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Mönchengladbach: Die Baustellen des Herrn Wurff

VON DIETER WEBER - zuletzt aktualisiert: 07.03.2010 - 16:15

Mönchengladbach (RPO). Die Stadt erstickt in Schulden, aber der Sanierungsstau ist riesig. Rheydts Marktplatz muss geliftet, die Altstadt saniert werden. Bürger und Politiker fordern mehr Radwege. Bauen in Außengebieten ist dagegen Schnee von gestern. Viel zu tun für den neuen Technischen Beigeordneten.

Der Planungsdezernent Andreas Wurff sieht in der Anhörungskommission des Planungs- und Bauausschusses eine Lex Mönchengladbach. 
 Foto: RP
Der Planungsdezernent Andreas Wurff sieht in der Anhörungskommission des Planungs- und Bauausschusses eine Lex Mönchengladbach. Foto: RP

Andreas Wurff hat viel zu tun. Allerdings vorerst nicht an seinem künftigen Schreibtisch im Rheydter Rathaus. Gladbachs neuer Technischer Beigeordneter muss an der Noch-Arbeitsstelle im Dresdner Planungsamt viel wegarbeiten und bis Ende April alles sauber übergeben.

Dennoch lässt sich nicht verhindern, dass der 56-Jährige sich bereits mit Gladbacher Themen und Problemen beschäftigt. Von denen gibt es jede Menge. Die nächsten acht Jahre ­ so lange dauert Wurffs Amtszeit in Mönchengladbach ­ wird der neue Chef für Planung, Verkehr, Hoch- und Tiefbau dicke Bretter bohren müssen, um Gladbach nach vorne zu bringen. Das sind die wichtigsten Projekte:

Innenstadtkonzept Rheydt Eine ganz heiße Nummer. Bis Mitte Mai muss das Konzept, das unter anderem die Neugestaltung des Rheydter Marktplatzes vorsieht, so umgearbeitet sein, dass es für das Förderprogramm „Soziale Stadt” reicht. Das heißt: Es müssen Elemente eingebunden sein, die Familien, Kindern, Jugendlichen und Senioren dienen. Seitdem die Stadt keine Hoffnung mehr hat, ins Sonderprogramm „Stadtumbau West” zu rutschen, ist das Sozialprogramm der Rettungsanker. Unter Umständen kann es zu einem Glücksfall werden. Nämlich dann, wenn Bund, Land und EU 90 rozent an den Gesamtkosten von rund 14 Millionen Euro finanzieren.

Knackpunkt bleibt, ob die Stadt, die 2015 überschuldet sein wird, überhaupt ihren Eigenanteil leisten kann. Denn die Bezirksregierung übt in dieser Hinsicht starken Druck aus. Wurff muss sich gut mit seinem Beigeordneten-Kollegen Stadtkämmerer Bernd Kuckels stehen, damit dieses Vorhaben gelingt. Und sich auch schon einmal Gedanken darüber machen, ob er den geplanten Neubau zwischen der evangelischen Hauptkirche und dem Rathaus weiter forciert: Denn den lehnen die meisten Rheydter vehement ab.

Einkaufszentrum Hindenburgstraße Hier liegt der Aufschlag demnächst bei der Politik, Wurff hat allenfalls beratende Funktion. Allerdings hat er sich bereits positioniert, was eine mögliche Untertunnelung der Steinmetzstraße angeht. Dies sah der alte Entwurf von ECE vor. Wurff bezeichnet diese Lösung als „nicht zeitgemäß”. Seine vorrangige Aufgabe wird es sein, den Bau zu begleiten und den Platz zu gestalten, der vor Center und Sonnenhaus entstehen soll. Denn es ist eine alte Forderung von Wurffs Vorgänger Helmut Hormes, der Stadt hier eine Mitte zu geben. Sie wird im übrigen auch von Politik und Geschäftswelt getragen. Wurff muss sich auch darum kümmern, wie künftig der Busverkehr über die Hindenburgstraße geführt werden kann. Fließt er weiterhin so stark, wird die Aufenthaltsqualität für den Platz nicht groß sein. Die beiden möglichen Investoren ECE und MFI wollen die Stadtbücherei in das Gebäude des Centers integrieren: Da wird danach eine wesentliche Rolle spielen, was aus dem Bibliotheksgebäude an der Blücherstraße wird. Ganz klar: Ein Fall für Wurff.

