Mönchengladbach: Die Sozial-Stadt
VON HOLGER HINTZEN - zuletzt aktualisiert: 21.07.2008Mönchengladbach (RPO). Fast 200 Millionen Euro gibt die Stadt im Jahr für soziale Leistungen aus. Das ist eine riesige Summe – und doch nur ein Bruchteil dessen, was in Mönchengladbach für Soziales aufgewendet wird. Das zeigt ein Blick auf die „dicksten“ Posten und größten Dienstleister.
Wenn die Arbeitslosenquote überdurchschnittlich hoch, das Lohnniveau aber unterdurchschnittlich ist; wenn die Zahl der Rentenempfänger steigt, die Zahl der Erwerbstätigen aber nicht mitzieht – dann hat eine Stadt ein Problem. Mönchengladbach ist ein solcher Fall. Die Arbeitslosenquote lag von 1997 und 2006 zwischen 1,4 bis 4,4 Prozentpunkte über dem Landesschnitt. Das Lohnniveau war schon zu Textilindustrie-Zeiten eher unterentwickelt, folglich leben viele Rentner mit kleinen Bezügen am Rand des Existenzminimums. Die Scheidungsrate und die Zahl der Privatinsolvenzen sind überdurchschnittlich hoch; für viele der 7500 Alleinerziehenden und die 37 000 Hartz-IV-Empfänger ist der Kampf mit finanziellen Nöten Alltag.
Völlig alleine gelassen werden die Menschen mit ihren Problemen allerdings nicht. Kommune, Bund und Wohlfahrtsverbände geben pro Jahr hunderte Millionen Euro für soziale Leistungen und Dienste aus. Allein die Stadt zahlt dafür 200 Millionen. Hinzu kommen weitere 85 Millionen Euro des Bundes für Hartz-IV-Empfänger, schätzungsweise 50 Millionen Euro für Empfänger von Arbeitslosengeld I, Eigenmittel, die Wohlfahrtsverbände etwa aus Kirchensteuer und Spenden „mitbringen“, sowie die Personalkosten für etwa 1700 Mitarbeiter bei Stadt, Arge und Bundesagentur für Arbeit und weitere 1500 Mitarbeiter bei Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt. Ein Überblick:
Stadt Der Fachbereich Soziales ist mit gut 1000 Mitarbeitern ein „Schwergewicht“ im Personaletat der Stadtverwaltung: Jeder dritte Mitarbeiter ist dort beschäftigt – etwa 600 davon beim Jugendamt und in Kindergärten, beim Sozialamt 125.
Die Personalkosten des Sozial-Bereichs betragen annähernd 35 Millionen Euro im Jahr, die Ausgaben für Leistungen etwa 200 Millionen Euro. Die dicksten Ausgabenposten sind etwa 83 Millionen Euro, mit denen Hartz-IV-Empfängern die Wohnung finanziert wird. Die Stadt zahlt in diesen Fällen Mieten, Neben- und Energiekosten. 40 Millionen Euro fließen in Hilfen zur Erziehung – vom Beratungsgespräch für Eltern, über Besuche von Sozialarbeitern Familien mit Problemen bis hin zur Unterbringung von Kindern in Heimen und Pflegefamilien. Mit 65 Stellen und 2,3 Millionen Personalkosten schlägt dieser Aufgabenbereich zu Buchen. Für Kindertagesstätten – sowohl für die eigenen, als auch für die freier Träger wie Kirchen oder Elterninitiativen – gibt die Stadt inklusive Personalkosten 36 Millionen aus. Weitere 20 Millionen Euro wendet zahlt sie an alte Menschen, die mit ihrer Rente nicht auskommen.
Vergleichsweise gering sind da die Summen, die in eine Vielzahl weiterer sozialer Leistungen fließen. Die Arbeit mit Drogensüchtigen beispielsweise, die von Einrichtungen wie der Drogenberatung und dem Café Pflaster geleistet wird, unterstützt die Stadt mit 650 000 Euro.
Arge Die Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung (Arge) betreut seit 1. Juli 2005 die Bezieher von Arbeitslosengeld II, gewöhnlich als „Hartz-IV-Empfänger“ bezeichnet. Gemeinsame Träger der Arge sind die Stadt und die Agentur für Arbeit Mönchengladbach. Etwa 320 Mitarbeiter kümmern sich um die 37 000 Hartz-IV-Empfänger, die in 18 000 Mönchengladbacher Haushalten leben. 85,6 Millionen Euro hat die Arge im vorigen Jahr aus Bundesmitteln an Leistungen für den Lebensunterhalt an ihre Klienten ausgezahlt. Inklusive der 83 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel für die Wohnungskosten wurden Hartz-IV-Empfänger also mit 169 Millionen Euro unterstützt.
Bundesagentur für Arbeit Etwa 400 Angestellte der Agentur kümmern sich um Arbeitslose in der Stadt. Im Juni waren bei der Agentur in Mönchengladbach 14899 Arbeitslose gemeldet. Die Agentur zahlt aus Bundesmitteln das Arbeitslosengeld I aus. 2007 waren das 91,1 Millionen Euro – allerdings im gesamten Arbeitsamtsbezirk Mönchengladbach, zu dem auch der Kreis Neuss mit 14 652 Arbeitslosen gehört. (Eine Summe nur für Mönchengladbach konnte die Agentur nicht nennen.)
Freie Träger Vereine, Initiativen und Verbände, die oft auch mit großem Einsatz ehrenamtlicher und mitunter auch nur mit unbezahlten Helfer soziale Dienste erbringen, gibt es in Hülle und Fülle. Von eher kleinen Organisationen wie der Aids-Hilfe bis zum Verein Zornröschen, der sich um Opfer sexuellen Missbrauchs kümmert.
Andere Sozialorganisationen zählen dagegen zu den größeren Arbeitgebern in der Stadt. Der katholischen Caritasverband beschäftigt gut 600 Mitarbeiter. Er betreibt fünf Altenpflege- und Altenkrankenheime, bietet ambulante Pflegedienste und Hilfen an, ist Träger eines Kindergartens, einer Förderschule für Kinder mit geistigen Behinderungen, engagiert sich in der Frühförderung von Kleinkindern und in der Erziehungsberatung. Das evangelische Pendant, die Diakonie in Mönchengladbach, beschäftigt 350 Mitarbeiter in Pflegeheimen, in der Arbeit mit Obdachlosen und Drogenabhängigen, der sozialpädagogischen Familienhilfe und der Integration von Zuwanderern.
Ein weiterer „Großer“ ist die Arbeiterwohlfahrt, unter deren Dach in Mönchengladbach gut 500 Mitarbeiter ein großes Spektrum von der Erziehungsberatung, über ambulante Dienste für Senioren und Menschen mit Sucht- oder psychischen Problemen. Organisationen wie das Rote Kreuz mit 64 und Arbeitersamariterbund mit 28 Mitarbeitern (sowohl Vollzeit als auch Teilzeitkräfte) sind vergleichsweise klein.
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