Mönchengladbach: Die Streik-Chefin der Kitas
zuletzt aktualisiert: 15.06.2009Mönchengladbach (RPO). Mechthild Schratz führt den Verdi-Bezirk Linker Niederrhein. Ein Gespräch über Streiks in Kitas und Einkaufshäusern, die Strategie der Streikplaner, die Zukunft des Handels und die Frage, ob Eltern Verständnis für streikende Erzieherinnen haben.
Sie sehen müde aus. Ist streiken anstrengend?
Schratz Streik ist Arbeit. Vor einem Streik stehen viele Gespräche, Verhandlungen und Aktionen. Wir wollen ja den Arbeitgebern eine faire Chance geben, auf unsere Forderungen zu reagieren. Bleibt dieser stur, müssen wir Druck aufbauen. Über unsere Forderung für eine bessere Gesundheitsförderung im Sozial- und Erziehungsdienst sprechen wir mit den Arbeitgebern seit Jahresbeginn. Erst im Mai haben wir mit den Streiks begonnen. Gleichzeitig reden wir mit unseren Mitgliedern. Sie entscheiden, ob gestreikt wird. Erst wenn in einer Urabstimmung mindestens 75 Prozent Ja sagen , streiken wir.
Verraten Sie uns Ihre Streik-Strategie?
Schratz Ein Arbeitskampf findet erst dann statt, wenn der Arbeitgeber sich nicht bewegt. Dann muss Druck gemacht werden. Deshalb ist es wichtig, dass einige Betriebe auch über längere Zeit zumindest tageweise streiken. Das ist dieses Mal in Mönchengladbach der Fall. Gleichzeitig hatten wir viel Protestbereitschaft in Kitas, Offenen Ganztagsschulen und Sozialen Diensten in kleinen Städten und Gemeinden. Deshalb haben wir auch dort recht bald mit Streiks begonnen. Dafür fand dann in Krefeld die große Kundgebung mit 700 Streikenden statt.
Für berufstätige Eltern, die ihr Kind versorgt wissen wollen, ist ein Streik eine Katastrophe. Haben Sie Verständnis, wenn die Eltern sauer sind?
Schratz Ja, bei jedem Gespräch mit den Kollegen und Kolleginnen erinnern wir: Ihr müsst mit den Eltern sprechen. Dieses ist ihnen aber selbst ein persönliches Anliegen. Zudem informieren wir über Streiks an Kindergärten möglichst schon zwei Tage im Vorfeld. Aber wir haben den Eindruck, dass die Mehrheit der Eltern unseren Streik unterstützt. Viele Eltern wenden sich an Politiker und sagen, dass sie die Forderungen der Beschäftigten unterstützen sollen.
Wie das?
Schratz Die Eltern sehen sich auch ohne Streiks als die Leidtragenden, weil die Erzieher überlastet sind. Die Arbeit in Kindertagesstätten ist in den vergangenen Jahren viel belastender geworden. Die Gruppen sind zu groß und somit der Lärmpegel hoch. Die pädagogischen Fachkräfte müssen Kleinkinder wickeln und zugleich 20 bis 25 Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf im Alter von zwei bis sechs betreuen. Sie sollen als Profis in der frühkindlichen Bildung die Kinder individuell fördern, ihre Entwicklung beobachten und dokumentieren und Partner der Eltern sein. Das alles bei zu wenig Personal ist einfach nicht mehr machbar. Das sehen auch die Eltern. Und deshalb unterstützen Sie uns.
Um das Problem zu lösen, bräuchte man mehr Geld.
Schratz Natürlich geht es nebst Anerkennung auch um Geld. Es geht um die Frage, was uns die Bildung und Unterstützung unserer Kinder wert ist. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Die pädagogischen Fachkräfte identifizieren sich sehr stark mit ihrem Beruf. Deshalb haben sie die Belastung auch sehr lange ertragen. Ihr Limit ist jetzt erreicht. Hinzu kommt, dass der Arbeitgeber die sozialen Berufe durch schlechtere Eingruppierungen abwerten will. Zum Beispiel sollen die Erzieher trotz ihrer 4 bis 5 jährigen Ausbildungszeit nur noch mit rund 2000 Euro brutto einsteigen. Viele von ihnen haben zudem nur eine 60-Prozent-Stelle und somit nur ca. 800 Euro netto. Davon kann doch keiner leben und erst recht keine Familie ernähren.
Sie streiken auch im Handel. Da geht es vor allem um mehr Geld. Ist solch ein Streik angemessen in den Zeiten, wo Arcandor Insolvenz anmeldet?
Schratz Da, wo wir auf Grund von Umstrukturierungen oder bei finanziellen Problemen sowie bei Karstadt zu Lohnverzicht bereit waren, hat sich das auf die Zukunft des Unternehmens nicht ausgewirkt. Wenn Manager ihr Geschäft nicht können, liegt es nicht am Lohnverzicht, ob das Haus überlebt.
Aber die strukturellen Probleme des Handels machen Ihnen dennoch Sorgen?
Schratz Ja, der Handel hat sich in den letzten Jahren zum großen Teil bereits neu aufgestellt. Einige Unternehmer haben dieses verschlafen, wie die Pleiten der letzten Jahre es zeigen. Zudem gibt es eine ruinöse Wettbewerbspolitik. Discounter haben kleinere und mittlere Unternehmen in den Innenstädten verdrängt mit Billiglöhnen und auf Kosten der Menschen in Dritte Welt-Ländern. Der Handel wird sich weiterhin verändern, aber nicht verschwinden. Deshalb werden wir auch in Zukunft viele Beschäftigte dort haben, aber mit noch mehr Teilzeitarbeit und Niedriglöhnen.
Nicht nur der Handel ändert sich, auch die Arbeitswelt. Das führt auch dazu, dass die Gewerkschaften Mitglieder verlieren. Woran liegt das?
Schratz Es hat viele Ursachen. Wir spüren das demographische Problem. Es gibt viele Austritte aus Rentengründen, weil die Leute irrtümlicherweise meinen, dann bräuchten sie uns nicht mehr. Auch die hohe Arbeitslosigkeit kostet uns Mitglieder. Zugleich haben wir viele Eintritte, weil immer mehr erkennen, dass sie allein nichts erreichen können. Allein im letzten Jahr hatten wir in unserem Bezirk Linker Niederrhein 1.200 neue Mitglieder.
Als ver.di-Chefin stehen Sie bei Konflikten oft an vorderster Front. Streiten Sie eigentlich auch persönlich mal gerne?
Schratz Wenn ich will oder muss kann ich streiten. Über Sachthemen streite ich sogar sehr gerne. Denn im Austausch von Meinungen und Argumenten liegt Lerngewinn und Veränderungschance.
Dieter Hilla führte das Gespräch.
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