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Högden: Ein Dorf als Denkmal

VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 30.05.2009

Högden (RPO). Wo der Jaucheduft von vier Seiten weht: In dem 80-Seelen-Dorf Högden geht es stets betulich zu. Außer im Mai, wenn das Maibäumchen geholt wird. Und im Dezember, wenn Starkstrom gebraucht wird.

Zeit spielt keine Rolle: Im kleinen Högden kann man sich nicht aus dem Weg gehen.  Foto: Detlef Ilgner
Zeit spielt keine Rolle: Im kleinen Högden kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Foto: Detlef Ilgner

Dem Mann im Einwohnermeldeamt in Rheydt fiel vor Schreck fast der Stift aus der Hand. Dabei hatte der damals noch junge Erich Otten ihm nur pflichtbewusst mitgeteilt, wo er künftig zu wohnen pflegt: "In Högden." Der Beamte kratzte sich am Kopf: "Wo ist dat dann?" Der geübte Giesenkirchener würde darauf antworten: Da hinten auf dem Land, wo es mehr Kaninchen und Hühner als Einwohner gibt und der Wind von vier Seiten weht. Das ist schon mal ein Anhaltspunkt. Wer in Högden wohnt und Lebensmittel haben will, braucht zumindest mal ein Auto. Oder eben Hühner.

Otten, der Hobby-Archäologe, präzisiert weiter: "Westen ist römisch, Osten ist römisch, und hier und da gibt es ein paar alte Gräber." Nach Funden des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege ist Högden nämlich mehr als 2500 Jahre alt, ein Denkmal also. Stimmt das, dann hat sich das Kaff bis heute jedweder städtebaulichen Entwicklung erfolgreich widersetzt. Es liegt immer noch eingekesselt von vier Feldern, was Högden den Spitznamen "Luftkurort" einbrachte. "Der Jaucheduft und der Wind kommen eben von vier Seiten", sagt Otten. Im Winter kann es deshalb ziemlich kalt werden. Zur Not hat Otten noch ein altes Öfchen in seinem Fachwerkhaus stehen.

Erich Otten hat sein abbruchreifes Haus denkmalgerecht saniert. Foto: Detlef Ilgner

80 Seelen leben in dem Nest auf dem Giesenkirchener Land. "Hier ist es so schön einsam", sagt Erich Otten, der 1971 von Geneicken nach Högden zog und deshalb sagt: "Ich bin noch nicht lange hier." Zeit ist eben nicht alles, schon gar nicht in Högden. Viele der Bauten sind Fachwerkhäuser, einige von ihnen an die 200 Jahre alt. Neben einem Haus, das bedrohlich müde aussieht, hat ein Bewohner eine Photovoltaik-Anlage auf das Dach seiner Garage gebaut. Könnte ja sein, dass der Strom es mal nicht bis nach Högden schafft? Immerhin läuft er in dem Dorf schon seit 1984 unterirdisch. "Högden ist gegenüber früher einfach modern geworden", sagt Otten. Geblieben ist aber der St.-Martins-Brauch: Kurz vor dem 11. November wird bekannt gegeben, wie viele Kinder im Dorf wohnen. Obwohl sich diese Zahl seit Jahren ziemlich konstant bei acht hält, warten die Högdener bis dahin mit dem Kauf von Süßigkeiten und Geschenken für die kleinen Martinssänger.

Die Wasserpumpe ist heute nur noch Dekoration. Foto: Detlef Ilgner

Einen der ältesten Bewohner Högdens nennen sie ihren Bürgermeister. Theo Effern hat sich diesen "Titel" als Bauer und Zimmermann nach Jahren der Hilfe und vielen Reparaturen für quasi jeden Bewohner verdient. Und er war es auch, der ein skurriles Geheimnis in Högden lüftete.

Es ist fast zwei Jahrzehnte her – nach Högdener Zeitrechnung also etwa vorgestern – da staunten die Bewohner über nächtliche Besucher in ihrem Dorf. Betrunken waren sie und klingelten auch noch, dabei hatten sie sich in der Tür geirrt. Mit der Zeit fanden Theo Effern und ein Bekannter heraus: Die Fremden wollten eigentlich in ein Bordell, das sich klammheimlich am Ortseingang niedergelassen hatte. Die Högdener starteten eine Unterschriftenaktion, und bald war das Freudenhaus wieder verschwunden. Högden hatte nachts wieder seine Ruhe.

Quelle: RP

 
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