Hehnerholt: Dreck und Weltkunst
VON NADINE FISCHER - zuletzt aktualisiert: 19.12.2009Hehnerholt (RPO). Fesche Haarschnitte gab es beim Acker Pitter im Salon, die Kinder spielten draußen auf der Burestraat und wer im Kindergarten nicht spurte, den sperrten die Nonnen in den Heizungskeller. So war das früher in Hehnerholt.
Irgendeinen Grund muss es doch geben. Gelten für Friseure vielleicht in Hehnerholt besonders niedrige Ladenlokalmieten? Ist das Trinkwasser dort womöglich mit haarwuchsfördernden Stoffen angereichert? Oder sind die Anwohner einfach nur eitel? Wer weiß. Jedenfalls existieren im Dorf in einem Umkreis von 500 Metern ganze vier Friseursalons.
"Das ist aber erst seit der Neuzeit so", sagt Hans Willi Beckers. Früher, als der 70-Jährige noch ein Kind war, gab es nur den "Acker Pitter". Dieser Coiffeur war vor allem beim Nachwuchs nicht sonderlich beliebt. "Als Kind musste man da manchmal stundenlang warten", erzählt Beckers. "Wenn Erwachsene in den Laden kamen, hat er die immer noch vorher drangenommen."
Aber das gehört ja jetzt zur Vergangenheit – so wie die Mühle, das Franziskanerkloster, die Bauernsiedlung und der Lammes Saal, in dem in den 70er Jahren Heino und die Bläck Fööss auftraten. Auch die Karnevalsgesellschaft ist verschwunden, die sich um 1920 bei ihrer Namensgebung vom Dorf inspirieren ließ. "Die Karnevalsgesellschaft hieß Gehölter Dreckträner", sagt Hans Heynckes. Übersetzt heißt das "Holter Dreckstreter". Wenn die Holter nach Hehn wollten, gingen sie durch Hehnerholt.
Die Straße war je nach Wetter immer so matschig oder staubig, dass sie dreckige Schuhe bekamen – so entstand der Name der Gesellschaft, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg mangels Mitglieder auflöste. Auch die Kinder müssen damals oft wie Dreckspatzen ausgesehen haben, denn "früher haben wir immer auf der Straße gespielt", erzählt Hans Willi Beckers.
Nicht nur auf der Straße Hehnerholt ließen die Kinder dann die Kreisel hüpfen, sondern auch nebenan am Holter Kreuz. "Das war die Burestraat, die Bauernstraße", sagt Beckers. Dort wohnten während seiner Kindheit zehn Bauern, heute ist die Landwirtschaft verschwunden. Ihr Getreide gaben die Bauern in der Hehnerholter Mühle ab, die mittlerweile geschlossen ist. Hans-Peter Jansens Großvater arbeitete einst als Müller im Ort.
"Das war hier um 1938 der erste elektrische Mühlenbetrieb, den es in Holt gab", weiß der Enkel. Sein Opa muss ein sehr fortschrittlich denkender Mann gewesen sein: "Er hatte auch das erste Telefon in Holt, und den ersten Kraftstrom", sagt der 65-Jährige. In der alten Mühle hat sich Hans- Peter Jansen seine Glaserei- und Malerei aufgebaut, unter anderem hat er an der Kirche St. Michael Holt Glasfenster repariert. Die Kirche gehört zwar ganz Holt. Aber "sie steht auf Hehnerholter Boden", sagt Hans Heynckes.
Vor dem Gotteshaus liegt die Aachener Straße, auf der anderen Seite Engelsholt. Bis auf eine eigene Notgemeinschaft teilt sich Hehnerholt mit Engelsholt die Vereine wie die KG Immer lustig oder die Bruderschaft St. Michael. "Wir sind da wie eine große Familie", meint Franz Flesser – doch ab und zu würden sich die Bewohner der beiden Ortsteile auch mal foppen.
Flesser spielt im Holter Schützenwesen eine ganz besondere Rolle: Er war in diesem Jahr zum dritten Mal König nach 1972 und 1995. Damit ist er der erste Kaiser der 148 Jahre alten Bruderschaft. Auch einen Prinzen können die rund 4000 Hehnerholter vorweisen, Hans-Peter Jansen regierte 1989 als Stadtprinz im Karneval. Und dann haben die Dörfler ja auch noch Weltkunst zu bieten: "Weltkunst" ist der Titel der Skulptur nach einem Entwurf von Jürgen Kronen, die auf der Insel im Hehnerholter Kreisverkehr steht. "Die Skulptur ist ein Schmuckstück", findet Hans Heynckes. Vier Kugelsegmente aus Edelstahl auf schmalen Stäben umfassen einen Baum.
Ziemlich am Anfang der rund 1200 Meter langen Straße Hehnerholt steht das Stahlobjekt, weiter hinten in Richtung Hehn haben die Bewohner ihr 1870 erbautes und 1961 renoviertes Dorfkreuz. Außerdem gibt es entlang des Weges die vier Friseure, einen Bäcker, den Glaser, zwei Kindergärten, vier Gaststätten und zwei Caritas-Heime.
Etwa auf gleicher Höhe der Caritas, nur auf der anderen Straßenseite, lebten bis 1980 Franziskanerinnen in ihrem Kloster. Ihr Kindergarten war bei Hans Willi Beckers kaum beliebter als Acker Pitters Friseurladen: "Wer nicht spurte, wurde von Schwester Elina in den Heizungskeller gesperrt", erzählt er.
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