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Mönchengladbach: Ein Tag wie kein anderer

VON LESLIE BROOK, LAURA LOTZ, GARNET MANECKE, LENA STEEG UND - zuletzt aktualisiert: 09.03.2011

Mönchengladbach (RPO). Fast 400 000 Jecken waren in der Stadt – wir haben einige von ihnen begleitet. Wie sie den Veilchendienstagszug erlebt haben, erzählen ein Musiker aus Schwäbisch Hall, ein Treckerfahrer aus Rath-Anhoven und sein Enkel, eine Bezirksfrau von Verdi und der kleine Kamellesammler Jonas (8). In Rheydt war es zur gleichen Zeit merkwürdig ruhig.

3 Uhr Werner Bucksch ist abfahrbereit. Mit seinen 43 Kollegen vom Musikzug TSV Sulzdorf macht er sich auf den Weg zum Bahnhof von Schwäbisch Hall. 3.55 Uhr Die Mannschaft sitzt im Bus. Die ersten Stimmungsschlager hallen aus den Boxen. Die Truppe freut sich: "Karneval in Gladbach ist immer etwas Besonderes", sagt Werner Bucksch. 5 Uhr Der Wecker klingelt bei Stephanie Peifer in Duisburg. Und sofort stellt sich dieses Gefühl ein: Heute ist ein Feiertag. Für die Frauen. Und für die Jecken.

5.55 Uhr Landwirt Johannes Wyen füttert die Tiere auf seinem Hof in Rath-Anhoven. Dann frühstückt er selbst und trinkt dazu ein Tässchen Kaffee – genau wie jeden Morgen. 6.10 Uhr Stephanie Peifer ist nach 60 Kilometern Fahrt in Gladbach angekommen und checkt ihre E-Mails im Arbeitslosenzentrum an der Rheydter Straße. Das ist auch alles, was an diesem Tag an den Arbeitsrhythmus der stellvertretenden Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Linker Niederrhein erinnert.

7.10  Uhr Johannes Wyen putzt den grünen Trecker Fendt 611, sammelt Kamellen vom Vortag im Fahrerhäuschen auf und wäscht seinen Trecker aus. Erst als alles sauber ist, macht er sich auf den Weg, um seinen Enkel Jonas Holz abzuholen. 7.30 Uhr Kamellesammler Jonas (der hier im folgenden Jonas II genannt wird, damit er nicht mit Enkel Jonas verwechselt wird) schlägt die Augen auf. Obwohl er heute nicht in die Schule muss, ist der Achtjährige früh auf den Beinen. Bis zum Veilchendienstagszug gibt es schließlich noch viel zu tun. 8 Uhr Für Birte Kohlen beginnt ein ganz normaler Arbeitstag.

Pünktlich schließt die Filialleiterin die Tür zur Maxmo-Apotheke an der Stresemannstraße in Rheydt auf. "Auf dem Weg zur Arbeit habe ich schon gemerkt, dass heute ein ruhiger Tag wird", sagt sie. "Es war kaum jemand unterwegs." 8.30 Uhr 28 Frauen des Bezirksfrauenrates der Gewerkschaft Verdi trudeln nach und nach in das Arbeitslosenzentrum ein. Sie tragen Körbe und Taschen voller Boxershorts, roter Handtücher und Scherpen mit der Aufschrift "Wir boxen uns durch".

"Nur die im Internet ersteigerten Boxhandschuhe sind nicht mehr rechtzeitig angekommen", sagt die 46-jährige Stephanie Peifer. 8.45 Uhr Jonas, verkleidet als Schaf, sitzt stolz auf dem Beifahrersitz neben seinem Opa. Er hat sich am Morgen mit einer Tiersendung auf den Veilchendienstagszug eingestimmt. Die beiden fahren über die B 57 mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50km/h. "Der Trecker hat 110 PS und fährt seit 1986 beim Zug mit", sagt der Neunjährige. 15 000 Stunden Feldarbeit und Karnevalszüge hat er schon auf dem Buckel. 10.15 Uhr Opa und Enkel fahren in Gladbach ein, der Motor brummt.

Dann erfahren sie von Zugleiter Elmar Eßer eine Überraschung: Heute dürfen sie als Nummer sechs im Zug mitfahren, nach ursprünglicher Planung war es Nummer 60. "So weit vorne waren wir noch nie", sagt Johannes Wyen. Jetzt zieht er den Wagen der KG Eecke Poetz Dahl. Seit 38 Jahren fährt der 82-Jährige beim Karneval in Mönchengladbach mit.

