Mönchengladbach: Die Abwrack-Verlierer
VON ULRIKE WINTER - zuletzt aktualisiert: 05.05.2009 - 07:17Mönchengladbach (RPO). Die Kehrseite des Abwrack-Booms: Gebrauchtwagenhändler verkaufen nicht mehr halb so viele Autos wie früher, freie Werkstätten fürchten um jeden vierten Kunden. Und Schrotthändler müssen Zusatzkräfte bezahlen, um die enorme Nachfrage überhaupt bewältigen zu können.
Mönchengladbach. Seit 15 Jahren handelt Brigitte Römer mit Gebrauchtwagen. Selten lief ihr Geschäft in Mönchengladbach so schlecht wie jetzt. Gerade zwölf Autos verkauft sie noch im Monat, vor Einführung der Abwrackprämie waren es bis zu 30. "Die großen Autos stehen seitdem nur rum", sagt die 57-Jährige. "Und kleine kriegen wir kaum rein." Die gehen in die Schrottpresse.
179 104 Pkw wurden im ersten Quartal 2009 in NRW neu zugelassen – 25,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Während die Abwrackprämie den Neuwagenhändlern derart hohe Umsätze beschert, dass sie sich schon vor den Einbrüchen im nächsten Jahr fürchten, bringt der Umwelt-Bonus viele Gebrauchtwagenhändler in Existenznöte. Und nicht nur sie.
"Uns hält nur noch unsere Werkstatt über Wasser", heißt es beim Gebrauchtwagenhandel Podolski in Mönchengladbach. Die monatlichen Verkäufe brachen von durchschnittlich 23 Autos auf neun ein. "Wenn erstmal alle ihre neu bestellten Autos haben, verschwinden auch die Gebrauchtwagen, die jetzt noch zu uns zur Reparatur kommen", befürchtet Leszeck Podolski.
Der Verband des Kraftfahrzeuggewerbes NRW geht zwar davon aus, dass eine freie Werkstatt 2009 wegen der Umweltprämie lediglich 42 Werkstattstunden weniger verkauft als sonst – eine normale Auslastungsschwankungsbreite. Doch Werkstattbesitzer berichten bereits von drastischeren Auslastungseinbrüchen – Jürgen Held zum Beispiel, Betreiber einer freien Kfz-Werkstatt in Kleve. Von den 600 Stammkunden, die er in 20 Jahren gewonnen hat, sind seit Einführung der Abwrackprämie zehn Prozent auf einen Neuwagen umgestiegen.
"Und die meisten sind jetzt, was Reparaturen angeht, erst einmal für zwei bis drei Jahre an ihren Vertragshändler gebunden", sagt der 50-jährige Klever. Im Laufe des nächsten Jahres, befürchtet er, wird sich sein Kundenstamm um 15 bis 25 Prozent reduzieren. Bei insgesamt sechs Mitarbeitern heißt das, dass mindestens ein Arbeitsplatz in Gefahr ist.
Während Gebrauchtwagenhändler und Werkstattbesitzer überlegen, wie sie ihre Mitarbeiter weiter beschäftigen, setzt den Schrotthändlern die wenig einträgliche Mehrarbeit zu. 2000 Autos hat Joachim Beiers Verwertungsbetrieb in Neuss seit Januar verschrottet – unter Einsatz von sieben Subunternehmern, die die Wagen zum Teil von Autohäusern in Krefeld abholten, und unter Einsatz eines zusätzlichen Mitarbeiters. Bis zu zwei Stunden dauert die Abfertigung eines Autos. Zehn bis zwanzig Euro bringt sie – bei Schrottpreisen von 40 Euro pro Tonne – noch ein. "90 Prozent der Autos, die wir annehmen, kosten Geld", sagt Beier. "Im Schnitt 40 Euro, plus Steuer."
Evelin Blomenkamp, Geschäftsführerin der Benrather Autoverwertung, berechnet Kunden, die nicht Stammkunden sind, deswegen mittlerweile 80 Euro. So hofft sie, am Ende des Jahres wenigstens ein schwarze Null unter das Kapitel Abwrackprämie schreiben zu können. Zu Beginn hat sie den Kunden ihre Altautos noch dreistellig bezahlt – wegen der guten Ersatzteile, die sie inzwischen gar nicht mehr ausbaut, weil sie sich bis unter die Decke im Lager stapeln. Keiner will sie haben, ebenso wenig wie ihren Verwertungsbetrieb, den sie mit 68 Jahren eigentlich gern abgeben würde. Also wird sie weitermachen. Gebrauchtwagenhändlerin Brigitte Römer dagegen spielt schon mit einem anderen Gedanken, wie sie sagt. "Wir denken wirklich darüber nach, das Geschäft zuzumachen."
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