Mönchengladbach: Ein Kostüm für die erste Sitzung
VON MEYEL LÖNING - zuletzt aktualisiert: 26.01.2011Mönchengladbach (RPO). Meyel Löning, 24 Jahre alt, kommt aus Ostfriesland und hat bislang nur "Fasching" erlebt und als Grundschüler ein Winnetou-Trauma erlitten. In den kommenden Wochen möchte er den richtigen Karneval erleben und berichtet in dieser Serie exklusiv von seinen jecken Erlebnissen.
Mein Karneval ist der Bruch mit Winnetou. Eine schwarze Perücke, frisch in die Ecke geworfen. Diese blöde Perücke! Sie ziept, sie kratzt, sie juckt. Wenn ich nach rechts schaue, sehe ich Haare. Nach oben – Haare. Überall Haare! 1994 dürfte das gewesen sein, in der Grundschule Egels, ein Stadtteil von Aurich, dem Herzen Ostfrieslands. Eine Region, die viel mehr kann als man ihr oft zutraut. Eines kann sie aber wirklich nicht: Karneval. Ich habe meine Perücke gehasst. Meine Wut-Tränen vergoss ich an "Fasching". Danach habe ich mich nie mehr verkleidet. Wut-Tränen bleiben im Kopf. Jetzt möchte ich als Karnevalsreporter für die RP den richtigen Karneval erleben. Los geht's.
Dieses Projekt bedarf einer professionellen Vorbereitung. Wenn ich etwas mache, dann richtig – auch an Karneval. Noch bevor ich von meinem Reporterglück wusste, blätterte ich in Bernd Gothes Karnevalsbuch über Mönchengladbach und Rheydt. Ich weiß, was Halt Pohl heißt. Ich weiß, dass die Stadt bei der öffentlichen Suche nach einem Karnevalsruf nur knapp an "Husch Husch" vorbeigeschrammt ist. Kurz: Ich bin bereit für Karnevalsstammtische. Und ich habe schon meinen ersten Karnevalsorden, die KG "Schöpp Op" zeichnete mich kürzlich aus.
Das Wichtigste aber fehlt: mein Kostüm. Im Karnevalsmarkt nebenan geht die Suche los. Entschlossen frage ich die erste Verkäuferin. "Ich bin Ostfriese und feiere mein erstes Karneval. Können Sie mich beraten?" Als kleine Hilfe verkünde ich noch ganz stolz, dass ich "bunt oder lustig und nicht gruselig sein möchte". Eine Hommage an Splatter-Legende Freddy Krueger habe ich also feierlich ausgeschlossen – mehr nicht.
Ich konnte ja nicht ahnen, wie groß das Angebot ist. Ein kleiner Einblick in die Odyssey: Pilot – zu blau. Neptun – zu grün. Kapitän (ich komme schließlich vom Meer) – zu steif. Hippie mit großer Perücke – zu Winnetou. Räuber Hotzenplotz – zu Winnetou. Gorilla – zu Winnetou. Das Trauma, da ist es wieder, Hilfe. Es ziept, es kratzt, es juckt – schon im Kopf. Das Winnetou-Trauma – jähes Ende der Karnevalsserie? Natürlich nicht. Die Verkäuferin hat eine Idee, bringt mir ein wunderbares (Karnevalstusch) – Wikinger-Kostüm.
Der Ostfriese, der sein Studium für ein halbes Jahr sogar ins skandinavische Kopenhagen verlegt hat, als Wikinger – überragend. Eine Kappe mit blonden Zöpfen. Ein paar haarige Puschen. Und eine Axt. Und was für eine. Damit werde ich Karnevalsanfänger meinen niederrheinischen Kollegen schon etwas entgegenzusetzen haben.
Ich bin bereit für meine erste Sitzung. Karnevalsgrößen wie Brings, Bläck Föös und Bernd Stelter – und mittendrin ich, der Wikinger aus Ostfriesland. "Kniet nieder, ihr Städter, der Bauer ist zu Gast", höre ich mich einen Sprechchor der Fans vom ostfriesischen Fußballklub Kickers Emden rufen. Oder lieber doch nicht. Zum einen, weil ich unwahre Ostfriesen-Klischees nicht auch noch aufwärmen möchte. Zum anderen, weil ich bei meinem Kostüm auf eine Hose verzichtet habe. Das Wikingergewand ist lang genug – zu Winnetou, Sie wissen schon.
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