Altstadt Wurff besuchte sie kurz vor der Ratssitzung, in der ihn 66 Politiker zum Technischen Beigeordneten wählten. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen. „Das sieht ja hier aus wie in Belfast”, sagte er danach. Neue Konzepte, wie die Waldhausener Straße verändert werden kann, existieren zwar auf dem Papier. Aber derzeit fehlen die Investoren, die das so umsetzen, wie es Politiker, Altstadt-Initiative, Verwaltung und Wirte-Vereinigung gerne hätten. Da die Stadt spätestens dann, wenn die Altstadt-Sanierung in einigen Jahren in die heiße Phase geht, kein Geld mehr hat, um sich daran zu beteiligen, brachte Wurff die städtischen Gesellschaften ins Gespräch: Entwicklungsgesellschaft, Kreisbau, GWSG. Es wird spannend.

Radwegekonzept Ein leidiges Thema in Mönchengladbach. Seit Jahren wird es immer wieder neu angekündigt, um dann wieder in Schubladen zu verschwinden. Die Stadt ist Auto-lastig ­ auch ein Verdienst einer Auto-Lobby, die viele Jahre in der Politik den Ton angab. Seit die Grünen Teil der so genannten Gestaltungsmehrheit mit SPD und FDP sind, machen sie Druck und wollen einen Radwegeplan zügig umsetzen. Eine grüne Findungskommission hat den parteilosen Wurff ausgesucht, und deshalb ist damit zu rechnen, dass er grüne Forderungen verwirklicht. Ein Verkehrsentwicklungsplan ist in Arbeit und legt fest, wo künftig die Hauptverkehrsrouten in der Stadt sind. Das lässt Spielraum, um an anderer Stelle vermehrt Flächen für Radwege auszuweisen. Eine Radfahrer-Stadt wie Münster wird Mönchengladbach nie ­ aber sie muss in dieser Hinsicht auch nicht das schlechteste Angebot im weiten Umkreis haben. Wurff selbst ist Freizeitradler.

Bauen Neue Baugebiete in Außenbereichen will Wurff weitgehend verhindern. Zwar entscheidet darüber letztendlich die Politik. Doch es ist damit zu rechnen, dass der neue Technische Beigeordnete ein wichtiges Wörtchen mitreden wird. Vorhaben wie „Giesenkirchen 2015” ­ die CDU und anfangs auch die FDP wollten Sportplätze in Wohngebiete umwandeln ­ steht er kritisch gegenüber. Wurff will das Leben in die Städte holen, und das macht besondere Bau- und kreative Aufenthaltskonzepte notwendig. So empfiehlt er, Straßen an Wochenenden für den Autoverkehr zu sperren, damit Anlieger und Bürger sie anders in Besitz nehmen können ­ etwa durch Feste, Aktionen oder einfach nur zu Spaziergängen. Wurff sitzt an maßgeblicher Stelle, weil er Geschäftsführer bei der EWMG wird ­ eine Position, die sein Vorgänger Hormes 2004 abgegeben hatte. Da wird er vermutlich ebenfalls mit daran arbeiten, dass es neue Gewerbeflächen gibt, etwa im Nordpark. Die Ampel will ihm einen Gestaltungsbeirat zur Seite stellen, bestehend aus Fachleuten, die planerisch und architektonische Vorschläge unterbreiten.

Bürgerbeteiligung Die Verwaltung erarbeitet eine Planung, die Politik verändert sie und segnet sie ab. Und irgendwann dazwischen werden die Entwürfe den Bürgern bei Versammlungen präsentiert. Von oben nach unten funktioniert dieses Beteiligungsprinzip. Es ist von gestern. Heute wird nicht nur mehr Transparenz gefordert, sondern außerdem verlangt, dass Bürger früh an Planung beteiligt werden. Also von unten nach oben. Bei „Giesenkirchen 2015” wäre es vermutlich nie zum politischen Fiasko gekommen ­ ein erfolgreiches Bürgerbegehren kippte das Projekt ­, wenn man die Giesenkirchener früh gehört hätte. Wurff ist Anhänger der Planung von unten. Das fördere Motivationsprozesse, sagt er. Vor allem die Grünen hören dies gerne.

Quelle: RP

 
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