Mönchengladbach: Die Seelsorge des Markt-Krämers
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 26.02.2007 - 12:45Für die meisten bringt er Lebensunterhalt, für manche ist er Lebensinhalt. Der Markt zieht an jedem Samstag und Mittwoch etliche Kunden ins Zentrum von Rheydt. Sie kommen bei jedem Wetter, denn sie sind oft nicht nur auf der Suche nach frischem Gemüse. Der Markt bietet ihnen etwas, was es im Geschäft nicht zu kaufen gibt: Heimatgefühl.
Die Striche vom Himmel verzerren den Anblick der Tulpen fast bis zur Unkenntlichkeit. Die Regentropfen prasseln wie an feinen Schnüren gezogen auf Rheydt herab. Es gießt aus Kübeln. Aber das treibt Marga Funken nur noch mehr an, als gäbe das miserable Wetter der Marktbeschickerin noch mehr Energie für den tristen Tag. Es ist Markttag in Rheydt, und jeder Samstag, wenn sich vor dem Rathaus die dutzenden Stände aufbauen, ist wie ein Feiertag für die 71-Jährige. „Seit ich 16 bin und selbst den Trecker vom Hof hierher fahren kann, bin ich da”, sagt sie ein bisschen wehmütig und stapelt Kisten auf den Anhänger. Und es klingt fast klagend, als sie hinterher schiebt: „Das ist doch meine Heimat.”
Es ist zehn Uhr, eine Zeit, zu der das Leben am Rheydter Marktplatz pulsiert. Hunderte Leute schieben sich durch die schmalen Gänge, vorbei an Gemüse, Käse, Wurst, Fleisch, Fisch, Gewürzen und Blumen. Seit mehr als 100 Jahren geht das so. Rheydt ist bekannt für seinen Wochenend-Markt, auch über die Grenzen Mönchengladbachs hinaus. „Viele unserer Stammkunden kommen aus dem ganzen Umland”, berichtete etwa Landwirt Peter Weifels. Und die kommen nicht nur wegen der Tomaten aus eigenem Anbau.
Sie verzichten auf die bequemere Variante des Einkaufs. Sie kehren den beheizten Supermärkten den Rücken, stattdessen kommen sie bei jedem Wetter hierhin. „Das Gemüse ist hier natürlich frischer”, erklärt Ferdinand Birke und packt ein paar Porreestangen in seinen Weidenkorb. Aber das allein ist es nicht, hier gelten andere Gesetze: Wenn Markt ist, dann ist Markt. „Das ist eine Institution”, erklärt Dagmar Krupa, die an jedem Samstag hier einkauft. „Wenn man aus Gladbach weggeht zum Studium oder so, trifft man hier seine Bekannten an jedem Wochenende.” Und gerade im Sommer, Hochsaison für den Markt, sei es ja das Beste, hier einzukaufen und sich dann in ein Straßencafé zu setzen.
Aber auch im Winter, selbst bei Minus-Temperaturen, boomt das Geschäft. „Einmal haben wir unseren Stand nicht aufgebaut, als es bitterkalt war”, erzählt Student Henning Becks (27), der als Verkäufer für den Lenßenhof arbeitet. „Die Kunden haben sich in der nächsten Woche böse beschwert.” Und wenn es stürmt, dann ist das für sie wie für die Verkäufer nur ein weiteres Gesprächsthema.
Georg Zimmermanns weiß das. Der Landwirt aus Wey bei Jüchen legt Wert auf den Kontakt zu seinen Kunden. Die Gespräche beim Verkauf gehen oft über den Austausch von möglichen Kochrezepten für den Blumenkohl hinaus. „Unglaublich, mit was für Problemen die Leute manchmal zu uns kommen”, erzählt der 51-Jährige, dessen Familie seit 1956 einen Stand beschickt. „Ich habe das Gefühl, dass wir für sie nicht nur Verkäufer, sondern auch eine Art Seelsorger sind. Und das gibt‘s eben nicht im Supermarkt, da bist du nur ‘ne Nummer in der Warteschlange an der Wursttheke.”
Neulich kam ein unglücklicher Single zu ihm. Er fragte Zimmermanns beim Kauf von frischen Möhren, was er denn tun könne gegen die Einsamkeit. „Ich riet ihm, immer dahin zu gehen, wo sich viele fröhliche Leute aufhalten”, holt er einen Tipp tief aus seiner Marktkrämer-Kiste. „Oder er soll einfach einen Tag lang hier bleiben.”
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