10.30 Uhr Das Ortseingangsschild von Mönchengladbach leuchtet in der Vormittagssonne. Endlich wieder da! Werner Bucksch und seine Kollegen beziehen ihr Quartier in Rheydt. "Kurz frisch machen, dann geht es auf zum Zoch."

10.45 Uhr Die Verdi-Frauen trinken Sekt – auf den 100. Internationalen Frauentag und auf. Angelika Piepenbrink. Sie wird 60. "Das ist eine besondere Ehre", findet ihre Kollegin. Währenddessen packen Sie das Wurfmaterial zusammen und schminken sich blaue Augen. 11.30 Uhr Jonas II. läuft durchs Haus und sucht sein Kostüm zusammen. Nach und nach findet er alles, was ein richtiger Cowboy so braucht: Hut, Hemd und einen Colt. Für den letzten Schliff sorgt seine Mutter mit etwas Karnevalsschminke.

12.04 Uhr Der Musikzug TSV Sulzdorf trifft an der Lüpertzender Straße ein. Und geht mit der Startnummer zwölf ins jecke Umzugstreiben. Die Fußgruppen und Wagen in der Nachbarschaft werden beäugt. Man lacht viel und bietet sich gegenseitig Getränke an. 12.35 Uhr Die Sonne brennt auf die weiß-blauen Zipfelhüte der Musiker. "Wir sind über eine Urlaubsbekanntschaft auf den Gladbacher Zug aufmerksam geworden und mittlerweile zum dritten Mal dabei", schreit Werner Bucksch gegen die Karnevalsmusik an, die aus einem Festwagen dröhnt. 12.45 Uhr Treffpunkt Lüpertzender Straße gegenüber der VHS. Jonas II und sein kleiner Bruder Julian (6) treffen sich mit ihren Freunden aus der Schule. Tim (7), Paul (8), Linus (8) und Michel (6) gehen alle auf die KGS Uedding. Paul war gestern schon beim Umzug in Neuwerk. Dort hat er einige Freunde getroffen. Jonas hatte sich mit der Familie den großen Rosenmontagszug in Düsseldorf angesehen.

13.09 Uhr Langsam gehen die Sulzdorfer in Stellung. "Wir sind an zwei Sonntagen jeweils eineinhalb Stunden Probegelaufen. Gerade für die jüngeren Teilnehmer ist diese Übung wichtig." Die Truppe setzt sich aus Mitgliedern zwischen zehn und 70 Jahren zusammen. Werner Bucksch ist seit 47 Jahren dabei.

13.11 Uhr Das Rathaus in Rheydt liegt einsam in der Sonne. Die Kirmes wacht gerade auf. Das Kinderkarussell dreht ein paar Runden ohne Kinder, das Fahrgeschäft Twister liegt noch im Tiefschlaf. Drei Jungen versuchen sich am Boxstand. 13.19 Uhr Manfred Cremer macht seine Schießbude auf. Solange keine Kundschaft da ist, zählt er das Wechselgeld. "Das wird schon noch", gibt sich der Schausteller hoffnungsfroh. "Wenn das Wetter so bleibt, werden die Rückkehrer, die auf dem Weg nach Odenkirchen hier umsteigen müssen, noch einen Abstecher auf die Kirmes machen."

13.26 Uhr Lukas (6) und sein Bruder Leon (4) entern die Rolltreppe im Karstadt-Kaufhaus. Ihr Vater Sascha Giesers kommt hinterher. Das Trio geht einkaufen. "Ich habe heute Geburtstag und bekomme eine Playmobil-Waschanlage für Autos", erzählt Leon. Lukas braucht neue Schuhe. "Wir hatten gestern in Rheydt Karneval", sagt Sascha Giesers.

13.30 Uhr Langsam wird es Zeit. Der Zug ist spät dran. Jonas II und seine Freunde warten gespannt am Straßenrand, in der Hand eine große Tragetasche. Sie hoffen, heute möglichst viele Kamellen abstauben zu können. Da kommt der erste Wagen. Gleich geht es los. 13.40 Uhr Der Trecker von Johannes Wyen passiert die Brücke an der Lüpertzender Straße. Ohne Hupen. Ohne Probleme. Opa hat seit 1948 den Treckerführerschein. Jonas verteilt Popcorntütchen und Äpfel. 13.46 Uhr Birte Kohlen hat recht behalten: Weniger Kunden als sonst finden ihren Weg in die Apotheke. Den Freiraum nutzt sie für Arbeiten, für die sonst kaum Zeit ist: Ablage, Schränke auswischen, Ware einräumen.

