Mönchengladbach: Ein Park mit Geschichte
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 23.06.2010 - 15:25Mönchengladbach (RPO). Die einzige Konstante ist das Wasser: Wo heute die Odenkirchener durch den Park spazieren, stand früher einmal die Beller Mühle und für rund 50 Jahre ein großes Freibad. Beide sind heute nur noch auf alten Fotos zu sehen. Bloß die Niers ist geblieben.
Nichts erinnert im Beller-Mühle-Park mehr an die dramatische Nacht zum 31. August 1943. Die Nacht, in der ein Stück Geschichte einfach niederbrannte. Es ist einer der ersten wirklich warmen Tage im Jahr 2010.
Männer fotografieren die Enten auf dem Wasser, Gärtner der Stadt machen Pause auf einer Bank, Kinder spielen auf einem Klettergerüst, die Niers fließt träge ihren Weg. Keiner hat Lust, sich mehr als nötig zu bewegen. Nur ab und zu durchbrechen Stimmen das Gezwitscher der Vögel.
In der Nacht zum 31. August 1943 ist es laut und die Menschen rennen, als gehe es um ihr Leben. Es geht um ihr Leben. Die Alliierten haben Bomben auf Mönchengladbach fallen lassen, auf Odenkirchen, auf die Honschaft Bell. Und eine dieser Bomben trifft die Beller Mühle an der Niers und das angrenzende Wohnhaus.
Der damals kaum 13-jährige Willi Korsten hat in dieser Nacht bereits geholfen, das Haus seiner Eltern mit Wasser und Sand zu löschen und das der Nachbarn. Dann ruft ihn der Bewohner der Mühle zu sich: „Willi, hilf mir mal.“ Es wird bereits Tag und die Mühle ist längst niedergebrannt, doch das Wohnhaus steht noch in Flammen. Immer wieder rennen Willi Korsten und seine Freunde ins Haus, um Wäsche aus dem Schlafzimmer zu holen. Dann lässt die Feuerwehr sie nicht mehr hinein. Was bleibt, ist Schutt.
Wie lange die Wassermühle dort gestanden hat, weiß niemand so genau. Erbaut wurde sie aber wohl noch vor 1700. Jahrhundertelang brachten die Bewohner aus dem Umland ihren Raps zur Mühle, der Lohmüller presste daraus Rapsöl, das die Leute wieder mitnahmen. Als die Stadt Odenkirchen 1927 das Gelände samt Mühle kauft, ist sie längst nicht mehr in Betrieb.
Wo heute vermutlich ein Museum eingerichtet worden wäre, nutzt die Stadt die Räume für einen banalen Zweck: Die Gärtner lagern dort ihre Geräte. 1940 nisten sich dort Soldaten ein, die vom Polenfeldzug zurückgekehrt sind und sich auf den Westfeldzug vorbereiten. Dreieinhalb Jahre später ist die Mühle nur noch ein Gebäude, das auf Fotos existiert.
Das Schwimmbad auf der anderen Seite der Niers wird beim Luftangriff nicht beschädigt. Seit 1928 steht es dort. Die Bauarbeiter haben eine Lore nach der anderen mit Erde in das sumpfige Gebiet gekarrt, ein hundert Meter langes Becken ausgehoben, eine Tribüne für 2500 Zuschauer gebaut, einen Sprungturm und eine Rutsche. Die fällt bei einem Sturm 1938 um und wird nicht wieder aufgebaut.
Der Schwimmmeister kommt im Wohnhaus der Mühle unter, nach der Zerstörung vorübergehend im Kassenhäuschen. Die Odenkirchener und besonders die Beller sind stolz auf ihr Bad, am Eingang prangt das Wappen der Stadt. Als Odenkirchen seine Selbständigkeit verliert, wird das Wappen durch das der Rheydter ersetzt. Das finden die Odenkirchener überhaupt nicht gut und beschmieren es mit Pech.
Das Schwimmbad zieht Besucher aus dem ganzen Umland an. An manchen Tagen drängeln sich 7000 Menschen im Wasser und auf der Wiese. 1948 ist das Bad sogar Austragungsort der Deutschen Meisterschaft im Schwimmen und Turmspringen. Jahrzehnte lernen Odenkirchener dort schwimmen. Dann werden 1975 Rheydt und Mönchengladbach zusammengelegt und die Stadt hat zu viele Bäder. Die Beller protestieren, sammeln Unterschriften – es hilft nichts. 1981 wird das Bad abgerissen.
Stattdessen bekommen die Bewohner Mitte der 80er ein Naherholungsgebiet: einen Park mit kleinen Seen, Brücken, Spielplatz. Es ist das zweite Mal, dass die Beller ein Stück Geschichte verlieren.
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