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Mönchengladbach: Die vielen Gesichter der Lohmühle

VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 31.07.2010

Mönchengladbach (RPO). Ein Denkmal mitten in der Stadt, und keiner kennt es: Wer die gut versteckte Lohmühle an der Bettrather Straße sehen will, muss sie suchen. Dabei hat das Gebäude in 172 Jahren eine bewegte Geschichte hinter sich. Heute zählt es zu den architektonischen Glanzlichtern der Stadt.

So sah die Lohmühle vor drei Wochen aus: Für die Konzertreihe Musik im Haus wurde das denkmalgeschützte Bauwerk künstlerisch illuminiert.   Foto: RPO
So sah die Lohmühle vor drei Wochen aus: Für die Konzertreihe Musik im Haus wurde das denkmalgeschützte Bauwerk künstlerisch illuminiert. Foto: RPO

Stadtmitte Es war einer der besten Tage der jungen Unternehmensgeschichte, als Dirk Kniebaum dieses Schild sah. Anfang des Jahrtausends kam er an der Bettrather Straße an einem Bauschild vorbei, auf dem die Architekten Offermann und Sillmanns verkündeten, dass das Baudenkmal Lohmühle frisch saniert und in Teilen neu gebaut werde.

Den Turm selbst hätte er ohne dieses Schild nie gefunden. Heute ist die Kanzlei Kniebaums und seines Partners Udo Bocks in dem historischen Turm untergebracht, den kaum ein Mensch mehr kennt. Weil er so versteckt ist. "Wir sind sehr glücklich, dass wir hier unser Domizil gefunden haben", sagt der Steuerberater Dirk Kniebaum. "Wir sind im Zentrum, und doch im Grünen." In einem historischen Gemäuer, das so ziemlich alle Geschichten der Stadt der vergangenen Jahrhunderte erzählt. Inklusive eines aberwitzigen Kaufpreises.

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Die Serie

Serie Jede Woche stellt die RP einen historischen Platz in der Stadt vor, der inzwischen eine andere Funktion hat.

Nächste Woche stellen wir das frühere Badhotel Odenkirchen vor.

Das versteckte Stück Stadtgeschichte begann im Jahr 1828, als der Gerber und Ledermacher Friedrich Wilhelm Deußen die Mühle nach dem Vorbild niederländischer Turmwindmühlen baute. "Sechs Minuten fern von der Stadt, nächst dem nach Bettrath führenden Broich." Damals stand die Mühle mitten auf dem freien Feld. Eine Zeichnung aus der Zeit zeigt, dass der Standpunkt günstig gewählt war. Wo, wenn nicht vor den Toren Windbergs sollte der Wind günstig stehen? Er wollte darin Lohe, also gemahlene Rinde von Fichten- und Eichenrinde, herstellen. Die waren wegen ihres Gerbsäuregehaltes von den am wasserreichen Niederrhein zahlreichen Gebereien besonders gefragt.

So sah die Lohmühle 2000 aus: Die Bauarbeiten haben gerade begonnen. Das Mauerwerk ist in katastrophalem Zustand.  Foto: RPO
So sah die Lohmühle 2000 aus: Die Bauarbeiten haben gerade begonnen. Das Mauerwerk ist in katastrophalem Zustand. Foto: RPO

Die Mühle mahlte allerdings nur rund 70 Jahre. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, vielleicht auch schon ein wenig früher – so genau geben das die Unterlagen nicht her – wurde der Mühlbetrieb eingestellt. Und die wechselhafte Geschichte der Lohmühle begann. Ab 1907 nutzte ein Schreiner den Turm als Lager und Werkstatt. Und ab 1932 taucht die katholische Hauptpfarre St. Mariä Himmelfahrt erstmals in den Stadtbüchern als Eigentümerin der Mühle auf. Nach Einschätzung von Experten soll eine wohlhabende Familie das Bauwerk der Pfarre vermacht haben. Überliefert ist dies nicht.

Die Kirche hatte mit dem Gebäude ihre eigenen Pläne: Sie überließ sie der Jugendorganisation Neu-Deutschland (ND) für ihre Jugendarbeit. Lange blieb die allerdings nicht dort drin. 1939 verboten die Nationalsozialisten die Organisation und benutzte die Mühle im Zweiten Weltkrieg auf ihre Weise – als Reifenlager für die Hitlerjugend.

So sah die Lohmühle im Mai 1999 aus: Das Mauerwerk ist von Feuchtigkeit und Pilzen befallen, Bäume wachsen aus den Fugen.  Foto: RPO
So sah die Lohmühle im Mai 1999 aus: Das Mauerwerk ist von Feuchtigkeit und Pilzen befallen, Bäume wachsen aus den Fugen. Foto: RPO

Bei den zahlreichen Bombenangriffen auf Mönchengladbach erwischte es auch die Mühle. Eine Brandbombe traf das Bauwerk, Holzdecken und die schweren Balken brannten völlig aus. Nur Reste der Mauer überlebten das Inferno. Nach dem Krieg erhielt die Mühle den Grundriss, den sie auch heute noch hat. Der Turm selbst blieb vorerst eine Ruine, dafür wurden die Räume ringsum wieder hergestellt, die "Vorburg".

Im Frühjahr 1959 gründete sich der "Turmgemeinde Mönchengladbach e.V." und sammelte Spenden und Zuschüsse aus dem Bistum und vom Landschaftsverband Rheinland, um den Turm wieder aufzubauen. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis die Eröffnung im Oktober 1960 gefeiert wurde – als Jugendheim. Damals wurde jedoch mit solch ungeeigneten Baumaterialien gearbeitet, dass über die Jahrzehnte die Mauer Feuchtigkeit wie ein Schwamm aufsaugte. Schimmelpilze breiteten sich aus, so dass die Jugendeinrichtung bald das Gebäude räumen musste. Das Baudenkmal im Besitz der Hauptpfarre verfiel zusehends. Die Kirche sah keine andere Möglichkeit, als es zu verhökern. Der Kaufpreis nach Auskunft der Hauptpfarre: eine Mark. Wenig später stellten die Architekten Offermann und Sillmanns jenes Schild auf, an dem Dirk Kniebaum einst vorbeifuhr.

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Quelle: RP

 
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