Mönchengladbach: Die Frau für Extremsituationen
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 16.09.2006Mönchengladbach (RPO). Wenn Bianca van der Heyden gerufen wird, dann geht es meistens um die ganz harten Fälle. Um Erlebnisse, die kaum verkraftbar sind. Um Bilder, die sich ins Gehirn brennen. Um Tragödien, wie den Flammen-Tod der kleinen Rheindahlener Jungen. Die evangelische Pastorin ist Polizeiseelsorgerin.
Früher hatte Bianca van der Heyden, wie sie selbst zugibt, von Polizeiarbeit keinen Schimmer. „Ich habe an Straßenverkehrsregelung gedacht und an TV-Krimis. Im Fernsehen sah der Tatort immer aufgeräumt aus, und die Leichen waren immer frisch“, erzählt die evangelische Pastorin. Bevor die heute 35-Jährige ihren Job antrat, informierte sie sich in der Wirklichkeit, fuhr Streife mit, besuchte die Kommissariate. Dann legten ihr Spurensicherer Fotos von echten Tatorten vor. „Das waren die erschreckendsten und ekelhaftesten Bilder, die ich je in meinem Leben gesehen hatte.“
Von der neuen Aufgabe abgeschreckt haben sie Bianca van der Heyden nicht. „Ich habe mich vielmehr gefragt: Was müssen Polizisten sonst noch ertragen? Wie verarbeiten sie das? Wie kommen ihre Familien damit zurecht?“ Der neue Job sei eine Herausforderung für sie gewesen, und er ist es noch.
Vor einem Jahr trat die Pastorin ihren Dienst bei der Polizei Mönchengladbach an, die sie „meine Gemeinde“ nennt. Seitdem hat die 35-Jährige aber nicht nur Polizeibeamte nach traumatisierenden Erlebnissen betreut, sondern auch Angehörige von Mord,- Unfall- und Brandopfern. Bianca van der Heyden ist die Frau für Extremfälle. Denn bei all ihren Einsätzen spielen Tod, Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit eine Rolle. „Ich bin nicht da, um zu missionieren. Aber es geht bei meiner Arbeit ganz oft um spirituelle Fragen und auch um die Frage der Schuld“, sagt sie. Schon häufig hatte sie Gespräche mit Polizeibeamten, die mit sich selbst haderten, weil sie glaubten, nicht alles oder auch nicht das Richtige getan zu haben. „Manche erzählen von einem Unfall, der 20 Jahre zurückliegt. Aber es hört sich so an, als wäre er gestern erst geschehen“, berichtet die 35-Jährige. Wenn ein Kind getötet oder verletzt wird, gehe das auch den härtesten Kerlen unter die Haut.
Das war auch so, als zwei kleine Jungen bei einem Brand in Rheindahlen ums Leben kamen. Nach der Tragödie stand Bianca van der Heyden nicht nur der Familie bei, sie ging auch mit einem Kollegen aus Rheindahlen zu dem Kindergarten, den die beiden Jungen bis zu ihrem Tod besucht hatten. „Wir mussten den Mädchen und Jungen ja erklären, warum die zwei nicht mehr da sind.“ Das Erlebnis von damals wird auch Bianca van der Heyden nie vergessen. „Manchmal muss auch ich mich freimachen von dem Geschehen. Dann packe ich mein Fahrrad und fahre los. Und es hilft mir natürlich, dass ich das Erlebte abends mit in mein Gebet nehmen kann.“ Trotz allem mag Bianca van der Heyden ihren Job. „Er ist schwer, aber das gehört einfach zu den Aufgaben einer Pastorin.“
Bei der Polizei ist die Arbeit der Seelsorgerin hoch geschätzt. Nicht jeder findet zu Hause in der Familie zu jederzeit Verständnis, weiß Bianca van der Heyden. Eine Polizistin habe ihr einmal berichtet, dass sie von ihrer Tochter mit den Worten empfangen worden sei: „Wenn du eine Leiche anpackst, hast du mich das letzte Mal angefasst.“
Bianca van der Heyden hilft auch, wenn Todesnachrichten überbracht werden müssen. „Das gehört natürlich nicht zu den Lieblingsaufgaben von Polizisten. Aber ich gehe nicht mit, weil die das nicht können. Es gibt sehr mitfühlende Polizistinnen und Polizisten. Sie sind einfach in einer anderen Rolle. Die Polizei fragt nach den Personalien, ich nach dem Befinden.“ Zu solchen Einsätzen ist Bianca van der Heyden immer mit dem eigenen Auto unterwegs. „Ich bleibe so lange, bis andere Bezugspersonen eingetroffen sind“, sagt sie. Und: „Trösten kannst du nicht, aber du kannst da sein.“
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