Mönchengladbach: Ein Gipfelstürmer am Niederrhein
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 28.01.2010Mönchengladbach (RPO). In der ausverkauften Kaiser-Friedrich-Halle sprach Bergsteiger-Legende Reinhold Messner über seine zahlreichen Grenzgänge, seine Bergmuseen und den Gletscherschwund in den Alpen. Der aktuelle Kinofilm "Nanga Parbat" über den Tod seines Bruders kam nur kurz zur Sprache.
Die höchste Erhebung in Mönchengladbach? Nein, den "Monte Klamotte" kenne er nicht, sagt Reinhold Messner. Doch Deutschlands höchster Trümmerberg ist mit seinen 133 Metern auch ein Leichtgewicht im Vergleich zu den zahllosen Bergriesen, die der Extremsportler im Laufe von 30 Jahren bezwungen hat. Dass sich die Interessen und Leidenschaften des 65-Jährigen jedoch mitnichten nur auf das Bergsteigen beschränken, stellte Messner gestern mit seinem Vortrag "Passion for Limits – Leidenschaft für Grenzen" in der Kaiser-Friedrich-Halle unter Beweis.
In der Reihe "Pioniere der Welt in Mönchengladbach", die der Initiativkreis Mönchengladbach ins Leben gerufen hat, durchstreift Messner an diesem Abend in loser Chronologie sein imposantes Lebenswerk. Er erzählt von seiner Kindheit in den Dolomiten ("Die Welt war nicht größer als unser Tal; es gab weder Schwimmbad noch Fußballplatz, also mussten wir Felsklettern"), berichtet, wie die Alpen bereits mit 25 Jahren keine Herausforderung mehr für ihn darstellten.
Reinhold Messner
Geboren 17. September 1944 in Villnöss bei Brixen (Südtirol).
Bergsteiger-Karriere Messner bestieg als Erster alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffgerät sowie die "Seven Summits", insgesamt 3500 Bergbesteigungen. Anschließend durchquerte er Stein- und Eiswüsten, etwa die Antarktis über den Südpol.
Politiker 1999 bis 2005 für die Grünen im Europaparlament.
Demut vor der Natur
Laufen die Video-Einspielfilme, blickt Messner mürrisch, fast teilnahmslos drein, doch sobald er spricht, tritt ein Leuchten in seine Augen – das ist sie, die Leidenschaft für Grenzen und deren Überschreitung, die ihn treibt. Man kann sie spüren, wenn Messner sagt, dass es einem Tanz ähnele, wenn Finger und Fels eins werden.
Kritiker werfen dem Südtiroler oft vor, er sei ein Meister der Selbstvermarktung und habe ein Ego wie ein Berg – doch an diesem Abend wirkt Messner unprätentiös, fast demütig, wenn er von den Naturgewalten spricht, denen er sich ausgesetzt hat, und der Angst, die der "Grenzgänger" – so bezeichnet er sich selbst – stets im Gepäck hat. Und der Autor von mehr als 50 Büchern verbeugt sich auch nicht vor sich selbst, sondern huldigt seinen Pionier-Vorgängern – etwa George Mallory und Andrew Irvine, die 1924 beim Versuch, den Everest zu erklimmen, starben.
"Ich will Ihnen von den mentalen Hintergründen erzählen, die mich angetrieben haben, nicht von den Rekorden und Sensationen", verspricht Messner – und hält Wort. "Extremes Bergsteigen ist eine Kunst, eben weil man darum umkommen könnte", sagt er. Aber auch: "Niemand könnte aus der Höhe von Mönchengladbach ohne akribische Vorbereitung auf den Everest steigen, auch ich nicht."
Messner berichtet von seinen fünf Bergmuseen, die er in den Alpen errichtet hat, um die verschiedenen Aspekte der Begegnung zwischen Berg und Mensch aufzuzeigen, von seiner Stiftung, die Bergvölker unterstützt, von seiner Öko-Landwirtschaft. Und er gibt sich als Kämpfer gegen die Erderwärmung, spricht mit großer Besorgnis etwa von schmelzenden Gletschern. Den aktuellen Kinofilm "Nanga Parbat" über den Tod seines Bruders streift er hingegen nur kurz, ebenso wie den Yeti, der offenbar bei jedem öffentlichen Auftritt Messners Erwähnung finden muss.
Doch immer wieder beweist der 65-Jährige auch Humor und Selbstironie, etwa dann, wenn er erzählt, wie ein Sturz von der Gartenmauer seines Hauses seine Nordpol-Überquerung verhinderte. "Ich bin oft gescheitert und habe dabei mehr gelernt als bei meinen Erfolgen", sagt er. Und überzeugt vielleicht am meisten dadurch, dass er zugibt, dass es auch für ihn unüberwindbare Hindernisse gab – etwa den Cerro Torre in Patagonien. "Und jetzt setzt mir das Alter gewisse Grenzen", sagt er zum Schluss. "Aber eines weiß ich: Ich werde mir immer neue Aufgaben setzen."
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