Mönchengladbach: Die Wiedervereinigung
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 05.01.2010Mönchengladbach (RPO). Warum Mönchengladbach ist, wie es ist: In einer Serie stellt die Rheinische Post Schlaglichter der Mönchengladbacher Geschichte vor, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen. Heute: Wie nach langem politischen Poker aus Gladbach, Rheydt und Wickrath wieder eine Stadt wurde.
Es ist ein Ortsschild, das so in Deutschland wohl einmalig ist. Es steht an der Brucknerallee, darauf steht "EineStadt", mit dem Zusatz "Mönchengladbach". Was für Unwissende wohl ziemlich selbstverständlich ist, erinnert an einen Streit, der am 1. Januar 1975 sein nicht für alle Beteiligten glückliches Ende nahm. Dies war der erste Tag der neuen Stadt Mönchengladbach, zusammengeschlossen aus den Städten Gladbach, Rheydt und der Gemeinde Wickrath.
Die Wiedervereinigung sozusagen, der ein mehrjähriger politischer Poker vorausgegangen war. Für nicht wenige ging es um Stolz und den befürchteten Verlust ihrer Heimat. Bis zum Ende war die Rede von "Vaterstadtverrat".
Dass Gladbach und Rheydt sinnvoller Weise eigentlich schon seit 150 Jahren zusammen gehören sollten, das hat der Historiker Hans Walter Hütter in seiner Doktorarbeit herausgestrichen. Doch so selbstverständlich dieser Fakt auch sein mag, zumindest in Rheydt und vor allem im zum Kreis Grevenbroich gehörenden Wickrath dachte die Mehrheit stets mit Magengrummeln daran. Noch im Februar 1974 verkündete Wickraths Bürgermeister Konrad Bäumer: "So lange wir Wickraths Selbstständigkeit verteidigen können, tun wir das."
Das war Wickraths patzige Antwort auf einen Neugliederungsvorschlag, der aus dem NRW-Innenministerium kam. Monatelang hatten die Beamten von Minister Willi Weyer die Kommunen im Land bereist und für ihn Vorschläge erarbeitet. Die Mönchengladbacher Lösung war eindeutig: Gladbach plus Rheydt plus Wickrath. Manchen ging das noch nicht weit genug.
Doch Überlegungen, auch gleich noch Korschenbroich, Liedberg oder Jüchen mit in die neue Stadt zu nehmen, waren nicht durchsetzbar, obwohl laut Hütter "zahlreiche Gründe dafür gesprochen hätten". Der Innenminister setzte seine Frist bis zum 10. März 1974, bis dahin sollten Gebietsänderungsverträge vorliegen. Doch das war im heutigen Mönchengladbach nicht einfach. Die Räte beider Städte behielten ihre Jahre zuvor gefasste Linie zunächst aus taktischen Gründen bei, sich nicht wiedervereinigen zu wollen.
Wickrath war ohnehin wild entschlossener Gegner. Die ehemals stolze Reichsherrlichkeit befürchtete, zu einem schlichten Anhängsel degradiert zu werden. Doch der Neugliederungsprozess ließ sich nur schwer aufhalten. Wenn schon neuordnen, dann wenigstens mitreden.
Wickrath setzte sich mit an den Verhandlungstisch, unterstützte jedoch gleichzeitig die "Aktion Bürgerwille" mit 5000 Mark, um ein Volksbegehren zu ermöglichen. Die Landesregierung stimmte zu, wenn 2,4 Millionen Unterschriften aus den Kommunen NRWs zusammenkämen. Vom 13. bis 27. Februar 1974 waren die "Wahllokale" geöffnet. Es kamen landesweit nur 720 000 Unterschriften zusammen, aber die Zahlen in der Stadt geben ein deutliches Bild wider: In Gladbach unterzeichneten ganze 85 Bürger, in Rheydt 7666 (10,8 Prozent), und in Wickrath 5516 (55,6 Prozent). Der letzte Ausweg war gescheitert, nun musste man sich auf eine "Ehe zu dritt" einlassen.
Die Ratsfraktionen der drei "Bräute" legten Gebietsänderungsverträge vor, die heftig umstritten blieben, in der Folgezeit jedoch verhandelt wurden. Größtes Hindernis blieb jedoch der Name der neuen Stadt. Mittlerweile gingen aus der Bevölkerung Vorschläge ein wie "Niersia", "Textilia", "Zweistadt", "Rheybach" oder "Vitusau".
Die Frist des Ministers verstrich, ehe man sich auf Druck aus Düsseldorf und unter der Mitarbeit Franz Meyers' doch noch einigte: Am 29. März 1974 unterzeichneten Wilhelm Elbers (Oberstadtdirektor Gladbach), Helmut Freuen (Oberstadtdirektor Rheydt), Wolfgang Krane (Gemeindedirektor Wickrath) im Beisein der (Ober-)Bürgermeister Wilhelm Wachtendonk (Gladbach), Fritz Rahmen (Rheydt) und Konrad Bäumer (Wickrath) den Änderungsvertrag.
Darin war auch der neue Name der Stadt genannt: Mönchengladbach. Alle Räte stimmten noch zu, in Rheydt war die Mehrheit allerdings denkbar knapp – am neuen Namen wäre der Vertrag in der Abstimmung beinahe noch gescheitert. 1973 hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache noch vorgeschlagen: "Der Name sollte kurz und prägnant sein." Allein das ging wohl schief.
Zum Weiterlesen: Hütter, Hans-Walter: Die kommunale Neuordnung im Raum Mönchengladbach/Rheydt, in: Mönchengladbach 25 Jahre nach der kommunalen Neugliederung; und: Mönchengladbach – 10 Jahre danach; und: Löhr, Wolfgang (Hg.): Loca Desiderata, Band 3.1.
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