Mönchengladbach: Die frohe Botschaft
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 21.12.2009Mönchengladbach (RPO). Warum Gladbach ist, wie es ist: In einer Serie stellt die Rheinische Post Schlaglichter der Mönchengladbacher Geschichte vor, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen. Diesmal: Wie sich an Weihnachten 1949 der beginnende Wohlstand in Mönchengladbach und Rheydt zeigte.
Es war eine Gruppe wichtiger Leute, die den ersten ICE in Mönchengladbach begrüßten. Oberbürgermeister, Bahnvorstände, Wirtschaftsförderer winkten vor acht Tagen dem Hochgeschwindigkeitszug Richtung Berlin hinterher, es herrschte ausgelassene Stimmung. Es war auch eine Gruppe wichtiger Leute, die sich vor fast genau 60 Jahren im Hauptbahnhof die Hände schüttelte. Mit Stadtkämmerer, Bahnvorständen, Wirtschaftsförderern standen sie im frisch wieder aufgebauten Wartesaal 2. Klasse und feierten das sichtbare Zeichen des beginnenden Wohlstandes in Mönchengladbach.
Weihnachten 1949, das war die erste "Stille Nacht" in der Bundesrepublik. Jahrelang hatten die Gladbacher "O du fröhliche" erst im Bombenhagel und dann in den Trümmern gesungen. Nun, 1949, wenige Monate nach Gründung der Bundesrepublik, sollte alles besser werden. In den beiden Städten M.-Gladbach (so die damalige Schreibweise) und Rheydt gab es tatsächlich einiges zu feiern. Ein neues Bewusstsein nach Jahren der Entbehrungen erfüllte die "Stille Nacht" 1949. Und das zeigte sich überall in den beiden Städten.
Zeittafel
21. Dezember 1949 Das Münster und das Rathaus Abtei werden erstmals nach elf Jahren wieder beleuchtet – inmitten von ausgebrannten Ruinen.
23. Dezember 1949 Der modernste Wartesaal in einem Hauptbahnhof Westdeutschlands wird in Gladbach eröffnet.
An jenem 23. Dezember eröffneten der Stadtkämmerer und der Reichsbahnoberrat – so hieß das Amt auch 1949 noch – den neu aufgebauten Wartesaal 2. Klasse im Hauptbahnhof. Die Stadt stellte der Bahn damals einen Kredit dafür zur Verfügung, was damals kein Problem war. Der Kämmerer konnte sich so etwas leisten. "Man kann diesen 150 Gäste fassenden Raum, der durch seine Helligkeit und Innenarchitektonik überrascht, nicht mehr als "Wartesaal im üblichen Sinne bezeichnen", fasste ein Zeitzeuge in der Rheinischen Post zusammen. "Er ist nach den Worten eines Fachmannes die modernste Bahnhofsgaststätte in Westdeutschland. Wir dürfen wieder ein wenig stolz auf M.-Gladbach-Haupbahnhof sein." Auf jene Empfangshalle, über die heute aus gutem Grund gerne geschwiegen wird.
Zwar waren nicht alle Trümmer beseitigt, doch man gönnte sich wieder was in M.-Gladbach. Die Innenstädte wurden erstmals ziemlich festlich ausgeleuchtet. Am Abend des 21. Dezember erfasste der Lichtschein mehrerer Scheinwerfer erstmals das Münster und die Abtei. Elf Jahre lang hatten die Wahrzeichen Gladbachs abends im Dunkeln gestanden. 1945 noch wurde die Christvesper in einem Münster ohne Dach und mit ausgebrannten Grundmauern gefeiert. Nun muss es allerdings immer noch eine gespenstische Kulisse gewesen sein, denn der Abteiberg rundherum stand noch voller ausgebrannter Ruinen. Auf der Hindenburgstraße "sprießen die verlockenden Geschäfte wie Pilze aus der Erde", schrieb die Rheinische Post am 23. Dezember 1949.
Die Geschäfte machten ihr erstes richtiges Weihnachtsgeschäft, die Menschen kauften nicht mehr nur Lebensmittel ein. Auch die Bedürfnisse der Kinder wuchsen. An diesen Tagen ging im M.-Gladbacher Postamt ein Brief ein, adressiert "An das Christkind". Darin wünschte sich ein Mädchen "eine schöne Puppe, eine kleine Lacktasche, einen großen Puppenwagen, eine Haarschleife und ein kleines Bügeleisen. Es grüßt Dich, die brave Rosemarie." Die größte Not war eben vorbei. Man konnte nicht nur wieder besinnlich feiern, man sehnte sich auch ein wenig danach und konnte Wünsche auch wieder erfüllen.
So wie die Gemeinde St. Marien in Rheydt. Während am 23. Dezember nämlich im Gladbacher Hauptbahnhof der neue Empfangspalast eröffnet wurde, weihte die Gemeinde zeitgleich ihre neue Orgel. Der Bischöfliche Musikdirektor persönlich kam vorbei und zog die bis dahin fertigen 16 Register des Instrumentes. "Ein Wohlklang von schöner Fülle und Weichheit des Tones", bemerkte die RP an diesem Abend.
Die Stimmung rund um Weihnachten gibt wohl am besten eine Begebenheit des 22. Dezember 1949 wieder. Der Weihnachtsbaum vor der Hauptpfarrkirche war aufgebaut worden. Doch diesmal fehlte das Schild: "Die Glühbirnen eignen sich nicht zum Privatgebrauch." Auch ein Zeichen der wirtschaftlichen Gesundung. Welch frohe Botschaft zur Weihnachtszeit.
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