14.03 Uhr Der Spielzug TSV Sulzdorf ist im Takt. Bei strahlendem Sonnenschein marschiert die Formation die Lüpertzender Straße entlang. Die Menschen jubeln ihnen zu. "In Gladbach ist der Karneval viel ausgelassener und lockerer, als der Fasching bei uns in Baden-Württemberg", sagt der 62-Jährige. 14.20 Uhr Die Hälfte des Zuges ist vorbeigezogen, die Tragetaschen von Jonas, Linus und Co. sind zu Dreivierteln gefüllt. Neben jeder Menge Bonbons, haben sie auch Schwämme, Tempotaschentücher und Bälle gefangen. Besonderes Glück hatten Linus und Moritz. "Wir haben einen der Borussiabälle erwischt", sagt Linus.

15.20 Uhr Für Jonas II und seine Kumpel ist der Veilchendienstagszug vorbei. Nach einem kurzen Abstecher auf die Hindenburgstraße macht er sich mit Mutter und Bruder auf den Heimweg. "Wir haben total viele Kamellen gefangen. Die Tüte ist randvoll." So muss das sein.

15.50 Uhr Werner Bucksch und seine Kollegen kommen allmählich ganz schön ins Schwitzen: "Wir sind sogar schon mal im Schnee nach Gladbach gefahren. So ein tolles Wetter wie in diesem Jahr hatten wir hier noch nie."

16.20 Uhr Die Tüten der Verdi-Frauen sind fast leer. Vier Fünftel des Zuges sind geschafft. "Wir sind gut mit dem Wurfmaterial ausgekommen, hätten aber auch die doppelte Menge loswerden können", sagt Peifer. Die Füße tun weh. Die Stimme ist gereizt. "Aber die Stimmung war bombig." 5,5 Kilometer sind fast geschafft. Alle Postkarten mit Aufschrift "Sch... Prinz. Er ist einfach nicht gekommen. Das haben Frauen vor 100 Jahren auch schon gemerkt – und sind aufgewacht!" sind verteilt.

16.45 Uhr Die 28 Frauen ziehen mit ihren drei Bollerwagen im Arbeitslosenzentrum ein. Sie machen sich über die Reste des Buffets her und trinken Kaffee. Dann bringen einige die Fahnen zum Gewerkschaftshaus zurück. 17.50 Uhr Stephanie Peifer und ihre Tochter Nele (14) sitzen im Auto. Sie suchen nach einer Pommesbude. Währenddessen feiern rund 15 Bezirksfrauen in der Altstadt weiter.

17.03 Uhr Abmelden bei der Zugleitung. Die Gäste aus Schwäbisch Hall haben für dieses Jahr offiziell Feierabend. "Jetzt geht es zurück nach Rheydt. Wir machen uns frisch, ruhen uns etwas aus und dann werden wir noch gemeinsam in einer Gaststätte auf den gelungenen Tag anstoßen." Heute geht es zurück nach Hause. Aber wiederkommen wollen die Musiker auch im nächsten Jahr.

17.15 Uhr Johannes Wyen schleppt Wagen Nummer 60 mit seinem Traktor nach Süchteln. "Der hatte keinen anderen zum Ziehen." Dann holt er mit Jonas Eis in der Eisdiele.

18.30 Uhr Der grüne Trecker fährt auf dem Hof in Rath-Anhoven ein. Frau Käthe begrüßt ihren Mann. Er füttert noch schnell die Pferde, dann isst die Familie gemeinsam das mitgebrachte Eis. 20 Uhr Erschöpft aber glücklich geht Jonas II ins Bett. Denn: Morgen ist wieder Schule. 21 Uhr Johannes und Käthe Wyen feiern bei ihrer Tochter nebenan Geburtstag. Sie ist 37 Jahre alt geworden. Der Trecker hat Pause.

0 Uhr Um Punkt Mitternacht ziehen Guido I. und Niersia Monika ihr Ornat aus. Im Vereinslokal Turnerheim an der Nordstraße sind sie bei der Hoppediz-Beerdigung ihrer Gesellschaft Schwarz-Gold Rheydt dabei. Und sie wechseln zum ersten Mal seit langem wieder bei einem offiziellen Termin in ganz normale Straßenkleidung. Und wie fühlt sich das an? Niersia Monika denkt einen Moment nach. "Schon bequem, aber auch komisch. Vor allem gucken ab jetzt wieder alle hin: Was hat sie denn an?"

Quelle: RP

 
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