sich sofort einig: Wer sowas macht, kann kein Fan sein", sagt Hermann-Josef "Jupp" Theunissen. Ähnlich schätzt der 69-Jährige, seit 1974 Platzwart, die "Chaoten" auf beiden Seiten ein, die in den vergangenen Jahren rund um die rheinischen Derbys wiederholt für Negativschlagzeilen sorgten.
"Ohne Derbys fehlt die Würze"
Wesentlich friedfertiger wird die Stimmung am Sonntag sein, wenn sich Gladbacher und Kölner Fans auf dem Germania-Gelände treffen, um dort gemeinsam das richtungsweisende Spiel zu schauen. Darunter sind dann wieder viele Kinder, weil ihre Spiele stets so gelegt werden, dass sie danach die Bundesliga verfolgen können. "Wir machen das seit Jahren, und zwar in absolut freundschaftlicher Atmosphäre", sagt Theunissen. Er muss es wissen – von Kindesbeinen an ist der Giesenkirchener eingefleischter FC-Fan. Sein vor diesem Hintergrund kurioser Wunsch für Sonntag: drei Punkte für Gladbach.
Gladbach gegen Köln
2001/02 4:0, 2:0
2002/03 keine Derbys*
2003/04 1:0, 0:1
2004/05 keine Derbys*
2005/06 2:0, 1:2
2006/07 keine Derbys*
2007/08 2:2, 1:1 (2. Liga)
2008/09 1:2, 4:2
2009/10 0:0, 1:1
2010/11 4:0, -:-
* Köln in der 2. Liga
"Sind wir doch mal ehrlich: Es hat keiner was davon, wenn Borussia absteigt", sagt Theunissen, der darauf hofft, dass seine Geißböcke es angesichts ihrer 35 Punkte etwas ruhiger angehen lassen. "Ohne Derbys fehlt der Saison die Würze." Sein Fußballverständnis ist das einer gesunden, von Ehrgeiz geprägten Rivalität – ohne dabei außer Acht zu lassen, dass es sich letzten Endes "nur um ein Spiel" handelt.
Dass er kein Gladbach-Fan werden würde, war Theunissen früh klar. "In der Jugend spielte ich für den DJK Giesenkirchen, und wir traten bei der Stadtmeisterschaft gegen Borussia an. Die kamen mit ihren feinen Trainingsanzügen an!" Spätestens da war es mit der Sympathie vorbei. In seiner Familie (die Tochter, die die Gaststätte führt, und die Enkel sind Bayern-Fans, der Schwiegersohn ist Gladbacher) ist er mit dieser Einstellung aber ebenso in der Unterzahl wie bei Spielen der Kölner im Vereinsheim – "ein Drittel zu zwei Drittel" sei das Verhältnis stets. Dem freundschaftlichen Miteinander der Fangruppen tut das jedoch keinen Abbruch.
In Köln-Trikot und Gladbach-Fahne gehüllt zeigt ihn ein Foto, das im Vereinsheim hängt; es entstand, als beide Clubs 2008 zusammen aufstiegen, "drei Tage gemeinsam gefeiert" habe man damals. Im Gespräch schwärmt Theunissen davon, wie es früher nach den Borussen-Auftritten im alten Müngersdorfer Stadion mit Fans beider Lager noch in eine Pulheimer Currywurst-Kneipe ging. Nach der Borussia-Pleite kürzlich gegen Kaiserslautern seien alle Zuschauer im Vereinsheim, auch die Kölner Fans, kollektiv "geschockt" gewesen, berichtet Theunissen. Und: "Ich würde mich sogar im Köln-Trikot in die Nordkurve des Borussia-Parks stellen", sagt er durchaus wagemutig. Nicht etwa, um zu provozieren – sondern um zu zeigen, dass es auch gemeinsam geht, mit- statt gegeneinander.
Selbstredend gehören zum Fußball aber auch Gegner, an denen man sich vortrefflich reiben kann. Wer, wenn nicht Köln, Herr Theunissen? "Gegen die Pillenclubs Leverkusen und Wolfsburg haben wir doch alle zusammen etwas. Und mit Frankfurt gibt es jetzt noch ein ganz neues Feindbild." Grund: "Christoph Daum haben wir in Köln eine Chance gegeben, dann trat er uns mit Anlauf in den Hintern." Und bei allen Clubs seien ihm "Edelfans", die teure Vereinskluft tragen, "ohne je ein Jugendspiel gesehen zu haben", ein Dorn im Auge. So richtig wünsche er aber niemandem den Abstieg, gerade von der Warte eines kleinen Vereins aus, der jeden Cent zweimal umdrehen muss. "Natürlich kann man die Bundesliga damit nicht vergleichen. Aber an Borussia hängt die ganze Stadt, hängen Arbeitsplätze. Und ein Abstieg wäre auch sehr schlimm für meine Freunde."
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